Radrennen

Kein Titelsponsor – Cyclassics droht das Aus

Radrennfahrer vor dem Hamburger Rathaus (Archiv)

Radrennfahrer vor dem Hamburger Rathaus (Archiv)

Foto: FrankPeters / WITTERS

Den Hamburg Cyclassics droht nach dem Ausstieg von Vattenfall der Wechsel in eine andere Stadt. Austragung 2017 stark gefährdet.

Hamburg. Am Sonntag, 21. August, am Abschlusstag der Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro, werden die Hamburg Cyclassics zum 21. Mal gestartet. Den Termin sollte man sich merken. Nicht nur, weil das Profiradrennen zwei Wochen nach dem in Rio eine Art Olympia-Revanche wird und sich 20.000 Jedermänner wieder auf die Stadt als Stadion freuen; es könnte auch das vorerst letzte Mal sein, dass Europas größtes Eintagesradrennen an Alster und Elbe gefahren wird. Die Gefahr ist konkret. Gibt es für die künftigen Veranstaltungen bis Ende September keinen neuen Titelsponsor, könnten die Cyclassics im August 2017 und in den darauffolgenden Jahren nicht mehr in Hamburg stattfinden.

„Falls hier die wirtschaftlichen Voraussetzungen nicht mehr gegeben sein sollten, müssen wir ernsthaft überlegen, mit der Veranstaltung woandershin zu gehen, wo sie sich für unser Unternehmen besser rechnet. Auch wenn mir als Hamburger das Herz blutet und der Standort in der Szene Kultcharakter hat, die Entscheidung wäre dann wohl alternativlos“, sagt Christian Toetzke, 48, einer von fünf Vorständen des weltweiten Sportveranstalters Ironman mit Hauptsitz in Tampa (US-Bundesstaat Florida).

Ironman wiederum gehört zur chinesischen Wanda Group, einem börsennotierten Mischkonzern mit einem Jahresumsatz von 25 Milliarden Euro. Wanda engagiert sich vornehmlich in der Freizeitindustrie, baut Hotels und Einkaufszentren, kaufte zuletzt Kinos und Filmstudios in den USA. Sportveranstaltungen sind ein wachsender Teil des Geschäftsfeldes.

Am 21. Januar dieses Jahres übernahm Ironman alle Veranstaltungen

Das Hamburger Radrennen – nach dem Vorbild der Stadtmarathons für Spitzen- und Breitensportler – war im Jahre 1996 eine Erfindung Toetzkes mit seiner damaligen Agentur Upsolut Sports und wurde nach deren Verkauf Ende 2007 an den französischen Großkonzern Lagardère von diesem weitergeführt. Am 21. Januar dieses Jahres übernahm Ironman alle Veranstaltungen Lagardères, darunter den Hamburger Triathlon, den Velothon Berlin und ebendie Cyclassics. Insgesamt organisiert Ironman jetzt weltweit 185 Sportevents. Höhepunkt ist die Ironman-Triathlon-WM auf Hawaii.

Der Titelsponsor der Cyclassics war 20 Jahre lang derselbe: von 1996 bis 2005 die Hamburgischen Electricitäts-Werke (HEW), von 2006 bis 2015 Nachfolger Vattenfall. Die Schweden, sie zahlten zuletzt rund 750.000 Euro, stiegen im vergangenen August nach der 20. Auflage des Rennens aus. In diesem Jahr müssen die Cyclassics das erste Mal ohne Namensgeber über die Runden kommen. Der Etat von rund 3,2 Millionen Euro ist dennoch gedeckt, die rote Null aber im Moment wahrscheinlicher als die schwarze. Ein Problem stellt das aktuell nicht dar, in der Zukunft schon.

„Das Interesse an den Cyclassics ist groß“

Ein neuer Titelsponsor, der etwa eine halbe Million Euro zahlen müsste, konnte bislang nicht gefunden werden. Die Verhandlungen mit fünf Hamburger Unternehmen gingen laut Toetzke zwar bis auf die Zielgerade, zu einem Vertragsabschluss führte jedoch keines dieser Gespräche.

Woanders hatte man mehr Erfolg. „Das Interesse an den Cyclassics ist groß. Uns liegen zwei konkrete, unterschriftsreife Angebote von Unternehmen vor, die das Konzept der Cyclassics in anderen Städten durchführen wollen, in einer deutschen und einer im benachbarten Ausland“, sagt Toetzke. Dabei ginge es jeweils um Verträge über fünf Jahre. Beide Unternehmen wollten aber nicht nach Hamburg, weil sie hier nicht ihren Firmensitz haben.

Übernommen würde an beiden Orten das Gesamtpaket, also das Elite- und die Jedermannrennen. Das Profirennen gehört seit Jahren zur WorldTour des Radsport-Weltverbandes UCI und ist damit eine von insgesamt 27 Veranstaltungen, deren Resultate in die Weltrangliste einfließen. Das Rennen muss laut Vertragslage nicht in Hamburg gefahren werden, wohl aber in Deutschland oder im benachbarten europäischen Raum.

2017 soll in Hamburg erstmals ein Ironman-Triathlon stattfinden

Toetzke hat bereits die Stadt über den drohenden Abschied der Cyclassics aus Hamburg informiert. Die Hilfsmöglichkeiten des Senats sind allerdings beschränkt. Finanzielle Unterstützung über den derzeit gewährten Zuschuss von 100.000 Euro hinaus wäre politisch nicht vertretbar, Druck auf Hamburger Unternehmen auszuüben wohl kontraproduktiv.

Der Verlust der Cyclassics träfe die Stadt in einem Moment, in dem sie sich nach dem Olympia-Aus als Welthauptstadt des Ausdauersports zu etablieren versucht. Nach dem Marathon und dem weltweit größten Triathlon gehörte das Radrennen zu diesem Ensemble, das im nächsten Jahr mit einem Triathlon über die Ironman-Distanz (3,86 Kilometer Schwimmen, 180,2 Kilometer Radfahren, Marathonlauf) ergänzt und abgerundet werden sollte. Ein ähnlich hochklassiges Angebot gibt es in keiner anderen Stadt der Welt. Noch hat Toetzke Hoffnung: „Wir bieten ein werthaltiges Produkt an und haben noch vier Monate Zeit, Lösungen zu finden.“

Auch Sportstaatsrat Christoph Holstein (SPD) hegt Optimismus: „Sportsponsoring lohnt sich – insbesondere bei Formaten, die weit über Hamburg hinausstrahlen. Dass die Wirtschaft hier mitzieht, haben wir zuletzt bei der Entscheidung von Lidl für das EM-Fanfest auf dem Heiligengeistfeld gesehen.“

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