Interview

Helmer: So holten wir 1996 den EM-Titel

Thomas Helmer erinnert sich an den EM-Titel 1996

Thomas Helmer erinnert sich an den EM-Titel 1996

Foto: Witters

Der Ex-Bayern-Star wurde vor 20 Jahren Europameister. Im Abendblatt erklärt er, warum Deutschland in Wembley siegte.

Hamburg.  Fasziniert starrt Thomas Helmer, 51, auf das Smartphone des Abendblatt-Reporters. Das Youtube-Video in miserabler Qualität zeigt, wie sein 50-Meter-Pass an jenem 30. Juni 1996 den Kopf von Marco Bode findet. Über Jürgen Klinsmann landet der Ball bei Oliver Bierhoff, der sich um die eigene Achse dreht. Dessen Schuss wird abgefälscht – und kullert zum 2:1 im EM-Finale gegen Tschechien im Wembley-Stadion über die Linie; das Team von Berti Vogts ist Europameister. Für Helmer, inzwischen Moderator bei Sport1 – am 12. Juni moderiert er den ersten EM-„Doppelpass“ (11 Uhr) –, war es der größte Moment seiner Nationalmannschaftskarriere. Bei Salat und Pasta in einen italienischen Restaurant in Eppendorf erinnert sich Helmer an den größten Moment seiner Länderspielkarriere.

Hamburger Abendblatt: Glückwunsch nachträglich, Herr Helmer! Sie haben das erste und letzte Golden Goal der EM-Historie vorbereitet.

Thomas Helmer: Danke. Aber um ehrlich zu sein, wollte ich den Ball nur nach vorne dreschen. Berti Vogts hatte angeordnet, dass wir hinten nicht mehr quer spielen durften. Zu gefährlich.

Und dann sorgt ausgerechnet Bierhoff, zuvor im Turnier nur zweimal jeweils kurz vor Schluss eingewechselt, für die Entscheidung.

Helmer: Ich weiß noch, dass Scholli (Mehmet Scholl, die Red.) richtig sauer war, als er im Finale gegen Olli (Bierhoff, die Red.) ausgewechselt wurde. Scholli hatte ein gutes Spiel gemacht, wollte weitermachen. Doch Olli sorgt erst per Kopf für den Ausgleich, dann schießt er sein Golden Goal. Am Tag vor dem Endspiel haben wir beide noch geredet. Olli war niedergeschlagen wegen seiner Reservistenrolle. Ich habe ihm prophezeit: Olli, du bist Stürmer, du kannst morgen das entscheidende Tor machen.

Wie war die Siegesfeier?

Helmer: Helmut Kohl, der große Kanzler, saß neben dem kleinen Berti Vogts in dieser wahnsinnig engen Kabine; ein wunderbares Bild. Jürgen Kohler hat Whisky getrunken, Kohl, glaube ich, auch. Das Bankett selbst war dann ziemlich enttäuschend, der Saal in unserem Londoner Hotel hatte keine Atmosphäre. Und um vier Uhr morgens haben uns die Kellner nach draußen komplementiert. Vielleicht waren die noch sauer, weil wir England im Halbfinale rausgeworfen hatten.

Im Elfmeterschießen. Sie mussten damals nicht ran, weil Sie in der Verlängerung beim Stand von 1:1 ausgewechselt wurden. Da waren Sie froh, oder?

Helmer: Ich habe in meiner Karriere nie einen wirklich wichtigen Elfmeter schießen müssen, dennoch hätte ich es gemacht. Ich weiß noch, wie Berti Vogts verzweifelt den fünften Schützen suchte. Häßler, Reuter, Ziege und Kuntz waren klar. Bei Strunz war er total unsicher, schließlich war der erst zwei Minuten auf dem Feld, ohne eine einzige Ballberührung. Aber ich habe ihm gesagt: Lassen Sie Thomas schießen, der ist in solchen Momenten eiskalt.

Strunz traf, wie alle fünf deutschen und englischen Schützen. Gareth Southgate scheiterte dann mit dem sechsten Elfmeter an Köpke …

Helmer: Vorher sind wir auf der Bank fast durchgedreht. Andy hatte Anweisungen bekommen, in welche Ecke die Engländer in der Regel jeweils schießen. Aber er sprang immer genau in die andere. Das Ding von Southgate hat er dann überragend gehalten.

Der von Andreas Möller verwandelte Elfmeter bedeutete den Finaleinzug – und riesigen Jubel in Deutschland. In der Vorrunde war die Stimmung noch ganz anders gewesen. Günter Netzer sagte nach dem 0:0 gegen Italien, er habe noch nie so einen „fürchterlichen und grausamen Fußball“ gesehen.

Helmer: Es stimmt, spielerisch waren wir nicht gerade überragend – auch nicht zuvor bei unseren Siegen gegen Tschechien und Russland. Aber wir haben in der Vorrunde kein einziges Tor kassiert. Außerdem hatten wir ein unglaubliches Verletzungspech. Im ersten Gruppenspiel gegen die Tschechen verlieren wir nach zehn Minuten unseren Kapitän Jürgen Kohler mit einem Innenbandabriss.

Später brach sich noch Fredi Bobic die Schulter, Mario Basler musste wegen Knöchelproblemen abreisen, und Steffen Freund riss sich im Halbfinale das Kreuzband.

Helmer: Ich sehe heute noch vor mir, wie Mull (Teamarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, die Red.) bei der Punktion eine Ampulle Blut nach der anderen aus Steffens Knie holt. Und am Ende sagt: Steffen, es geht nicht mehr. Und wie Steffen dann bitterlich weint.

Sie sah man eigentlich auch nur mit Kühlpacks an den lädierten Knien.

