Marathon in Hamburg

Sie sind weiblich, schnell und haben promoviert

Dr. Mona Stockhecke, 32, (l.) war bei der
Leichtathletik-EM
2014 schnellste deutsche
Marathonläuferin. Bestzeit:
2:33:50 Stunden. Dr. Andrea Diethers, 31, lief bei ihrer
Marathon-Premiere
vor einem Jahr in
2:44:24 Stunden auf Anhieb zum Hamburger
Meistertitel

Dr. Mona Stockhecke, 32, (l.) war bei der Leichtathletik-EM 2014 schnellste deutsche Marathonläuferin. Bestzeit: 2:33:50 Stunden. Dr. Andrea Diethers, 31, lief bei ihrer Marathon-Premiere vor einem Jahr in 2:44:24 Stunden auf Anhieb zum Hamburger Meistertitel

Foto: picture alliance, Diederich

Mona Stockhecke und Andrea Diethers sind Hamburgs schnellste Läuferinnen. Nicht nur die Wissenschaft verbindet sie.

Hamburg.  Wie machen die das nur: kein bisschen abgekämpft auszusehen nach 42 Kilometern Laufen in wahnwitzigem Tempo? Mit einem Zahnpastalächeln über die Ziellinie zu federn, wo sich anderen der Schmerz ins Gesicht geschrieben hat? Kein Wunder, dass Mona Stockhecke und Andrea Diethers auf Plakaten und Zeitschriftencovern für ihren Sport werben, so, wie die beiden aussehen. Aber das ist ja nicht alles, was sie verbindet: Stockhecke, 32, und Diethers, 31, starten beide für das Lauf-Team Haspa-Marathon Hamburg. Sie sind die schnellsten Langstrecklerinnen der Stadt, obwohl sie erst spät mit dem Laufen begonnen haben. Und sie haben beide einen Doktortitel.

Vor allem aber haben sie Spaß am Laufen. „Ich bekomme gar nicht genug davon“, sagt Stockhecke, „es wird immer interessanter.“ Sie hat das Training noch einmal intensiviert, seit sie vor zwei Jahren bei der Leichtathletik-EM in ihrer Wahlheimat Zürich als beste deutsche Marathonläuferin den 22. Platz belegte. Hat an ihrer Grundschnelligkeit gearbeitet, auch einmal kurze Tempoläufe eingebaut, 20-mal 400 Meter auf der Tartanbahn. Laufen sei „fast schon ein zweiter Job geworden“. Aber eben nur fast.

Im ersten, dem echten Job erforscht die Geologin Spuren vergangener Klimabedingungen in Sedimenten. Im Rahmen eines dreijährigen Stipendienprogramms gastiert sie derzeit am Large Lakes Observatory der University of Minnesota Duluth in den USA. Wobei Stockhecke eher selten vor Ort ist. Ihre Feldforschungseinsätze führen sie nach Ostafrika und Mittelamerika. Auch nach Zürich kommt sie regelmäßig, um ihre weiteren Forschungsprojekte voranzutreiben. Und um immer einmal wieder mit ihrer Laufgruppe trainieren zu können, was ihr vor allem vor Rennen wichtig sei.

Wo Mona Stockhecke wohl stehen könnte, wenn sie nicht erst vor sechs Jahren angefangen hätte, wettkampfmäßig zu laufen? Und vor allem: wenn sie sich allein darauf konzentrieren würde und nicht nur phasenweise wie um Weihnachten und Neujahr herum? Mona Stockhecke stellt sich diese Frage nicht, weil sie die Prioritäten in ihrem Leben nicht anders setzen möchte: „Beides macht großen Spaß, beides ist sehr international. Und ich liebe die Herausforderung.“

Kürzlich aber ist es sogar ihr ein bisschen viel geworden. Mona Stockhecke war auf Bohrkampagne in Mexiko, zwei Wochen lang hat sie jede Nacht zwölf Stunden auf dem Feld gestanden und gearbeitet. Das Training hat sie auf dem Weg von der Arbeit und wieder zurück erledigt. Danach habe sie schon eine Woche gebraucht, um sich wieder frisch zu fühlen. Aber jetzt sei sie richtig gut in Form.

Das war zu sehen am vergangenen Sonntag. Beim Berliner Halbmarathon stellte Stockhecke in 1:14:20 Stunden einen Hamburger Landesrekord auf, nur 20 Sekunden fehlten zur Norm für die Leichtathletik-EM im Juli in Amsterdam, ihr großes Saisonziel. Vielleicht ergibt sich beim Haspa-Mara­thon in ihrer Heimatstadt sogar ein noch größeres: die Olympischen Spiele im August in Rio. Mona Stockhecke müsste ihre Bestzeit (2:33:50) dafür noch einmal um knapp zweieinhalb Minuten steigern. Nicht, dass sie sich das als Ziel gesetzt hätte. „Aber ich setze mir auch keine Grenzen.“

Andrea Diethers – Halbmarathon-Bestzeit 1:17:06 – hatte den Start in Berlin auch fest eingeplant. Aber dann hat sie eine Erkältung gestoppt, die sie nun zweifeln lässt, ob sie ihren Hamburger Meistertitel beim Haspa-Marathon überhaupt verteidigen kann. Die Pulswerte bei lockerem Dauerlauf seien entschieden zu hoch.

Vielleicht hat sie sich Ende März doch etwas zu viel zugemutet auf dem Israel National Trail, einem Fernwanderweg durch das Heilige Land. Eine Woche lang täglich bis zu 60 Kilometer querfeldein, am Ende noch der Start beim Jerusalem-Halbmarathon, mit Muskelkater in den Beinen. „Es war mein anstrengendstes Rennen“, sagt die Biochemikerin, „aber es war trotzdem die coolste und schönste Reise meines Lebens.“

Und Diethers kommt viel herum. Ihr Ausrüster Asics hat sie in sein „Frontrunner“-Team berufen: eine Gruppe von 150 leistungsstarken, ambitionierten Läuferinnen und Läufern, die um die Welt geschickt werden, um für ihren Sport (und die Marke) zu werben. Erst die Mitläufer hätten sie überzeugt, sich vor einem Jahr erstmals für einen Marathon anzumelden. Es war ein kluger Ratschlag. Diethers stürmte in 2:44:24 Stunden ins Ziel, „das war das Rennen meines Lebens“.

Neuerdings arbeitet Diethers für Asics in Neuss auch im Marketingbereich. Die Wissenschaftskarriere, die Forschungsprojekte an der Universität Hamburg, das alles sei „erst mal auf Eis gelegt“. Das gibt ihr die Freiheit, sich mit ganzer Kraft dem Sport zu widmen. Sich zweizuteilen zwischen Labor und Laufstrecke, „das ginge für mich nicht“.

Ihr Leben ist auch so aufregend genug. Andrea Diethers sagt: „Ich lebe meinen Traum.“ Der Marathon, auf den andere eine ganze Saison hinarbeiten, ist auch für sie ein großes Ziel, mehr aber noch ein großer Spaß. Es darf auch gern noch länger sein. Für September hat sie sich den Transalpine Run vorgenommen: einen Lauf über sieben Tagesetappen von Garmisch-Partenkirchen nach Brixen (Italien), 251,3 Kilometer, 15.135 Höhenmeter Aufstieg, 15.271 Abstieg. Verglichen damit ist ein Marathon ein Spaziergang, bei dem man gut lächeln hat.