Hamburg

Die Angst vor dem Negativrekord

Verliert der FC St. Pauli am Sonntag auch gegen den 1. FC Kaiserslautern, kommt er auf die schlechteste Zweitliga-Heimbilanz seit dem Abstieg 2003

Hamburg.  Fast gebetsmühlenartig wiederholten die Fußball-Profis des FC St. Pauli in den vergangenen Wochen diesen Satz: „Wir wollen uns diese sehr gute Saison nicht kaputtmachen.“ Spätestens seit der 3:4-Heimniederlage Mitte März gegen den SC Paderborn war die leise Hoffnung, zumindest den Aufstiegsrelegationsplatz zu erreichen, realistisch nicht mehr gegeben. Auf acht Punkte war der Rückstand auf den 1. FC Nürnberg zu diesem Zeitpunkt angewachsen. Auch wenn die Franken in der Folge zwischenzeitlich ein wenig schwächelten, konnten die St. Paulianer kein Kapital mehr daraus schlagen. Vor dem letzten Spieltag der Saison trennen den Tabellendritten Nürnberg und den Vierten St. Pauli stattliche zwölf Punkte. Es ist der bei Weitem größte Abstand zweier Tabellennachbarn in der Liga.

Inzwischen steht aber fest, dass der Kiezclub schlechtenfalls nur noch auf den fünften Rang in der Abschlusstabelle der Saison 2015/16 zurückfallen kann. Nach dem 15. Platz und dem denkbar knapp gesicherten Klassenverbleib vor einem Jahr ist dies unbestreitbar eine eindrucksvolle Steigerung, die vor Beginn dieser Saison keinesfalls zwingend zu erwarten war. Einige negative Fakten aber werden angesichts dieser überaus positiven Aspekte allzu leicht übersehen. So hat die Mannschaft von Ewald Lienen in den jüngsten neun Spielen nur noch acht Punkte sammeln können. Gerade einmal zwei dieser Partien konnten gewonnen werden. Dass St. Pauli trotz dieses sportlichen Einbruchs in der Tabelle nicht weiter abstürzte, hatte er zum einen seinem zuvor erarbeiteten Punktepolster, aber auch dem Schwächeln der Verfolger, wie des VfL Bochum, zu verdanken.

Diese Entwicklung hat zu der Situation geführt, dass beim Heimspiel an diesem Sonntag (15.30 Uhr, Sky und Liveticker abendblatt.de) gegen den 1. FC Kaiserslautern gleich zwei Negativrekorde drohen. Verliert St. Pauli das Spiel, wäre es die dritte Niederlage in Folge. Dies ist seit dem Amtsantritt von Cheftrainer Ewald Lienen am 16. Dezember 2014 noch nie passiert.

Schlimmer noch: Bei einer Niederlage – es wäre schon die siebte Heimpleite in der laufenden Saison – hätte der FC St. Pauli mit nur 26 Punkten seine schlechteste Zweitliga-Heimbilanz seit der Saison 2002/03 hingelegt. Und das in der ersten Spielzeit, in der das neue Millerntor-Stadion erstmals vollständig nutzbar war. Vor 13 Jahren, als die Kiezkicker daheim lediglich 18 Punkte sammeln konnten, stiegen sie in die damals noch drittklassige Regionalliga Nord ab.

„Wir haben in dieser Saison schon zu viele Heimspiele verloren und sind es den Fans, aber auch uns selbst schuldig, das letzte Match zu gewinnen“, sagt St. Paulis Urgestein Jan-Philipp Kalla zu diesem Thema. „Wir wollen die gute Saison jetzt auch als Vierter abschließen und nicht am letzten Spieltag noch von Bochum überholt werden. Ich habe im Training gemerkt, dass alle von uns sehr darauf fokussiert sind, uns positiv aus der Spielzeit zu verabschieden“, sagte Torwart Robin Himmelmann.

Ebenso sieht es auch Cheftrainer Ewald Lienen. „Es wäre sehr wichtig für uns alle, die Saison mit einem Erfolgserlebnis abzuschließen. Leider haben wir aus unterschiedlichen Gründen unser zuvor gezeigtes Level zuletzt nicht mehr halten können. Gerade in der Phase, in der die Nürnberger geschwächelt haben, waren wir auch nicht da. Wenn wir in dieser Zeit alle Spieler verletzungsfrei und topfit zur Verfügung gehabt hätten, wäre die Situation vielleicht anders gewesen. So aber haben wir in den vergangenen Woche zwar auch mal gewonnen und unentschieden gespielt, aber insgesamt einfach zu oft verloren – und das vor allem zu Hause. Auch im Hinblick auf die nächste Saison und für unsere fantastischen Fans wäre es sehr schön, wenn wir ihnen zum Abschluss noch einmal einen Sieg präsentieren könnten“, sagte Lienen am Freitag weiter.

Personell plagen ihn allerdings erneut einige Sorgen. „Es ist noch nicht klar ersichtlich, wer hundertprozentig zur Verfügung steht. Ein paar Spieler konnten in dieser Woche zeitweise nicht mittrainieren“, berichtete Lienen am Freitag. Zu dieser Gruppe gehörten Stürmer Jean-Fabrice „Fafa“ Picault, Innenverteidiger Sören Gonther, Mittelfeldspieler Enis Alushi und Offensivakteur Waldemar Sobota. „Bei ihnen können wir erst nach dem Abschlusstraining sagen, ob sie dabei sein können“, sagte Lienen. Bereits Klarheit gab es am Freitag bei drei anderen Spielern. „Definitiv werden John Verhoek, Jeremy Dudziak und Marc Rzatkowski nicht auflaufen“, berichtete er.

Sicher ist auch, dass Kaiserslautern jüngst weitaus erfolgreicher als St. Pauli war und in den jüngsten sechs Spielen vier Siege und zwei Unentschieden erreichte, nachdem es zuvor fünf Niederlagen am Stück gegeben hatte. „Sie haben einiges verändert und jetzt eine erfolgreiche Formation gefunden. Das wird eine ordentliche Herausforderung für uns“, sagte Trainer Lienen.

Vor dem Anpfiff werden sieben Spieler auf dem Rasen des Millerntor-Stadions offiziell verabschiedet. Neben Lennart Thy (Werder Bremen), John Verhoek (1. FC Heidenheim), Sebastian Maier (voraussichtlich Hannover 96) und Enis Alushi (noch ohne neuen Verein) werden dies auch die vorwiegend in der U-23-Mannschaft eingesetzten Yannick Deichmann, Okan Kurt und Andrej Startsev sein.