Indien

Andrea Thumshirn über ihren Spießrutenlauf mit den Behörden

Andrea Thumshirn (r.) mit vier ihrer indischen

Andrea Thumshirn (r.) mit vier ihrer indischen

Foto: TimGroothuis / WITTERS

Die Widerstände, die die frühere Hockey-Bundesligaspielerin überwindet, um ihr Projekt am Leben zu erhalten, sind unglaublich.

Hamburg.  Ihre Leidenschaft schmückt sogar ihren Körper. Ein Hockeyschläger baumelt als Anhänger an einer Halskette, einen zweiten hat sie als silbernen Stecker im linken Ohrläppchen. Vor allem aber trägt Andrea Thumshirn den Sport mit dem Krummstock in ihrem Herzen, und täte sie das nicht, dann wäre nichts so, wie es jetzt ist. Denn die Widerstände, die die frühere Bundesligaspielerin des Berliner SC überwindet, um ihr Projekt am Leben zu erhalten, sind so unglaublich, dass sie selbst manchmal innehalten muss, um sich zu fragen, ob das alles noch normal ist, was sie tut.

Vor sechs Jahren verliebte sich die im fränkischen Schwabach aufgewachsene 40-Jährige in ihrem damaligen Beruf als Reiseleiterin in das 5000-Einwohner-Dorf Garh Himmat Singh im Bundesstaat Rajasthan. Im Oktober 2011 brach sie alle Zelte in Deutschland ab, zog nach Indien und steckte sie ihr gesamtes Geld in den Aufbau des Hockey Village India, einer Schule, in der Bildung und Sport auch für Kinder armer Eltern vereinbar sein sollte. Den Spießrutenlauf, der folgte, hätte sie allerdings nicht erwartet.

Die indischen Behörden untersagten das Verlegen eines aus Bremen eingeflogenen Kunstrasens. Als sie indische Kinder zu einem Austausch nach Deutschland mitnahm, warf man ihr vor, sie würde 10.000 Euro pro Kind kassieren und versuchen, deren Organe in Deutschland zu verkaufen. Ihr erster Geschäftspartner, der ihr wichtigster Vertrauter gewesen war, veruntreute über Monate die Gelder, die sie über ihre Stiftung von Sponsoren aus Deutschland eingesammelt hatte. Er hetzte das Dorf gegen sie auf, ließ die Schule schließen und versuchte, die von ihr aufgebauten Strukturen für ein eigenes Projekt zu missbrauchen.

Das war im Frühjahr 2014. Doch Andrea Thumshirn, die sich selbst als „Einzelgängerin und Alphatier“ beschreibt, gab nicht auf. Im Nachbardorf Jatwara gründete sie mithilfe einer befreundeten Lehrerin eine neue Schule. Als sie im Februar dieses Jahres auf Heimaturlaub in Deutschland war, drohte auch dieses Projekt zu scheitern. Ihr Geschäftsvisum war nach fünf Jahren abgelaufen, und die Behörden verweigerten ihr die Ausstellung einer neuen Aufenthaltserlaubnis. Man warf ihr vor, ihr Visum für Sozialarbeit zweckentfremdet zu haben. „In Wahrheit ist das Problem, dass ich meine Stiftung in Deutschland angemeldet habe und nicht mit einer indischen Einrichtung zusammenarbeite“, sagt sie.

Doch auch darauf hatte sie die passende Antwort. Die Firma Kooh Sports aus Bombay, die in Indien Sportprogramme an Schulen verkauft und darüber auch mit Thumshirn in Kontakt kam, hat sie fest angestellt. Von August an wird sie als Sportdirektorin an der renommiertesten internationalen Schule der Stadt arbeiten. Das neue Visum ist ihr dadurch sicher, und sie erhofft sich von der betuchten Kundschaft der Schule Unterstützung für ihr Projekt. Das Problem: Jatwara ist eineinhalb Flug- und drei Autostunden von Bombay entfernt, so dass sie nur an den Wochenenden ihr „Baby“ beaufsichtigen kann. Sie hat eine Direktorin, der sie vertraut, und drei fest angestellte lokale Lehrer. „Aber meine Kinder werden mir sicherlich sehr fehlen“, sagt sie.

Um diese versorgt zu wissen, arbeitet sie unermüdlich daran, Gelder zu generieren. 150 Euro kostet es, einem Kind für ein Jahr den Schulbesuch inklusive Verpflegung zu ermöglichen. 37 Schüler hat ihre Schule derzeit, 80 Prozent werden durch Paten aus Deutschland finanziert, 20 Prozent bringen die Eltern selbst auf. Für Anschaffungen außerhalb des Schulbetriebs bleibt kaum etwas übrig. Für eine dringend benötigte Trinkwasseranlage warb Thumshirn, die mit vier Kindern und einen Lehrer aus ihrem Dorf in Deutschland war, Anfang Juli bei der Endrunde um die deutsche Feldmeisterschaft in Hamburg persönlich um Unterstützer. Und sie ist längst nicht mehr allein.

Als Testimonials für ihr Projekt hat sie die beiden Nationalspieler Kristina Hillmann, 23, und Nico Jacobi, 28, vom Uhlenhorster HC gewinnen können. „Ich musste keine Sekunde zögern, als Andrea mich gefragt hat“, sagt die angehende Medizinstudentin Hillmann, die sich vorstellen kann, im Winter für drei Monate als Physiotherapeutin im Hockey Village zu hospitieren. „Kindern eine Chance zu geben, sich weiterzuentwickeln, ist enorm wichtig. Und für eine so mutige Frau wie Andrea setze ich mich gern ein.“ Jacobi, der aus eigener Erfahrung als Spieler in der indischen Profiliga um die Probleme im Land weiß, sagt: „Ich bewundere Andrea sehr für ihren Mut, sich durch nichts aufhalten zu lassen. Ich weiß, dass die Hilfe, die sie durch ihr Projekt anbietet, direkt bei denen ankommt, die sie brauchen.“

Mit Aktionen wie beispielsweise einer Torpatenschaft, bei der Sponsoren für jedes Tor der deutschen Auswahl einen festgelegten Betrag zahlen, wollen Hillmann und Jacobi beim Viernationenturnier in der kommenden Woche auf der UHC-Anlage am Wesselblek und bei der Europameisterschaft in England Ende August auf das Projekt aufmerksam machen. „Darüber freue ich mich sehr“, sagt Thumshirn, die darauf hofft, dass die Popularität der beiden deutschen Asse dabei hilft, ihr Hockey Village auch in anderen Nationen bekannt zu machen.

Die Antwort auf die eingangs erwähnte Frage ist nämlich ganz einfach. Normal ist es nicht, was Andrea Thumshirn tut. Aber es ist richtig und wichtig und verdient jegliche Unterstützung.

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