Peking

Im Namen des Bruders

Weltmeister Robert Harting musste für die WM passen. Jetzt hofft Christoph Harting auf eine Medaille. Dafür hat er sich sogar Tattoos stechen lassen

Peking. Diese Familie hat den Dreh raus. Wer über Diskuswerfen spricht, kommt an den Hartings nicht vorbei: Robert, 30, und Christoph, 24, sind das stärkste Brüderpaar der Leichtathletikszene.

Es ist immer nur eine Frage von Minuten, manchmal sogar von Sekunden. Und so kam es auch in Peking nach der WM-Qualifikation im Diskuswerfen, wie es kommen musste. „Können Sie hier vielleicht aus dem Schatten des großen Bruders treten?”, wollte ein Reporter von Christoph Harting wissen. Dem 2,07 Meter langen Berliner entfuhr ein leises Stöhnen, ehe er mit freundlichem Lächeln antwortete: „Auf diese Frage habe ich doch gewartet. Mein Bruder Robert ist Olympiasieger, dreimal Weltmeister und, ach, ihr wisst es doch alle. Ich brauche seine Erfolge doch gar nicht aufzuzählen. Punkt zwei, es ist toll, mit so einer Ikone meines Sports verglichen zu werden.”

Robert hat nach einem Kreuzbandriss auf seine Titelverteidigung in Peking verzichtet, weil sein Start ein zu großes gesundheitliches Risiko gewesen wäre. Aber es ist gut möglich, dass ein Harting am Sonnabend (19.50 Uhr Ortszeit/13.50 Uhr MESZ) erneut auf das WM-Podium klettern wird. Christoph steht mit 67,93 Metern auf Platz drei der Weltjahresbestenliste und meisterte die Qualifikation mit einem Wurf auf 64,23 Meter souverän.

Christoph hat sich daran gewöhnt, immer mit Robert verglichen zu werden. Das war nicht immer so. „Als Jugendlicher, wenn man gerade zu sich selbst findet und seinen eigenen Weg gehen will, ist das nicht gerade förderlich. Das hat mich früher sehr belastet“, sagt er. Mit Hilfe einer Psychologin am Olympiastützpunkt Berlin hat er gelernt, aus diesem Druck zusätzliche Kraft zu ziehen. Kurz vor dem Wettkampf wird Robert seinem kleinen Bruder, der sechs Zentimeter länger und fünfeinhalb Jahre jünger ist, noch die eine oder andere SMS schicken. Die Tipps liest Christoph gern, darauf angewiesen ist er aber nicht: „Wichtig wäre es, wenn ich kein Selbstvertrauen hätte, wenn ich an mir zweifeln würde. Aber ich weiß, was ich kann.”

Die beiden Brüder, die gemeinsam mit Roberts Freundin, der WM-Fünften Julia Fischer, von Torsten Schmidt trainiert werden, sind grundverschieden. Robert ist blond und impulsiv, Christoph rothaarig und ruht meist in sich. Kein Wunder, dass er gerne angelt. Robert hat es mal so beschrieben, dass er selbst seiner Mutter ähnele und sehr emotional, direkt, forsch sei, während Christoph eher nach dem Vater komme. „Christoph kann sich die Dinge stundenlang angucken und nichts dazu sagen.”

Aber ein Harting bleibt ein Harting. Und so lässt sich auch der kleine Bruder in kein Schema pressen. Die Hartings leben ihre Individualität aus. In zwei vierstündigen Sitzungen hat sich Christoph vor der WM ein Tattoo auf seine kräftige Brust stechen lassen. Es sind 16 für ihn wichtige Begriffe in englischer Sprache. Vier davon, nämlich die für ihn stärksten Emotionen im Leben – Schmerz, Glaube, Hass und Liebe – in roter Farbe. Das erste in schwarz gestochene Wort heißt „Insanity”, Geisteskrankheit. Das stehe dafür, dass er sich nie die Jugend austreiben lassen wolle. Ein bisschen verrückt sind sie schon, die Hartings. Der eine zerreißt gern Trikots, der andere bastelt stundenlang an seinen Wurfschuhen herum. „Ich habe hier in Peking doch den ganzen Tag nichts zu tun”, erzählt Christoph. „Da habe ich so vier, fünf Stunden lang meine Schuhe umgestaltet. Die sehen ziemlich cool aus. Ihr werdet es sehen.”

Ein weiteres Beispiel seiner ausgefallenen Persönlichkeit ist sein sportliches Ziel. Christoph Harting will als erster Diskuswerfer der Welt irgendwann die 80 Meter übertreffen. Um diese Aussage einordnen zu können, muss man wissen, dass die angestrebte Marke fast 13 Meter weiter ist als seine Bestleistung, über neun als die von Bruder Robert und fast sechs als der Weltrekord von Jürgen Schult, der noch in der Dopingphase des DDR-Sports aufgestellt wurde. „Ich finde, man sollte von Größerem träumen”, sagt Christoph über sich selbst.

Zum Beispiel vom Weltmeistertitel, obwohl Christoph Harting diesen nicht als sein Ziel ausgibt. Denn ein lautstarker Protz ist er nicht, eher ein stiller Denker. Für Robert ist der Kampf um den Diskustitel am Sonnabend ziemlich offen. Es gebe keinen klaren Favoriten. „Christoph strotzt gerade vor Power und Vitalität”, sagt der Olympiasieger. „Aber eigentlich ist er noch nicht in der Lage, Weltmeister zu werden. Das meine ich nicht böse.” Vielleicht will er dem kleinen Bruder auch nur keine zusätzliche Last auf die breiten Schultern legen.