U21-EM

Das Geheimnis über Hrubeschs Verhältnis zu seinen Jungs

Reden, zuhören, führen und Vertrauen: Trainer Horst Hrubesch bei der U21-EM im Gespräch mit seinem Kapitän Kevin Volland

Reden, zuhören, führen und Vertrauen: Trainer Horst Hrubesch bei der U21-EM im Gespräch mit seinem Kapitän Kevin Volland

Foto: Filip Singer / dpa

Ex-HSV-Profi und U21-Trainer Horst Hrubesch hat ein starkes Team geformt. Heute steht es im EM-Halbfinale gegen Portugal.

Hamburg.  Die Jungs sind 19, 20 bis höchstens 23 Jahre alt. Sie haben Tattoos auf dem Arm, Gel im Haar und Kopfhörer auf den Ohren. Sie verdienen Millionen, fahren schöne Autos, sind die Zukunft des deutschen Fußballs. Und sie alle hören auf einen 64-Jährigen von gestern. Es ist schon seltsam, dieses Verhältnis der deutschen U21-Nationalmannschaft zu ihrem Trainer Horst Hrubesch. Seltsam und erfolgreich.

An diesem Sonnabend (18 Uhr/ARD) spielt das Team im Halbfinale der Europameisterschaft im tschechischen Olmütz gegen Portugal, ein schwerer Gegner auf dem Weg zum angestrebten Titelgewinn. „Man kann schon sagen, dass das ein vorgezogenes Endspiel ist. Portugal spielt taktisch klug, sie haben durch William Carvalho eine enorme Präsenz auf dem Platz“, sagte Mittelfeldspieler Leonardo Bittencourt von Hannover 96. „Spannend wird’s“, meint Trainer Hrubesch, „und wir gehen top motiviert in das Spiel.“

Er wird seine Youngsters schon richtig anfassen und einstellen. So wie ihm das im deutschen Jugendfußball meist gelungen ist. Seit etwa neun Jahren ist der Kapitän der erfolgreichsten HSV-Mannschaft der Geschichte als Trainer beim DFB-Nachwuchs aktiv. Da hat offenbar einer relativ spät in seiner beruflichen Laufbahn seine Bestimmung gefunden. „Ich will durch Ehrlichkeit Vertrauen aufbauen. Sodass die Spieler wissen: Der hilft mir. Es geht bei mir nur um die Spieler, wir stehen zueinander“, sagt Hrubesch.

U21-Spieler von Hrubeschs Karriere angetan

Der gebürtige Westfale baut Mannschaften, er formt aber vor allem auch Charaktere. Und er muss keinem dieser teilweise verwöhnten Jungstars den Hintern pudern. Hrubesch macht Ansagen, die Spieler folgen. „Er hat klare Vorstellungen, er sagt deutlich, was Sache ist“, erklärt U21-Kapitän Kevin Volland. „Es gibt auch keine Diskussionen. Er wird von allen respektiert.“

„Respekt“, das ist ja eines der Schlüsselwörter dieser Generation Halb-Erwachsener, das aber oft genug nur zu einer Floskel degeneriert ist. Hrubesch füllt es mit Leben. Keine Sprüche, keine falschen Schmeicheleien, gerade Linie. Ein Typ. Mit viel Erfahrung, einer, der im Fußball alles erlebt hat. Aber damit bei den Spielern nicht hausieren geht. „Ich vermeide, von früher zu reden, aber viele wissen, dass ich mal Nationalspieler war“, erzählte er einmal. Da gibt es diese Episode, wie einmal eine seiner Mannschaften sehen wollte, wie er so gespielt hat, damals. Die haben sich dann den 5:1-Sieg des HSV 1980 gegen Real Madrid angesehen. „Ohne angeben zu wollen, sie waren schon ein bisschen angetan“, erzählte Hrubesch. Das sind sie übrigens immer noch, wenn er auf dem Trainingsplatz mal eben die Kugel in die Maschen haut. Geht noch.

