Schwimmen

Das sind Deutschlands Medaillen-Hoffnungen bei der WM

Paul Biedermann könnte Gold für Deutschland holen

Paul Biedermann könnte Gold für Deutschland holen

Foto: Hannibal Hanschke / dpa

Am Wochenende startet die Schwimm-WM in Kasan. Der DOSB und der DSV rechnen mit vier Medaillen für Deutschland.

Kasan. Am Wochenende starten in Kasan die Schwimm-Weltmeisterschaften. Bis zum 9. August stehen 75 Entscheidungen an. Mit dabei auch aussichtsreiche deutsche Schwimmathleten. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) haben allerdings ihre Zielsetzung für die WM leicht nach unten korrigiert.

Von den ursprünglichen vier bis sechs Medaillen der deutschen Beckenschwimmer in Russland sind sowohl der DOSB als auch der DSV inzwischen abgerückt. „Wenn alles super läuft, vier Medaillen“, sagt Chefbundestrainer Henning Lambertz. Er rechnet im 50-Meter-Becken mit „drei Medaillen, vielleicht vier, aber eigentlich drei“ und das auch nur „wenn alle Sterne gut stehen“.

Auch DSV-Leistungssportdirektor Lutz Buschkow äußerte sich bescheiden: „Bei zwei bis vier Becken-Medaillen wäre die WM als gelungen zu bezeichnen.“

Insgesamt gingen DOSB und DSV bei der Zielvereinbarung vor zwei Jahren von einem Korridor von sieben bis elf Medaillen aus. 2013 waren es bei der WM in Barcelona zehn Medaillen (3-3-4), nur eine im Becken.

Den Freiwasserschwimmern fehlt nach dem Rücktritt von Rekordweltmeister Thomas Lurz aber inzwischen ihr zuverlässigster Medaillengarant. Sie sollten ebenso wie die Wasserspringer um die Titelverteidiger im Synchron-Springen vom Turm, Sascha Klein und Patrick Hauding, für ein bis zweimal Edelmetall gut sein. Wassersprung-Bundestrainer Buschkow sieht denn auch den Kampf um olympische Quotenplätze für Rio 2016 als fast genauso entscheidend wie die Medaillen an.

Es geht auch um Tickets für Rio

Drei Jahre nach dem Olympia-Debakel in London kämpft der deutsche Schwimmsport um den Anschluss an die Weltspitze und um die Tickets für Rio.

Für einen gelungenen WM-Auftakt sollen die erfolgverwöhnten Wasserspringer sorgen. Die Weltmeister Hausding und Sascha Klein stehen zwei Jahre nach ihrem Gold-Coup in Barcelona aber vor einer „Mission Impossible“. „Wenn man es realistisch betrachtet, ist Gold für uns nicht drin. Nochmal werden uns die Chinesen nicht den Gefallen tun und patzen“, sagte Vorspringer Hausding vor dem Synchron-Wettbewerb aus zehn Metern am Sonntag im Aquatics Palace an der Wolga: „Unser Ziel ist eine Medaille, denn damit hätten wir auch einen Quotenplatz für Olympia sicher.“

Weltrekordler Biedermann und die Beckenschwimmer greifen erst in der zweiten WM-Woche in der umgebauten Fußball-Arena ins Geschehen ein. Zurzeit holen sie sich den Feinschliff im türkischen Belek. „Wir haben hier Wettkämpfe simuliert, und die Zeiten waren richtig stark. Wenn wir diese Form nach Kasan rüberretten können, bin ich sehr zuversichtlich“, sagte Bundestrainer Henning Lambertz.

Lust auf Olympia

Im Hinterkopf haben alle schon die Sommerspiele in Rio im nächsten Jahr. „Ich wünsche mir, dass wir in allen Sportarten einen guten Teamgeist an den Tag legen und im Kampf um die Medaillen ein paar Highlights setzen, die große Lust auf Olympia machen“, sagte Präsidentin Christa Thiel vom Deutschen Schwimm-Verband (DSV) vor dem WM-Beginn am Freitag in der Hauptstadt der Republik Tatarstan.

Auch für DSV-Leistungssportdirektor Lutz Buschkow ist die erste Schwimm-WM auf russischem Boden die Standortbestimmung schlechthin, zumal dort viele Tickets für Rio vergeben werden. „Uns wird der Spiegel vors Gesicht gehalten“, sagte Buschkow: „Unser Hauptziel sind die Olympia-Quotenplätze, aber wir wollen mit unseren besten Athleten auch Edelmetall holen.“

Laut Zielvereinbarungen mit dem DOSB soll das DSV-Team in den 75 Entscheidungen insgesamt sieben bis elf Medaillen gewinnen. Allerdings bezeichnet Lambertz die Vorgabe für die Beckenschwimmer (4-6) und die Freiwasserschwimmer (2-3) ohne den zurückgetretenen Rekordweltmeister Thomas Lurz als „utopisch“.

Wasserball ohne deutsche Beteiligung

Einzig die Wasserspringer um Hausding/Klein könnten ihr Soll (1-2) übererfüllen. Klippenspringerin Anna Bader, WM-Dritte von 2013, zählt in ihrer nicht-olympischen Disziplin ebenfalls zum Favoritenkreis. Peinlich für den DSV ist, dass das Wasserball-Turnier ohne deutsche Beteiligung stattfindet und in Marlene Bojer nur eine Synchronschwimmerin am Start ist.

