Sport

Ein Leben zwischen Boxring und Manege

Angelo Frank ist im Zirkus Europa als Voltigierkünstler und Hundedompteur eine Attraktion. Doch seine zweite Leidenschaft gehört dem Profiboxen

Wie er da so steht auf dem Rücken des galoppierenden Pferdes, in den Knien leicht federnd den Höhepunkt des Auftritts erwartend, und das mit einer Ruhe in der Mimik, die einem satt gegessenen Osterspaziergänger viel besser zu Gesicht stünde; da hat Angelo Frank die wichtigste Antwort schon gegeben. Die Antwort auf die Frage, warum er ihn sich antut, diesen Kampf, zwei Leben in eins zu pressen, wo jedes für sich anstrengend genug wäre. Sie ist einfach: Weil der Zirkus und das Boxen zu ihm gehören und das eine ohne das andere nicht möglich wäre. „Ich lebe nicht nur einen Traum, sondern zwei. Was will ich mehr?“, sagt er.

Frank, geboren 1989 in Hamburg und aufgewachsen im Zirkus Europa, den sein Vater Sandro in der fünften Generation als Familienbetrieb führt, ist Artist und Profiboxer in einem. In der Manege ist er Voltigierkünstler und Hundedompteur, im Ring seit Dezember vergangenen Jahres internationaler deutscher Meister im Weltergewicht, der Klasse bis 66,6 Kilogramm.

Seine Pokale und Medaillen liegen in einem Hängeschrank in der Küche

Der 27-Jährige empfängt die Besucher in seinem Wohnmobil, das der Familie das ganze Jahr über als Heimat dient. Zwei Stunden sind es noch bis zum Start der Show, doch von hektischer Betriebsamkeit ist nichts zu spüren. Angelos Söhne Louis, 4, und Jordan, 1, wuseln dem Vater um die Beine herum, er drückt und küsst sie, wann immer er sie greifen kann. Ehefrau Nathalie serviert Kaffee. Die liebevolle Dekoration bringt Gemütlichkeit in das erstaunlich geräumige Domizil, das mit einem Zirkuswagen alter Prägung nichts mehr gemein hat.

Im mit Teppich ausgelegten Wohnbereich stehen ein Sofa und zwei Sessel aus hellem Leder, die Küche ist mit Hängeschränken, Herd, Kühlschrank und Spülmaschine perfekt ausgestattet. Ein schmaler Durchgang führt ins Schlafzimmer, wo das Elternbett und die Kleiderschränke stehen. Ein kleines Bad und eine Dusche sind integriert, es gibt sogar eine Fußbodenheizung. „Auch wenn man so viel unterwegs ist wie wir, will man auf einen gewissen Luxus nicht verzichten“, sagt der Hausherr.

Sein liebstes Accessoire hat er auf dem Sessel am Eingang drapiert. Es ist der Gürtel, der ihn als deutschen Meister ausweist. Die vielen Pokale und Medaillen, die er im Lauf seiner Amateurkarriere gewonnen hat, liegen in einem Hängeschrank über der Spüle.

Dass er Artist werden würde, daran führte kein Weg vorbei. „Wer im Zirkus aufwächst, kann sich kein anderes Leben vorstellen“, sagt er. An einem Ort sesshaft zu werden, einem geregelten Arbeitsalltag nachzugehen, das würde in der Großfamilie Frank niemand aushalten. Sie lieben es, unterwegs zu sein, hauptsächlich in Norddeutschland, aber auch bundesweit. Für die Kinder ist das nicht immer einfach. „Ich habe in meinem Leben rund 300 Schulen besucht, und immer wieder musste ich von meinem Zirkusleben erzählen. Das nervt irgendwann“, sagt Angelo.

Drei Monate im Winter verbringen sie im Basiscamp in Bergen-Belsen, dann werden neue Nummern einstudiert und die Ausrüstung repariert. Den Rest des Jahres sind sie auf Reisen. Vater Sandro und dessen Gattin Natascha, die wie die Ehefrauen der Söhne aus einer anderen Zirkusfamilie stammt, managen den Betrieb, kümmern sich um die Route, die Stellplätze, den Kontakt zu den Gemeinden und der Presse. Bruder Sandro junior, 24, ist Artist, seine Frau Mandy singt und tanzt. Angelos Frau Nathalie moderiert die Show, seine Schwester Célina, 16, turnt am Ringtrapez und tanzt ebenfalls. Dazu reist eine tschechische Artistenfamilie diese Saison mit. Inklusive Arbeitern für Auf- und Abbau des Zeltes – Ersterer dauert eineinhalb Tage, Letzterer drei Stunden – leben 20 Menschen vom Familienbetrieb Zirkus Europa.

Das Geschäft läuft schleppend. Die Konkurrenz ist groß, das Interesse schwindet stetig. „Wenn früher der Zirkus in die Stadt kam und Tiere dabeihatte, war der Platz sofort voll mit Menschen, die uns zusehen wollten. Heute sind die Kinder oft nur noch mit ihrem Smartphone beschäftigt und haben alles, was wir bieten, schon gesehen“, sagt Sandro Frank. Zweifel daran, den besten Beruf der Welt zu haben, hat dennoch niemand aus der Crew.

