Brcelona/Berlin

Der 120-Tore-Sturm

Suárez, Neymar und Messi haben beim FC Barcelona einen Rekord aufgestellt. Im Champions-League-Finale gegen Juventus wollen sie ihre Saison krönen

Brcelona/Berlin. Als Lionel Messi und seine Team-Kameraden am Freitag gegen 14.15 Uhr am Grand-Hyatt-Hotel in Berlin ankamen, flippten die Fans förmlich aus. Einige der rund 1000 Anhänger des FC Barcelona waren aufs Nebendach des Hotels geklettert, um einen besseren Blick auf die Superstars zu erhaschen. Die Sicherheitskräfte kamen mächtig ins Schwitzen. Locker gekleidet in blauen Hemden und Jeans waren die Barca-Spieler am Potsdamer Platz erschienen. Viele Fans trugen Trikots von Messi oder Neymar. Auch argentinische Nationalflaggen waren zu sehen. Am Abend erstrahlte gar das Brandenburger Tor in den Vereinsfarben der Katalanen. Vor dem Champions-League-Finale an diesem Sonnabend zwischen Juventus Turin und dem FC Barcelona im Berliner Olympiastadion (20.45 Uhr/ZDF und Sky) herrscht in der Hauptstadt der fußballerische Ausnahmezustand.

Für Hysterie und Schnappatmung bei den Fußballfans in Berlin sorgen vor allem drei Namen, über die in Spanien längst eine Diskussion entfacht ist. Gab es jemals eine bessere Offensivreihe als die des FC Barcelona mit den Stars Lionel Messi, Luis Suárez und Neymar? Wohl kaum, sagt Genius Messi vor dem Finale gegen Juve selbst: „Ich habe mit großartigen Stürmern zusammengespielt. Ich konnte eine tolle Partnerschaft mit Ronaldinho genießen. Da waren auch noch Samuel Eto’o, Thierry Henry, Pedro, David Villa oder Alexis. Es ist aber schwer, eine Aufstellung zusammen mit Neymar und Suárez zu übertreffen.“

Die nackten Zahlen geben dem viermaligen Weltfußballer Recht. Schier unglaubliche 120 Tore haben die „Magischen Drei“ – oder auch kurz „MSN“ genannt – in dieser Saison gemeinsam erzielt. Damit ist der Rekord des Real-Madrid-Trios Cristiano Ronaldo, Karim Benzema und Gonzalo Higuain (118) aus der Saison 2011/12 längst übertroffen. Die jüngste Kostprobe lieferte das Trio am vergangenen Sonnabend im Pokalfinale gegen Athletic Bilbao ab. Zweimal Messi, einmal Neymar, am Ende hieß es 3:1 für Barça und der zweite Titel nach dem Gewinn der Meisterschaft war perfekt.

Schon Bayern München hatte im Halbfinale die ganze Wucht der „Maschinen“ („El Mundo Deportivo“) zu spüren bekommen. Alle fünf Tore gingen auf das Konto der Südamerika-Connection. In 20 der vergangenen 22 Pflichtspiele der Katalanen erzielte mindestens einer der drei Stars einen Treffer. Vor dem „Finale furioso“ steht Messi bei 58 Toren, Neymar bei 38 und Suárez bei 24. Gegner Juventus liefert quasi das Kontrastprogramm in der Offensive, wo viel auf den nur selten angepassten Argentinier Carlos Tevez ausgerichtet ist. Dazu soll auch der von Real Madrid glänzend eingeschlagene Spanier Alvaro Morata für Tore sorgen.

Im Blickpunkt steht aber „MSN“. Nur wenn die Italiener das Trio in den Griff bekommen, haben sie wohl eine realistische Chance. „Jeder glaubt, Barca ist der Favorit. Aber es wird schwer. Juve versteht es gut, auf die Offensivkünstler Messi, Neymar und Suárez zu reagieren“, sagte Bundestrainer Joachim Löw am Freitag. „Aber Barca ist in guter Form, hat keine Verletzten. Ich denke, dass sich Barcelona am Ende knapp durchsetzen wird. Das sind alles Weltklasseleute“, so Löw.

Damit schloss der DFB-Coach vor allem auch den Uruguayer Suárez ein, der sich vor einem Jahr mit seinem Biss bei der WM gegen Italiens Giorgio Chiellini noch eine viermonatige Sperre eingehandelt hatte. So konnte Suárez erst Ende Oktober 2014 sein Debüt im Barcelona-Trikot nach dem Wechsel für 80 Millionen Euro vom FC Liverpool geben. In Spanien hat der 28-Jährige bisher einen einwandfreien Eindruck hinterlassen. Keine Eskapaden auf und neben dem Platz, stattdessen präsentiert sich Suárez als mannschaftsdienlicher Spieler.

Das gilt inzwischen auch immer mehr für Neymar. Extravaganz zelebriert der Brasilianer mit seinen ständig wechselnden Frisuren nur noch in seiner Freizeit. Auf dem Spielfeld harmonieren Neymar und Messi wie auch privat perfekt zusammen. „Leo ist mein bester Freund“, sagt Neymar, was angesichts der Rivalität der beiden Länder keine Selbstverständlichkeit ist. Die Teamkollegen sind jedenfalls begeistert. „Es ist ein Segen hinter diesen drei Stürmern zu spielen. Sie sind die besten der Welt“, lobt Andres Iniesta. Und für Verteidiger Gerard Piqué ist es ein „Genuss“ mit diesen „außergewöhnlichen Spielern“ auf dem Platz zu stehen.

Mit dem Trio hat sich auch die Spielweise der Katalanen verändert. Das einst von Pep Guardiola auf Ballbesitz getrimmte Spiel ist geradliniger geworden. Barcelona sucht inzwischen schneller den Torabschluss. Dazu scheint auch inzwischen das Klima innerhalb des Teams hervorragend zu sein. „Im vergangenen Jahr gab es interne Hindernisse und Steuerprobleme. Das hatte seine Auswirkungen“, sagte Barça-Clublegende Johan Cruyff.

So toll Messi, Suárez und Neymar auch harmonieren, Ex-DFB-Kapitän Michael Ballack sieht in ihnen auch eine Chance für Turin. „Ihre größte Stärke ist auch eine Schwäche. Die drei Stürmer sind alle Superstars und manchmal auch ein wenig Divas. Sie mögen es alle nicht zu verteidigen“, sagte Ballack dem „Guardian“. Geht der Titel tatsächlich an Juve, würde die Debatte um „MSN“ neu befeuert.

Juventus Turin: Buffon - Lichtsteiner, Bonucci, Barzagli (Ogbonna), Evra - Marchisio, Pirlo, Pogba - Vidal - Tevez, Morata. - Trainer: AllegriFC Barcelona: Ter Stegen - Alves, Pique, Mascherano, Alba - Busquets - Rakitic, Iniesta - Messi, Suarez, Neymar. - Trainer: EnriqueSchiedsrichter: Cüneyt Cakir (Türkei)