Dachdecker hat Hrubesch gelernt und hat auch in dem Job gearbeitet. Damals, Anfang der Siebziger. Fußball war nur nebenbei. Ohne filigrane Technik, jeder seiner Spieler heute kann mehr am Ball als der Trainer. Erst mit 24 wurde er Profi bei Rot-Weiß Essen. Aber in Sachen Durchsetzungsfähigkeit, zielgerichtet arbeiten, Disziplin, da macht ihm keiner was vor. Und Horst Hrubesch, dieser so bedächtig wirkende Kaltblüter aus Westfalen, ist offenbar eine natürliche Führerfigur. Schon in Essen war er Mannschaftskapitän, beim HSV war er der entscheidende Spieler, der diese Allstartruppe mit Manfred Kaltz, Felix Magath, Ditmar Jakobs und Ulli Stein intern zusammengehalten und auf Kurs gebracht hatte. Dass man das alternde „Kopfballungeheuer“ 1983 hat gehen lassen, war im Rückblick wahrscheinlich einer der Fehler, von denen sich der Verein im Grunde bis heute nicht erholt hat.

Hrubesch bekommt großen Wunsch erfüllt

In der Heide in der Nähe von Uelzen bewohnt Hrubesch mit seiner Frau Angelika einen Hof. Weit weg vom Trubel der Großstadt, auf dem Land, wo es ruhig ist und die Menschen weniger aufgeregt. Und er nur der Horst ist. Zwei große Kinder hat er, vier Enkel. Hinter dem Wohnhaus ist die Koppel, Stallungen dazu. Dort leben seine Edelbluthaflinger, eine „junge Pferderasse, die aus der Veredelung von Haflingern entstanden ist“ (Wikipedia). Hrubesch züchtet diese Tiere, erfolgreich übrigens. 2012 gewann seine Stute Sari von Nakuri eine Staatsprämie des Ponyverbandes Hannover. Hrubesch lernte 1998 das Westernreiten und wendet bei der Erziehung seiner Pferde die Methode „Gentle Touch“ an, die einen harmonischen Umgang mit dem Tier anstrebt, „partnerschaftliches und faires Verhalten“.

Hat das mit seiner Trainerphilosophie zu tun? Vielleicht. Jetzt. Als Vereinscoach in Essen, Wolfsburg, Innsbruck, Dresden, Wien und Samsun war er nicht besonders erfolgreich. Im Jahr 2000 war er Co-Trainer von Bundestrainer Erich Ribbeck bei der „Katas­trophen-EM“, die letztlich ein Umdenken in der DFB-Nachwuchsschulung einleitete, auf das die heutigen Erfolge zurückgehen. Hrubesch führte bereits 2008 die U19 und 2009 die U21 jeweils zum EM-Titel. „Ich war als Spieler ein Spätstarter, ich bin es auch als Trainer“, sagte er. Auch diesen Teams, in denen zahlreiche Weltmeister von 2014 standen, vermittelte er die gar nicht überholten Grundtugenden von Respekt, Disziplin und Füreinander-Einstehen. „Er versucht, jedem Spieler Verantwortung zu übertragen. Er sieht sich selbst als Teil des Teams und versucht dementsprechend auch, ein Team zu formen“, erklärte Weltmeister Sami Khedira den Trainer Hrubesch.

So ist es wieder. Die Spieler haben sich deshalb auch mehr für ihren Trainer über das Erreichen der Olympischen Spiele in Rio gefreut als für sich selbst. „Wir können stolz sein, ihm diesen Wunsch erfüllt zu haben“, sagte der Neu-Schalker Johannes Geis. Olympia, das war die große Sehnsucht des Sportlers Horst Hrubesch. Rio, Einmarsch der Nationen, Olympisches Dorf. „Ich habe alles gespielt, WM, EM, nur Olympia fehlt auf meiner Liste. Ich denke, das wird ein tolles Erlebnis und wäre ein Riesenabschluss meiner Karriere“, sagt er. Und blickt sofort wieder in die Gegenwart: „Aber jetzt wollen wir Europameister werden. Und dafür müssen wir nun eben Portugal schlagen.“

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