Helmer: Ich hatte mich so auf meinen ersten Wimbledon-Besuch gefreut. Stattdessen war ich zwischen den Spielen ständig in der medizinischen Abteilung. Unser Physiotherapeut Hans-Jürgen Montag hatte einen Schlüssel zu meinem Zimmer. Auch nachts kam er alle vier Stunden rein, um mich zu behandeln. Am Finaltag sollte ich morgens noch etwas laufen, da machten die Oberschenkelmuskeln komplett zu. Mull hat mir gesagt: „Thomas, ich mache jetzt etwas, was ich am Spieltag noch nie gewagt habe. Ich setze dir jetzt drei Nadeln. Es kann aber passieren, dass der Muskel dann endgültig auseinanderfliegt.“ Aber es hat funktioniert, ich konnte spielen. Mull und Hansi werde ich immer dankbar sein, sie haben mir mein Finale gerettet.

Im Endspiel waren dann ja auch noch Möller und Reuter gesperrt. Vogts ließ für die Reservetorhüter Oliver Kahn und Oliver Reck Feldspielertrikots beflocken und nominierte Jens Todt nach. Haben die Personalprobleme das Team zusammengeschweißt?

Helmer: Auf jeden Fall. Jeder wusste, dass es auf jeden Einzelnen ankommt. Der Zusammenhalt war überragend. Ganz anders als bei der WM 1994 in den USA. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass wir in Amerika Weltmeister hätten werden müssen, der Kader war überragend besetzt. Leider waren wir damals keine Mannschaft. Es hat nicht wie in England jeder für jeden gekämpft.

Viele sind überzeugt, dass der Teamgeist 1996 nur dank der Ausbootung von Lothar Matthäus so gut war.

Helmer: Lothar war ein überragender Fußballer, der uns auch 1996 sportlich weitergebracht hätte, keine Frage …

… menschlich offenbar nicht.

Helmer: Nein, das lasse ich so nicht gelten. Ich hatte in meinen Bayern-Jahren meinen Platz neben Lothar. Wenn ein Mitspieler ein Umzugsunternehmen brauchte, hat Lothar rumtelefoniert. Eine Stunde später hat er gesagt, das Unternehmen nimmt so viel, das andere ist so teuer, und bei dem reicht es, wenn du zwei Kisten Bier hinstellst. Lothar war enorm hilfsbereit.

Dennoch behauptet er weiterhin, dass Jürgen Klinsmann und Sie bei Berti Vogts dafür gesorgt hätten, dass er für die EM nicht nominiert wird.

Helmer: Ich muss da etwas weiter ausholen. Ich habe schon in der Winterpause 1995/1996 zu Franz Beckenbauer gesagt, dass es mit Klinsmann und Matthäus beim FC Bayern so nicht weitergeht. Das Verhältnis zwischen beiden war zerrüttet. Ich habe ihm erklärt: Ihr müsst euch für einen entscheiden. Die Situation ist dann leider immer weiter eskaliert.

Matthäus forderte ein öffentliches TV-Duell mit seinem Vereinskollegen Klinsmann vor einem Millionen-Publikum.

Helmer: Im Trainingslager vor der EM haben wir Bayernspieler unsere Sicht der Dinge aufgeschrieben. Ich habe unsere Thesen handschriftlich notiert, alle haben unterschrieben, dann haben wir es dem Vorstand des FC Bayern gefaxt. Ich nehme an, das Fax liegt irgendwo bei den Bayern im Safe. Vielleicht hängen sie es ja es eines Tages im Bayern-Museum auf (lacht).

Lothar Matthäus hat dann 1997 in seinem „geheimen Tagebuch“ nachgelegt. Er musste die Spielführerbinde an Sie abgeben. Wie ist Ihr Verhältnis heute?

Helmer: Gut, zumindest von meiner Seite ist alles wieder in Ordnung. Ich glaube, dass Lothar manchmal den falschen Beratern vertraut hat. So entstand sein Ruf, dass er vertrauliche Dinge ausplaudert. Wobei ich nicht weiß, ob das überhaupt stimmt. Aber bei der WM 1998, da war Lothar ja dabei, ist Berti Vogts öfters aufgeregt durch das Quartier gelaufen und wollte wissen, wer wann wo was den Reportern gesteckt hat.

Die Weltmeisterschaft endete 1998 mit dem Aus im Viertelfinale gegen Kroatien (0:3), bei der EM 2000 in den Niederlanden und Belgien kam das Aus nach den Gruppenspielen. Hat der Titel 1996 die deutschen Probleme, etwa in der Nachwuchsarbeit, übertüncht?

Helmer: Es gab immer überragende Einzelspieler, die dafür gesorgt haben, dass wir bei großen Turnieren gut aufgetreten sind. Aber schon 1998 waren viele Leistungsträger, auch ich, sportlich über ihren Zenit. Das Vorrundenaus bei der EM 2000 hat dann dazu geführt, dass die notwendigen Reformen endlich in Gang kamen.

Wissen Sie eigentlich noch, wie hoch die Titelprämie 1996 war?

Helmer: Nein, sagen Sie es mir.

52.000 Euro für jeden Spieler. Und doch im Vergleich zu heute mickrig. Sollten Schweinsteiger & Co. jetzt Europameister werden, gäbe es mit 300.000 Euro fast sechsmal so viel.

Helmer: Der Mannschaftsrat wollte 1996 eine höhere Prämie herausholen. Jürgen Klinsmann hatte eigens eine Präsentation vorbereitet. Aber bei Egidius Braun, damals DFB-Präsident, bissen sie auf Granit. Der hat nur gesagt: Denkt mal an die armen Waisenkinder in Rumänien!