Bei den Freiwasserschwimmern wollen auf der olympischen Strecke über 10 km alle vier Starter die Olympia-Qualifikation (Top-Ten-Platz) schaffen. Dafür verzichtet Europameisterin Isabelle Härle auf ihre Paradestrecke über fünf Kilometer am Samstag.

Im Becken stehen die Chancen des kerngesunden Biedermann durch die Abwesenheit seiner Rivalen Michael Phelps (Ausschluss nach Alkoholfahrt) und Yannick Agnel (Trainingsrückstand) „gar nicht so schlecht“, wie auch Freundin Britta Steffen meinte. Den Weltrekordler, der mit der weltweit besten Zeit in diesem Jahr über 200 m Freistil startet, lässt der Erwartungsdruck kalt: „Dieser Jahresweltbestzeit messe ich überhaupt nichts bei. Es kommt drauf an, was jetzt geschwommen wird.“

Neben Biedermann sind aus deutscher Sicht nur Europameister Marco Koch (200 m Brust) und Franziska Hentke (200 m Schmetterling) ernsthafte Medaillenkandidaten. Mit etwas Glück könnte auch die von Biedermann angeführte 4x200-m-Freistilstaffel den Sprung aufs Podest schaffen.

Die Medaillen-Kandidaten im Überblick

Paul Biedermann: Kerngesund, Platz eins in der Weltrangliste, die größten Rivalen nicht am Start - so günstig wie in diesem Jahr standen Biedermanns Chancen schon lange nicht mehr. Auf seiner Paradestrecke 200 m Freistil zählt der Hallenser nach beeindruckenden Saisonleistungen sogar zu den Mitfavoriten. Dass Superstar Michael Phelps (Ausschluss nach Alkoholfahrt), Doppel-Olympiasieger Yannick Agnel (Trainingsrückstand) und Park Tae Hwan (Dopingsperre) nicht am Start sind, kommt dem Weltrekordler entgegen.

Marco Koch: Konstanter als Koch behauptet sich kein anderer deutscher Schwimmer in der Weltspitze - und das seit Jahren. Nach Platz zwei bei der WM 2013 und dem Sieg bei der Heim-EM vor einem Jahr träumt der Darmstädter nun vom ganz großen Coup über 200 m Brust. Seine Leistungssteigerung hat er auch einer rigorosen Ernährungsumstellung zu verdanken. Seine ärgsten Rivalen im Kampf um Gold sind Olympiasieger Daniel Gyurta und Shootingstar Adam Peaty.

Franziska Hentke: Ist sie die neue „Franzi“? Seit Jahren wartet man auf den ganz großen Durchbruch von Franziska Hentke, jetzt scheint die Zeit reif. Bei ihrem deutschen Rekord über 200 m Schmetterling (2:05,26) vor zweieinhalb Wochen in Essen schwamm die Magdeburgerin so schnell wie keine andere Athletin in diesem Jahr. Die trainingsfleißige Hentke hat jedoch starke internationale Konkurrenz, und sie hat auch sich selbst zum Gegner. In der Vergangenheit schwamm sie in Finals oft zu verkrampft, setzte sich zu sehr unter Druck.

Isabelle Härle: Für ihre Olympia-Chance verzichtet die Europameisterin auf ihre Paradestrecke fünf Kilometer. Über die olympischen zehn Kilometer muss sie unter die ersten Zehn kommen, um das Ticket für Rio zu lösen. Die größten Medaillenchancen hat die Essenerin mit dem Team als Titelverteidiger - auch ohne Rekordweltmeister Thomas Lurz. Denn beim Mannschaftsschwimmen gegen die Uhr über fünf Kilometer kommt es vor allem auf die Frau an.

Patrick Hausding: Seit Jahren ist Deutschlands Vorspringer eine Medaillenbank. Auch wenn er wie bei der EM in Rostock schwächelt, gehört „Patty“ zur absoluten Spitze. Im Einzel vom 3-m-Brett könnte der Berliner - wenn alles perfekt läuft - sogar die in diesem Jahr wenig souveränen Chinesen schlagen. Das war ihm vor zwei Jahren schon beim sensationellen WM-Sieg im Synchronspringen vom Turm mit Partner Sascha Klein gelungen. Eine Medaille ist dem Vorzeige-Duo trotz Trainingsrückstands erneut zuzutrauen.

Sascha Klein: Wenn Klein auf dem Turm steht, dann weiß er, dass ihn beim Eintauchen heftige Schmerzen erwarten. Die Rückenprobleme sind mittlerweile chronisch, regelmäßiges Training ist so gut wie nicht möglich. Dennoch zählt der Dresdner dank seiner Erfahrung und Ästhetik zu den besten Turmspringern der Welt. Im Einzel kann der WM-Dritte für eine Überraschung sorgen, im Synchronspringen gehört er mit Hausding als Titelverteidiger zu den Medaillenanwärtern.

Anna Bader: Vor zwei Jahren tauchte die Klippenspringern plötzlich auf - und wie! Bei der WM-Premiere der Sportart gewann sie Bronze, vorher sorgte sie mit freizügigen Fotos im Playboy für Aufsehen. Bader, die für die WM ihr Referendariat unterbrochen hat, will auch in Kasan wieder aufs Podest springen und ihre spektakuläre Sportart einem breiten Publikum vorstellen. Die waghalsigen Sprünge aus 20 (Frauen) und 27 m (Männer) werden wieder Tausende Zuschauer anlocken.