Sportserie

Hamburg ist die aktivste Großstadt Deutschlands

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Turnen und Fitness bieten in Hamburg 191 Vereine an. 120.056 Mitglieder im Verband für Turnen und Freizeit sind weiblich

Turnen und Fitness bieten in Hamburg 191 Vereine an. 120.056 Mitglieder im Verband für Turnen und Freizeit sind weiblich

Foto: Getty Images

Teil drei: Breitensport. Hamburg saniert umfangreich Sporthallen und -plätze und baut neue, doch der Bedarf wächst weiter.

Hamburg.  „Hamburg hat die sportaktivste Bevölkerung aller deutschen Großstädte.“ Das ist das Ergebnis einer Studie des verstorbenen Osnabrücker Professors Christian Wopp, die der Sportwissenschaftler 2011 dem Senat vorlegte. Demnach treiben 80,5 Prozent der Hamburger sporadisch oder regelmäßig Sport. Der Bewegungsgrad dürfte sich zuletzt noch erhöht haben. Der Hamburger Sportbund (HSB), die größte Personengesellschaft der Stadt, verzeichnete Ende Dezember 2015 mit 578.672 Mitgliedschaften in 817 Vereinen und 54 Fachverbänden neue Rekordzahlen. Hinzu kommen rund 150.000 Mitglieder in den 143 kommerziellen Fitnessstudios.

Selbst wenn man die 81.750 Supporters des HSV (67.816) und des FC St. Pauli (13.934) abzieht, bleibt eine stattliche Zahl Aktiver. Nicht berücksichtigt sind die zahlreichen nicht in Vereinen organisierten Freizeitsportler, die an Alster und Elbe, in Parkanlagen oder Wäldern joggen, spielen oder turnen. Mit ihrem Parksport-Konzept, das im Wilhelmsburger Inselpark erfolgreich erprobt wird, fördert die Stadt die Möglichkeiten, sich im urbanen Raum ungezwungen bewegen zu können.

Sportstadt Hamburg!

Vieles spricht dafür. Schulbau Hamburg und das Hamburger Gebäudemanagement GMH bewirtschaften derzeit 732 Sporthallenfelder in etwa 560 Schulsport- oder Gymnastikhallen an rund 460 Schulen; dazu 406 Außensportanlagen, darunter sind 240 Groß-, 75 Kleinspielfelder und 42 Rundlaufbahnen, an 230 Schulstandorten – eine nahezu flächendeckende Versorgung in allen sieben Bezirken, wenn man einen groben Schlüssel von 300 Schülern pro Sportfeld ansetzt.

Diese und die folgenden Zahlen gehen aus den Antworten der Behörde für Inneres und Sport auf eine Abendblatt-Anfrage hervor.

2015 wurden zehn Sporthallenfelder für 7,5 Millionen Euro saniert, 19 Felder in elf Hallen für rund 26,5 Millionen Euro neu gebaut. In der laufenden Legislaturperiode investiert die Stadt bis Ende 2019 über Schulbau Hamburg rund 270 Millionen Euro in die Renovierung, Instandsetzung oder den Neubau von Schulturnhallen, die von 17 Uhr an auch von Vereinen und Verbänden kostenfrei genutzt werden.

Dadurch entstehen in den nächsten drei Jahren weitere 81 Sporthallenfelder. 109 werden für rund 130 Millionen Euro neu gebaut, 28 abgerissen oder aus der schulischen Nutzung genommen. Darüber hinaus ist bis 2019 die Sanierung von 69 Sporthallenfeldern geplant. Kalkulierte Kosten: 50 Millionen Euro. Bis 2027 sollen weitere 230 Millionen Euro in die Modernisierung der Anlagen fließen. Auch für die Ertüchtigung vereins- und verbandseigener Hallen und Plätze stehen städtische Mittel als Zuschüsse bereit. 2015 waren es 1,9 Millionen Euro, in diesem Jahr sollen es 3,2 Millionen werden. Hamburg erhält mit diesen Maßnahmen die wahrscheinlich modernste Sportinfrastruktur im Land.

