Tennis

Zverev: „Hamburg ist der Höhepunkt der Saison“

Im Juli 2014 ging sein Stern auf: Der Hamburger Alexander Zverev zog am Rothenbaum nach einem Sieg gegen Tobias Kamke ins Halbfinale ein

Im Juli 2014 ging sein Stern auf: Der Hamburger Alexander Zverev zog am Rothenbaum nach einem Sieg gegen Tobias Kamke ins Halbfinale ein

Foto: dpa Picture-Alliance / Daniel Reinhardt / picture alliance / dpa

Hamburgs Tennishoffnung Alexander Zverev über Druck, Trainer, das Rothenbaum-Turnier und seinen Traum von Olympia.

Hamburg.  In dieser Woche spielt Alexander Zverev beim ATP-Turnier im schwedischen Bastad. Dass seine Gedanken bisweilen schon eine Woche weiter schweifen, will Deutschlands größtes Tennistalent nicht verhehlen. Am 27. Juli kehrt der 18-Jährige an die Stätte seines bislang größten Erfolgs zurück: den Rothenbaum. Bei seinem Heimturnier stand der Weltranglisten-81. im vergangenen Jahr sensationell im Halbfinale. Entsprechend groß sind Erwartungen und Vorfreude.

Hamburger Abendblatt: Herr Zverev, Leistungssportler denken ungern weiter als an das nächste Spiel. Wie schwer fällt es Ihnen, sich auf Bastad zu konzentrieren, wenn eine Woche später der Rothenbaum auf Sie wartet?

Alexander Zverev: Bastad ist für mich ein genauso wichtiges Turnier wie alle anderen auch, deshalb habe ich kein Pro­blem mit der Konzentration und der Motivation. Ich will hier mein bestes Tennis spielen. Dennoch gebe ich zu, dass Hamburg natürlich schon im Hinterkopf ist. Das ist für mich der Höhepunkt der Saison, ich freue mich auf das Turnier, seit ich im vergangenen Jahr im Halbfinale ausgeschieden bin. Als ich damals vom Centre-Court ging, wusste ich, dass ich so schnell wie möglich dorthin zurückwill, um es besser zu machen.

Das wird schwierig. 2014 kamen Sie als Niemand, als Neuling auf der Tour nach Hamburg. Jetzt sind Sie kein Anfänger mehr, den alle unterschätzen. Irritiert Sie das, hemmt es sogar?

Zverev : Natürlich ist es in diesem Jahr anders als im letzten, auch wenn ich nicht glaube, dass mich damals viele unterschätzt haben. Das sind alles Profis, die wissen, dass man bei einem 500er­-Turnier jeden Gegner ernst nehmen muss. Aber ich kann jetzt keinen mehr überraschen, alle kennen mich, meine Stärken und Schwächen. Also muss ich neue Wege finden, um mein Spiel durchzubringen. Was mir helfen wird, ist die Unterstützung der Fans. Die war unglaublich letztes Mal.

Spüren Sie eine Verantwortung, den Menschen, die wegen Ihnen ins Stadion kommen, etwas bieten zu müssen? Sind Sie ein Stück weit Entertainer, oder spielen Sie nur für sich?

Zverev : Ich denke, dass beides einander bedingt. Natürlich spielen wir alle auch fürs Publikum. Aber ich weiß doch: Wenn ich meine beste Leistung abrufe, dann bekommen die Fans, was sie wollen, und ich auch. Dann sind alle zufrieden. Ich wünsche mir, dass viele Fans kommen und mir helfen.

Dieses Jahr haben Sie nicht nur den Vorjahreserfolg zu bestätigen, sondern auch viele Punkte für die Rangliste zu verlieren. Macht Ihnen das Druck?

Zverev : Nein. Die Punkte habe ich schon verloren, weil Hamburg in diesem Jahr wegen der Wimbledon-Verschiebung zwei Wochen später stattfindet und die Punkte innerhalb eines Kalenderjahres verteidigt werden müssen. Insofern sind alle Punkte, die ich am Rothenbaum gewinne, ein neuer Bonus. Ich werde alles dafür tun, noch besser zu spielen und weiterzukommen als 2014. Aber wenn ich in der zweiten Runde ausscheide, geht es trotzdem weiter.

Wie schwer fällt es Ihnen, diese Geduld aufzubringen, zu akzeptieren, dass es viel härter ist, oben zu bleiben, als nach oben zu kommen?

