Hamburg. Die WM rückt den Frauenfußball in den Blickpunkt. Im Alltag aber fehlt dem Nachwuchs der Stadt die Perspektive

Kim Kulig stammt aus Herrenberg in Schwaben. Mit 18 Jahren kam sie nach Hamburg, zum Fußballspielen. Als Expertin für das ZDF analysiert die 25-Jährige in diesen Tagen die Spiele der Frauen-WM in Kanada. Selbst kann sie nach vielen Verletzungen noch nicht aktiv sein. 2010 baute sie neben der Fußballkarriere beim HSV ihr Abitur am Gymnasium Heidberg, einer „Eliteschule des Fußballs“.

Samatha Steuerwald stammt aus Hamburg-Bramfeld. Auch sie bereitet sich neben dem Fußball auf das Abitur vor. Die 16-Jährige besucht dafür seit einem Jahr die Eichendorfschule in Wolfsburg. Auch das eine Eliteschule des Fußballs. Samatha Steuerwald spielt bei den U17-Juniorinnen des VfL. Auf dem Gymnasium Heidberg lernen derzeit keine jungen Frauen.

„Uns gehen in Hamburg die größten Talente im Mädchenfußball verloren, weil sie keine Möglichkeit mehr haben, Spitzenfußball zu betreiben“, sagt Carsten Byernetzki, der stellvertretende Geschäftsführer des Hamburger Fußball-Verbandes (HFV), „die Lücke nach oben macht sich deutlich bemerkbar.“ Kein Hamburger Verein spielt mehr in der Ersten oder Zweiten Frauenfußball-Bundesliga, seit der HSV sein Erstligateam aus finanziellen Gründen 2012 dort abgemeldet hatte. Höchstklassiges Team aus dem Hamburger Einzugsbereich ist nun der SV Henstedt-Ulzburg, der mit seiner Frauenmannschaft in diesem Frühjahr den Aufstieg in die Zweite Bundesliga geschafft hat.

„Wir nehmen die Herausforderung gerne an“, sagt Teammanager Sven Hege. Mithilfe lokaler Sponsoren, des Vereins und eines Zuschusses des DFB will er den Etat von knapp 100.000 Euro stemmen. „Wir haben sportlich davon profitiert, dass der HSV sein Team zurückgezogen hat. Einige Spieler aus der Region spielen jetzt bei uns.“

Zur neuen Saison haben sich allein fünf HSV-Spielerinnen Henstedt-Ulzburg angeschlossen, um die sportliche Herausforderung zu suchen. Der ehemalige HSV-Profi Tobias Homp, der in den letzten vier Jahren die A-Jugend des Vereins trainiert hatte, übernimmt nun die Frauen. „Sein Name hat für die Spielerinnen keine Bedeutung“, meint Hege, „aber die Einstellung zum Profigeschäft, die klare Linie, wird für den nächsten Schritt förderlich sein.“

Aber natürlich backt auch Henstedt-Ulzburg im Vergleich nur kleinste Brötchen. Gern hätte man die 16 Jahre alte Juniorennationalspielerin Anna-Lena Stolze aus Stockelsdorf verpflichtet. Keine Chance, auch deren Weg führt im Sommer nach Wolfsburg, obwohl Hege meint, „dass ein, zwei Jahre Zweite Liga ihrer Entwicklung sicher gut getan hätte.“ Doch die professionellen Möglichkeiten bei Clubs wie Wolfsburg oder Turbine Potsdam locken. Die 14 Jahre alte Merle Kirchstein verließ den HSV vergangenes Jahr in die brandenburgische Hauptstadt. Wie lange Hamburgs aktuelle Jugendnationalspielerinnen des Jahrganges 2000, Anneke Borbe (Nienstedten) und Antonia Baas (TSV Sasel), noch in ihrer Heimatstadt bleiben, muss man abwarten.

Einige Männer-Erstligisten leisten sich eine Frauenmannschaft in der höchsten Spielklasse und bieten entsprechende schulische Möglichkeiten mit angeschlossenen Internaten. Der VfL Wolfsburg lässt sich das rund 1,8 Millionen Euro kosten. Beim deutschen Meister Bayern München wird es nicht viel weniger sein. Auch Hoffenheim, Leverkusen und der SC Freiburg haben erstklassige Frauenteams. Gerade ist Werder Bremen aufgestiegen.

Der damalige HSV-Vorstandsvorsitzende Carl Jarchow hatte 2012 angesichts der Finanznot die sechsstellige jährliche Unterstützung für die Bundesligafrauen gestrichen, die Abteilungsleitung daraufhin den Rückzug verkündet. Der Imageschaden für den Verein war gewaltig. „Fußballerisch habe ich dort nicht so gute Erfahrungen gemacht, weil der Verein uns abgemeldet hat“, klagte bei der WM in Kanada die einstige HSV-Spielerin Lena Petermann (2009–2012) dem Abendblatt. „Die Leute schauen zu, wenn wie jetzt die WM im Fernsehen läuft“, entgegnet Jarchow, heute HFV-Vizepräsident, „zu unseren Bundesligaspielen kamen 120 bis 130 Zuschauer. Damit findet man auch keine Sponsoren.“

Drei Jahre lang musste sich die HSV-Frauenabteilung schütteln. Strukturen mussten neu gelegt werden, zwischendurch versuchte sogar der einstige Torwart Frank Rost sich als Trainer der Frauen zu profilieren. Die Abteilungsleitung lag zuletzt in der Verantwortung von Jörn Spuida, der seit Anfang Juni Geschäftsführer des gesamten HSV e. V. ist. „Man hat die Möglichkeit, Spielerinnen gut auszubilden oder viel Geld reinzugießen, Das zweite ist nicht unser Weg“, sagt Spuida: „Wir sind in der Regionalliga gut aufgestellt.“ Immerhin soll künftig die C-Jugend aus Mitteln des neuen Fördertopfes „Nachwuchsteam“ unterstützt werden. Die Frauenmannschaft wird mit blutjungen Spielerinnen der Jahrgänge 1999 und 1998 antreten, die ihre Erfahrungen in der Regionalliga machen sollen. Und irgendwann einmal in der Zukunft soll es auch für den HSV wieder höher hinausgehen. So der Plan. Wenn die talentierten Spielerinnen dann noch in Hamburg sind...