Alle diese Entscheidungen wurden vor der Olympiakampagne getroffen. Hamburg-Wasser-Chef Michael Beckereit, Vorsitzender der vom Senat eingesetzten Zukunftskommision Sport, geht davon aus, dass sie auch nach dem gescheiterten Referendum gelten: „Der Sport wird nicht hinter den Stand zurückfallen, den er Anfang 2014 vor der Olympiabewerbung hatte. Das Sanierungsprogramm läuft weiter.“ Und der zurückgetretene Innen- und Sportsenator Michael Neumann sagte bei einem seiner letzten öffentlichen Auftritte vor neun Tagen beim SV Eidelstedt: „Der Acker ist reich bestellt. Der Sport ist mit seinen Vereinen einer der zentralen Wertevermittler unserer Gesellschaft. Das ist erkannt. Je erfolgreicher wir im Sport sind, desto weniger hat der Innensenator zu tun.“

Neumann schränkte jedoch ein, dass bei den finanziellen Verteilungskämpfen im Senat der Sport ohne den Rückenwind der Olympiabewerbung künftig einen schwereren Stand haben dürfte. Dabei nehmen die ohnehin vielfältigen Aufgaben für Vereine und Verbände noch zu. Bei der Integration von Flüchtlingen waren sie die Ersten, die aktiv wurden und Angebote schufen. HSB-Präsident Jürgen Mantell fordert deshalb einen Ausgleich für diese Herausforderungen. Von März an wird der neue Sportfördervertrag zwischen dem HSB und der Stadt für 2017/2018 verhandelt. Im aktuellen Haushaltsplan 2015/2016, schreibt die Behörde, „sind im Einzelplan 8.1. in der Produktgruppe Sport an Transferleistungen und Investitionsmitteln jährlich rund 15,3 Millionen Euro vorgesehen.“ Mantell nennt keine Zahlen, aber einen satten Zuschlag hält er für die nächsten zwei Jahre für angemessen; auch als Zeichen der Wertschätzung des Sports.

Sportstadt Hamburg?

„Nein“, sagt der Altonaer CDU-Bezirkspolitiker Sven Hielscher, „so weit sind wir noch nicht.“ Und er führt Beispiele an: In der neuen Dreifelderhalle am Klein Flottbeker Weg ist um 17 Uhr Schluss. Vereinssport kann hier nicht stattfinden, weil die Anwohner in dem „besonders geschützten Wohngebiet“ mit Klagen wegen Lärmbelästigung durch zusätzliches Verkehrsaufkommen drohen. Ein bekanntes Phänomen in sogenannten besseren Gegenden.

Hielscher wünscht sich jetzt ein Machtwort des Bezirksamtes. Anderswo, klagt er, müssten Wettkämpfe abgebrochen werden, weil die Hausmeister um 22 Uhr das Licht abdrehten. „Schulbau Hamburg wiederum plant an den Bedürfnissen der Clubs vorbei, schließt Schulturnhallen, obwohl bei Vereinen der Umgebung Nutzungsbedarf besteht, und will immer wieder kleinere Hallen bauen, in denen die Felder für Hockey, Volleyball oder Handball ein paar Meter zu kurz sind.“

An der Rellinger Straße in Eimsbüttel gibt es für dieses Problem inzwischen eine Lösung. Auch hier war der Neubau der Halle nur für den Schulsport dimensioniert, Stadt und Bezirk schießen nun 470.000 Euro dazu, um auch Wettkampfsport zu ermöglichen. Auch dass 2016 nur noch zwei statt zuvor vier Millionen Euro für den Bau von Kunstrasenplätzen zur Verfügung stehen, davon 700.000 Euro für erste Sanierungsmaßnahmen dieser Anlagen ausgegeben werden müssen, sieht Hielscher als Alarmzeichen. Seit 2009 sind 60 von 227 Spielfeldern mit einem Kunstrasenbelag ausgestattet worden.

„Umso wichtiger für den Sport ist es jetzt, dass Hamburg seinen Staatsrat behält, der allein für den Sport zuständig ist“, fordert der CDU-Politiker.