Zverev : Ich wusste von Anfang an, dass der Weg in die Weltspitze sehr hart werden würde. Aber ich weiß auch, dass ich es schaffen kann. Ich habe mich physisch verbessert im Vergleich zum vergangenen Jahr. Das habe ich in Wimbledon gemerkt, als ich mein erstes Fünfsatzmatch gespielt und gewonnen habe. So etwas hätte ich körperlich im vergangenen Jahr nie durchgestanden, das hat mir viel Selbstvertrauen gegeben und mir gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Danach haben Sie allerdings in der zweiten Runde gegen einen Mann verloren, den Sie normalerweise schlagen.

Zverev : Ich hatte nicht einmal 40 Stunden Erholungszeit und war nicht in der Lage, gegen Denis Kudla mein bestes Tennis zu spielen. Ich denke auch, dass ich ihn in Bestform schlagen kann. Aber ich verstehe, dass ich Schritt für Schritt gehen muss. Nächstes Jahr bin ich hoffentlich gut genug vorbereitet, um nach einem Fünfsatzmatch weiter Gas geben zu können. Ich arbeite umso härter, um das zu schaffen. Denn ich bin noch lange nicht mit dem zufrieden, was ich erreicht habe. Ich habe noch gar nichts erreicht.

Das sagen Sie gern, dabei ist es für einen 18-Jährigen sicher nicht schlecht, in der Weltrangliste an Position 81 zu stehen. Gönnen Sie sich eigentlich auch mal einen Moment des Innehaltens, des Genießens?

Zverev : Ich versuche das schon ab und zu, aber generell denke ich, dass ich mir das in meinem Alter nicht erlauben darf. Wenn ich mich zurücklehne, werde ich von den vielen anderen jungen Spielern ganz schnell eingeholt. Es gibt viele, die genauso hart arbeiten wie ich, und wenn ich meine Ziele erreichen will, muss ich mehr tun als die und nie damit aufhören.

Wenn Sie sehen, wie viele Spieler sich ehemalige Spitzenprofis als Trainer holen und damit erfolgreich sind: Ist das nicht auch ein Modell für Sie, oder ist der Familienbetrieb Zverev mit Ihren Eltern und Ihrem Bruder Mischa, der Ihnen hilft, das Beste?

Zverev : Ich bin noch zu jung und noch nicht gut genug, um einen ehemaligen Weltklassemann wie Stefan Edberg, Ivan Lendl oder Michael Stich als Trainer verpflichten zu können. Deshalb denke ich, dass der Familienbetrieb derzeit das beste Modell für mich ist. Aber für die Zukunft würde ich nichts ausschließen, das werden wir gemeinsam entscheiden, wenn es so weit ist.

Mit Ihrem Bruder spielen Sie häufig Doppel, auch für Hamburg sollen Sie eine Wildcard bekommen. Was können Sie von Mischa noch lernen?

Zverev : Unheimlich viel. Es ist ein Geschenk, einen solchen Bruder an meiner Seite zu haben, ich genieße es sehr, mit ihm spielen zu können. Er spielt viel klüger als ich, hat unheimlich viel Erfahrung, von der ich profitiere, weil er gegen alle Gegner, die ich habe, selbst schon gespielt hat. Im Doppel ist er der Chef auf dem Platz und sagt, wo es langgeht, weil er der bessere Doppelspieler ist. Mischa ist etwas ganz Besonderes.

Da läge es doch nahe, dass Sie gemeinsam für Deutschland im Daviscup antreten. Da wird ein gutes Doppel gesucht.

Zverev : Wenn man uns dort will, machen wir es sofort. Wir würden beide gern für unser Land spielen, das ist für uns Ehrensache und ein Privileg.

Ein Privileg wäre sicherlich auch, Olympische Spiele in der Heimat zu erleben. Was halten Sie von Hamburgs Bewerbung und verstehen Sie sich auch als Botschafter für die Stadt?

Zverev : 2024 wäre ich 27 Jahre alt, das wäre perfekt und ein Traum, der in Erfüllung ginge, dann am Rothenbaum um eine Medaille zu kämpfen. Wer bekommt in seiner Karriere schon eine solche Chance? Auch wenn ich nur wenige Wochen im Jahr in Hamburg bin, bleibt die Stadt immer meine Heimat, und wenn ich gefragt würde, dann wäre ich immer bereit, als Botschafter für Hamburg meine Stimme zu geben.