Hamburg

„Wenn das Licht ausgeht, geht es aus“

Der fast blinde Extremläufer Steffen Klitschka wirbt beim Hamburg-Triathlon für den Behindertensport

Hamburg.  Das Abenteuer Triathlon beginnt für Steffen Klitschka bereits an diesem Freitag mit der Ankunft am Hamburger Hauptbahnhof. Einen Imbiss zu finden, in dem er einen Happen essen kann, bereitet ihm keine Sorgen. Aber dann muss er es irgendwie in sein Hotel in der Hamburger ABC-Straße schaffen. Die Agentur Lagardère Unlimited Events, die ihn als Läufer für eine paralympische Staffel eingeladen hat, hat ihm Hilfe angeboten. Aber Klitschka, 49, will es allein schaffen: „Mal was suchen, die Orientierung üben, das gehört für mich dazu. Dann kämpfe ich mich halt durch.“

4,8 Prozent Sehkraft auf dem linken Auge sind dem Thüringer geblieben, das rechte Auge ist vollständig erblindet. Folgen einer Krankheit, die Klitschka im Säuglingsalter erlitten hat. Aber er hat sich davon nicht stoppen lassen. Zu DDR-Zeiten lief er den Marathon in 2:22 Stunden, er stand kurz vor der Berufung ins Olympiateam. „Leider waren drei schneller als ich.“ Er hätte bei den Paralympics starten können, „aber dafür war ich zu eitel“. Also hat er sich entschieden, die väterliche Tischlerei zu Hause nahe der Grenze zu Bayern zu übernehmen.

Den Beruf kann Klitschka längst nicht mehr ausüben. Seine Sehkraft reicht auch nicht mehr aus, um Wettkämpfe selbstständig zu bestreiten. Inzwischen braucht Klitschka einen sogenannten Guide als Begleiter, der ihn führt und vor Wurzeln, Stufen oder Steinen warnt. Und das Auge baut weiter ab – bis es irgendwann vollständig erblindet. Drei, fünf, vielleicht zehn Jahre hofft Klitschka, noch vage optische Eindrücke empfangen zu können. „Aber wenn das Licht ausgeht, geht es aus. Was willste machen?“

Solange es eben geht, will Klitschka zeigen, „dass man sich auch als Behinderter nicht zu verstecken braucht“. Er hat auch den Haspa-Marathon im April bestritten, 3:29:19 Stunden, damit könne er nicht zufrieden sein. Der ganze Trubel drumherum, das habe ihm nervlich zugesetzt. Aber eigentlich ist ihm die Distanz von 42,195 Kilometern ohnehin zu kurz geworden. „Ich laufe lieber einen gemütlichen 100er als einen stressigen Marathon.“ Aber was heißt hier gemütlich? 2008 hat Klitschka den Marathon auf der Chinesischen Mauer bestritten und dabei 18.377 Stufen genommen. Vor zwei Jahren dann ist er von Oslo zum Nordkap gelaufen, 2000 Kilometer an 30 Tagen.

Einem wie ihm reichen die fünf Kilometer, die er am Sonnabend laufen soll, nicht einmal zum Aufwärmen. Andrea Diethers, die Hamburger Marathonmeisterin, wird ihn begleiten. Seine Partner in der Staffel mit dem Namen „Feuer und Flamme im Herzen“ sind der Handbiker Torben Bröer und Daniel Unger, der in Hamburg 2007 Triathlonweltmeister wurde.

Klitschka fühlt sich geehrt von der Einladung, allein hätte er sich die Reise von seiner Rente gar nicht leisten können. Ein paar kleine Sponsoren habe er zwar, aber mehr als 500 Euro pro Jahr könne er für Startgelder und Reisekosten nicht ausgeben. Große Projekte gibt es derzeit nicht, Ziele schon: 2016, wenn er in die Altersklasse 50 aufrückt, vorn mitzulaufen. Einmal noch im Marathon unter drei Stunden zu bleiben, das wäre es. Aber dafür müsse er mit seinen knapp 90 Kilogramm erst seine Essgewohnheiten umstellen.

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