Auch Angelo nicht. Alles, was er kann, hat er im elterlichen Betrieb gelernt. Seine erste Nummer war ein Handstand auf dem Stoßzahn eines Elefanten, da war er eineinhalb Jahre alt, und im Zirkus gab es noch Wildtiere. Mit Pferden arbeitet er, seit er vier Jahre alt ist, das Voltigieren kam mit 13 dazu, die Hundedressur mit 18. Das Händchen für Tiere hat er vom Vater, der als Dompteur mit Pferden, Kamelen, Lamas und den Zebu- und Hochlandrindern arbeitet. Wenn Angelo den Stallbereich betritt, wo gut 50 Tiere in sauberen Boxen stehen, ist das Kläffen und Herumtollen groß. Ein Pfiff, und die sechs Terrier- und Jack-Russell-Mischlinge stehen still. So sieht es aus, wenn einer die Kontrolle hat.

Für seinen Traum vom EM-Titel würde er das Zirkusleben temporär aufgeben

Die hat Angelo Frank auch als Boxer nie gern abgegeben. Er ist 14, als ihn ein Onkel, der selbst boxte, während einer Tournee im Saarland zu den lokalen Meisterschaften anmeldet. In seinem ersten Kampf wird der Teenager, der damals noch als Angelo Welp mit dem Nachnamen seiner Mutter – die Eltern heirateten erst vor vier Jahren – antritt, Saarlandmeister in der Klasse bis 45 Kilogramm. Und weiß, dass er vom Boxen nicht mehr loskommen wird.

Als Amateur kämpft er zunächst in der Oberliga für Braunschweig, wird Meister, steigt in die Zweite Liga auf und wird mit Seelze Meister, steigt in die Bundesliga auf und verliert auch für Nordhausen keinen Kampf. „Mehrfach hintereinander wurde er als bester Kämpfer ausgezeichnet. Da habe ich gewusst, dass er es weit bringen kann mit seinem Sport“, sagt Sandro Frank. Der 43-Jährige hat seinen beiden Jungs immer den Rücken gestärkt, wenn sie boxen wollten. Er selbst hat nur trainiert, nie Wettkämpfe bestritten. Sandro junior hat auch Amateurkämpfe gemacht, aber wer seine atemberaubende Handstandnummer auf einer auf vier Weinflaschen stehenden Stuhlpyramide sieht, kann erahnen, dass sein Glück eher in der Manege liegt.

Sein Bruder dagegen war sich sehr früh sicher, dass er sein Herz zwischen dem Boxen und dem Zirkus würde aufteilen müssen. Nach einem Tipp von Ex-Europameister Eduard Gutknecht wagte er im Sommer 2015 den Sprung zum Berliner Wiking-Team. Im Dezember gewann er in Pinneberg gegen Denis Krieger seinen Titel. Es war sein vierter Profikampf, auf boxwelt.com wurde die Zehnrundenschlacht zum Kampf des Jahres gewählt.

Kein Wunder also, dass Angelo Frank gewillt ist, das geliebte Zirkusleben wenigstens für eine Zeit lang ruhen zu lassen. So, wie es jetzt läuft, dass er manchmal vom Training mit Wiking-Chefcoach Hartmut Schröder aus Berlin mehrere Stunden mit dem Auto zum aktuellen Zirkusstandort rast, um die Abendvorstellung noch mitzumachen, kann es nicht weiterlaufen, wenn er seine Ziele verwirklichen will.

Und Ziele, die hat er. Am 7. Mai soll im Vorprogramm der Veranstaltung des Sauerland-Stalls in der Hamburger Barclaycard Arena sein nächster Kampf stattfinden, Ende des Jahres möchte er um den EM-Titel kämpfen, den aktuell der Italiener Gianluca Branco hält. Und die erste Titelverteidigung, die soll im heimischen Zelt ausgetragen werden. Eine Europameisterschaft im Zirkus Europa, das wäre die perfekte Abrundung für seine Geschichte.

Dafür wird es aber nicht reichen, die meiste Zeit des Jahres in dem umgebauten Zirkuswagen zu trainieren, wo ihm immerhin ein Sandsack, eine Hantelbank und sogar eine Sauna zur Verfügung stehen. „Ich weiß, dass ich dann nach Berlin gehen und dem Boxen Priorität einräumen müsste“, sagt er, „und ich bin auch bereit dazu, weil ich mir sonst irgendwann vorwerfen würde, es nicht probiert zu haben. Es gibt viele Zirkusleute, die boxen. Aber ich will etwas schaffen, was noch keiner geschafft hat“, sagt er.

Die Familie ist bereit, ihn zu unterstützen. Schon jetzt wird seine Hundenummer gestrichen, wenn er wegen einer Vorbereitung oder eines Kampfes nicht da sein kann. Vater und Bruder arbeiten dann für ihn mit, und auch wenn er eigentlich nicht zu ersetzen ist, stärken sie ihm den Rücken. „Wir wünschen ihm alle, dass er seinen Traum verwirklichen kann“, sagt der Vater.

Der Höhepunkt der Pferdenummer ist nah, Angelo Frank steht auf dem Rücken des galoppierenden Friesen, er federt kurz in den Knien, atmet noch einmal durch und springt dann mit einem Rückwärtssalto in die Mitte der Manege. Alles sieht so leicht aus, wie es nur bei einem aussehen kann, der sein Handwerk liebt. Die rund 50 Besucher applaudieren begeistert, und aus Vater Sandros Gesicht weicht die Anspannung. „Ich sage ihm oft, dass er den Salto weglassen soll. Wenn er sich dabei verletzt, ist das doppelt bitter. Dann fällt er ja nicht nur im Zirkus aus, sondern auch beim Boxen“, sagt er. Aber der Sohn hört nicht darauf. Er will keine Kompromisse machen, solange er es nicht muss.

Der Zirkus Europa gastiert noch bis 10. April in Bargteheide und vom 14. bis 24. April in Barsbüttel. Karten kosten zehn bis 25 Euro.

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