Fankultur

„Der Fußball darf die Entwicklung Hogesa nicht ignorieren“

Mit dem Transparent „Refugees Welcome“ setzten in dieser Saison unter anderem schon Fans von Borussia Dortmund ein klares Zeichen gegen Ausgrenzung

Mit dem Transparent „Refugees Welcome“ setzten in dieser Saison unter anderem schon Fans von Borussia Dortmund ein klares Zeichen gegen Ausgrenzung

Foto: UweSpeck / WITTERS

Fanprojekt-Koordinator Michael Gabriel spricht vor dem DFB-Aktionstag am Wochenende über Integration innerhalb der Anhängerschaft.

Frankfurt/Main.  Der Bundesliga-Spieltag am Wochenende steht ganz im Zeichen von Integration. Die Deutsche Fußball Liga und der Deutsche Fußball-Bund wollen damit ein Zeichen setzen. Wie aber steht es wirklich um die Fremdenfeindlichkeit in den Fan-Kurven der Stadien? „Die Situation hat sich eindeutig gebessert“, sagt Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), im Interview mit Ulrike John (dpa). Es wäre aber naiv anzunehmen, es gebe dort keine Menschen mit rassistischen Einstellungen. Gabriel mahnt den Fußball, vor allem die anti-muslimischen Aktionen von Hooligans nicht zu ignorieren.

Frage: Herr Gabriel, die Bundesliga plant einen Aktionstag gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Bananen sieht man heute nur noch äußerst selten auf das Spielfeld fliegen, die unsäglichen Affenlaute sind ebenfalls verstummt. Ist die Bundesliga jetzt fremdenfreundlich?

Michael Gabriel: Die Situation hat sich jedenfalls eindeutig gebessert in den deutschen Stadien. In den 80er und 90er Jahren war die Atmosphäre viel stärker geprägt von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Sexismus.

Weil solch ein Verhalten nicht mehr gesellschaftsfähig ist? Oder weil der Druck auf den Fußball zu groß geworden ist?

Gabriel: Zu allererst weil sich Fans damit nicht abfinden wollten. Die sind aktiv geworden und wurden dabei von den Fanprojekten unterstützt. Es gibt mittlerweile ganz viele junge Menschen in den Stadien, die sich gegen Rassismus, Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Homophobie engagieren.

Fifa und Uefa lassen regelmäßig Fußballer vor Spruchbändern wie „Nein zu Rassismus“ posieren, es gibt viele Initiativen wie die Integrationskampagne der Bundesliga-Stiftung oder jetzt der Aktionstag gegen Fremdenfeindlichkeit. Verändert das wirklich etwas in den Kurven?

Gabriel: Es ist gut und wichtig, dass DFB, DFL und die Bundesliga-Vereine eine ganz klare Haltung beziehen. Es wird aber von den Fans genau beobachtet, ob die Verantwortlichen glaubwürdig sind und ihren Worten auch Taten folgen lassen. Überall dort, wo die Fan-Aktivisten in den Kurven vom Verein nicht alleine gelassen werden, haben es die Rassisten schwer und können nicht mehr so agieren wie früher. Hier gilt es aktiv zu bleiben, denn es gibt in den Stadien noch genügend Menschen mit rassistischen Einstellungen; es wäre naiv anzunehmen, wir hätten die nicht mehr.

Dafür agieren sie außerhalb der Stadien - wie bei der Gruppierung Hogesa (Hooligans gegen Salafisten) und deren Aktionen zu sehen ist.

Gabriel: Dass sich die im Fußball sozialisierten Hooligans vereinsübergreifend im öffentlichen Raum politisch - das heißt rassistisch und anti-muslimisch - artikulieren, ist neu. Der Fußball darf diese Entwicklungen aber nicht ignorieren, weil sich die Politisierung der Hooligans an einigen Fußballstandorten wie Aachen, Dortmund, Duisburg oder Düsseldorf schon länger angekündigt hatte. Dort wurden die jungen anti-rassistisch engagierten Ultras von den alten Hooligans angegriffen.

Wie viele Fans im Stadion sind eigentlich selbst Ausländer?

Gabriel: Darüber gibt es interessanterweise keine wissenschaftlichen Untersuchungen. Die Verteilung in der Gesellschaft findet sich jedenfalls in den Stadien nicht wieder: Es gibt dort eindeutig weniger Menschen mit Migrationshintergrund.

Warum?

Gabriel: Ich vermute zwei Gründe: Für einen Nicht-Deutschen kann die Zutrittsschwelle zu den stark männlich-weiß dominierten Fangruppen recht hoch sein. Auf der anderen Seite wissen wir auch, dass die Fußballfans in der türkischen Community meist Anhänger von Fenerbahce oder Galatasaray sind und nicht unbedingt von Hertha BSC.

Dabei spielen auf dem Rasen Profis aus fast allen Ländern dieser Welt.

Gabriel: Ja, ein, wie ich finde, bisher von Sport und Gesellschaft unterschätztes Potenzial für die Integration. Ein Aubameyang, ein Ujah oder ein Kagawa genießen ja bei ihren jeweiligen Landsleuten, die in Deutschland leben, eine riesige Aufmerksamkeit. Auf diese Communitys könnte man bestimmt zugehen. Ein anderes Signal für die Integration setzen zurzeit immer mehr Fangruppen und laden Flüchtlinge in die Stadien ein. Auch das wird von den Fanprojekten unterstützt und begleitet.

Zur Person: Michael Gabriel (51), geboren in Klagenfurt und Diplom-Sportwissenschaftler, leitet seit 2006 die Koordinationsstelle Fanprojekte in Frankfurt/Main. Unter dem Dach der Deutschen Sportjugend werden hier von einem sechsköpfigen Team bundesweit 55 sozialpädagogisch arbeitende Fanprojekte betreut.