Nachspiel

...dann hätten wir alle verloren!

Ein Kommentar von Björn Jensen

Dass der erschütternde ARD-Report über von Staat und Nationaler Antidoping-Agentur gedeckte Dopingpraktiken im gesamten russischen Sportsystem hohe Wellen schlagen würde, war abzusehen. Ebenso kann es niemanden überraschen, dass die Beschuldigten westliche Propaganda beklagen, während manch vermeintliches Opfer hofft, langfristig einen großen Konkurrenten loswerden zu können. Und auch die reflexartige Zusage aller betroffenen Verbände und Institutionen, die Vorwürfe mit aller Gründlichkeit zu untersuchen, hat man so oder ähnlich häufig gehört.

Wenn die gewissenhafte Aufklärung ergibt, dass die Vorwürfe zutreffen und die Sportwelt den größten Dopingskandal der Geschichte beklagen muss, dann hilft nur noch der radikale Weg. Dann müssen Dopingsünder endlich lebenslang aus dem Leistungssport entfernt, die Hintermänner mit langen Haftstrafen belegt und die verantwortlichen Funktionäre ihrer Posten für immer enthoben werden. Und dann erst recht dürfen die, die eine Freigabe von Dopingmitteln zwecks besserer Chancengleichheit fordern, kein Gehör finden. Doping ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, weil es die Sportler schädigt und dem Wesen des Sports widerspricht.

Natürlich dürfen wir nicht blauäugig sein und auch nicht mit dem Finger auf andere zeigen, nur weil in Deutschland intensiver und ernsthafter kontrolliert wird als in vielen anderen Ländern dieser Erde. Leistungssport ist ein Geschäft, und wo immer es um Geld geht, sind Menschen bereit, unlautere Mittel zu nutzen, um es zu bekommen. Aber wenn der Sport, wie wir ihn lieben und brauchen, weiterhin als Vorbild für einen friedlichen, fairen und der Völkerverständigung dienenden Wettkampf gelten soll, dann müssen wir mit aller Konsequenz die Ehrlichen schützen.

Mag man es als romantische Träumerei abtun, aber: Wenn es nicht gelingt, Betrüger weiterhin zu entlarven, zu ächten und die große Mehrheit der im Sport Tätigen darin zu bestärken, dass die Sauberen die Guten sind und Siege nicht jeden Preis rechtfertigen, werden sich immer mehr Menschen abwenden vom Gedanken, dass Sport als Korrektiv einer Gesellschaft unerlässlich ist. Und spätestens dann hätten wir alle verloren.