Verletzt, aber nie verzweifelt

Die Kapitänin des deutschen Handball-Nationalteams, Isabell Klein, verpasst wegen ihres Fußbruchs erneut eine EM

Kiel. Isabell Klein schlägt für den Interviewtermin das N.I.L. in Kiel vor. Das Stammcafé der THW-Handballer, in dem schon ihr Mann Dominik immer mit „Zebra“-Legende Nikola Karabatic extragroße Sportlernudeln serviert bekam. Ihre türkisfarbenen Krücken stellt die Kapitänin des Buxtehuder SV ab, den rechten Fuß legt sie auf einen Nachbarstuhl und zieht ihr iPhone aus der Manteltasche: Die 30-Jährige scrollt auf das frankensteinartige Röntgenbild ihres gebrochenen fünften Mittelfußknochens. „Hier: die Platte mit den neun Schrauben“, sagt sie lächelnd.

Über ihr Handy – genauer: die Nationalmannschafts-Whatsapp-Gruppe – verfolgt sie aus der Ferne auch die letzten Vorbereitungen zur Europameisterschaft in Kroatien und Ungarn (7. bis 21. Dezember). Die 63-fache Nationalspielerin fehlt schon wieder bei einem großen Turnier. Seit sie 2011 zu Deutschlands Spielführerin ernannt wurde, nahm sie nur an der WM im selben Jahr in Brasilien teil, die EM 2012 in Serbien musste sie wie jetzt in letzter Minute absagen – wegen eines Mittelhandbruchs. Dabei war sie gerade erst von einem Kreuzbandriss genesen. Die WM 2013 (ebenfalls in Serbien) verpasste sie wegen der Schwangerschaft.

Mit dem Schicksal zu hadern oder sich in der EM-Zeit fernseherlos zu verkriechen, wäre nicht ihr Ding. Sie analysiert die Spiele sogar als Sport1-Expertin aus einem Münchner TV-Studio. „So bin ich noch ein bisschen nah dran und Teil des Teams.“ Außerdem meint sie: „Mir geht es doch gut, ich habe einen tollen Mann, ein tolles Kind, einen tollen Beruf und verdiene mit meinem Hobby Geld.“ Das ist kein Kokettieren. „Es gibt so viele schlimmere Schicksale.“ Zum Beispiel erfuhr sie damals nach ihrem Kreuzbandriss davon, dass das Kind eines Bekannten zum Pflegefall wird. „Und ich kann bloß ein paar Monate kein Handball spielen.“ Und dann fällt ihr noch was Wichtiges ein: „Ohne die Verletzungen wäre Colin nicht da.“

Dominik Klein, 30, der selbst noch keine schwerere Verletzung erleben musste, sagt über seine tapfere „Isi“: „Das ist nicht nur bewundernswert, ihr gebührt allerhöchster Respekt, wie sie sich jedes Mal wieder zurückkämpft!“

Ihn erreichte die Schocknachricht von Isabells Fußbruch vor gut zwei Wochen in Paris auf einem Champions-League-Trip: Buxtehudes ebenfalls verletzte Spielmacherin Randy Bülau schickte ihm eine Liveticker-SMS vom EHF-Pokal-Hinspiel gegen VOC Amsterdam: „Sie schrieb ‚Deine Frau ist verletzt in der ersten Halbzeit raus’, dann kam erst mal eine Stunde nichts mehr, und ich war völlig platt“, erzählt er. Weil er mit dem THW gleich nach Göppingen weiterreisen musste („Ich bin da schon sehr emotional, zumal ich so weit weg war“), schickte er seiner Frau zur Aufmunterung einen „bunten Gute-Laune-Rosen-Strauß“ ins Krankenzimmer. All das schrieb er dem Abendblatt per E-Mail, weil er in dieser Woche für die Königsklasse in Spanien unterwegs war. Isabell Klein erinnert sich an ihre erste Reaktion, nachdem sie einer Gegenspielerin unglücklich auf den Fuß getreten war und sofort wusste, dass etwas gebrochen ist: „Ich konnte gar nicht weinen oder traurig sein, ich dachte nur: Was mache ich mit dem Kind?“

Sie selbst findet sich nicht tapfer, eher „pragmatisch“: Ihr Vater Bernhard, extra für 14 Tage aus ihrer Heimat München angereist, um mit dem neun Monate alten Baby zu helfen, hat inzwischen den Kinderwagen ins Café hinterhergeschoben. Er sagt über seine Tochter: „Sie schaltet den Kopf nie aus – wie ich.“ Sie erzählt, dass sie in ihrer Ehe „die Realistin“ sei, „Dominik ist der emotionale Positivtyp. Wir ergänzen uns sehr gut. Dominik muss zu Hause jetzt viel wuppen.“ Der Weltmeister von 2007 schrieb rührend besorgt: „Naja, man muss sich nur mal das Bild vor Augen führen, wenn man mit Krücken einem krabbelnden Baby hinterherläuft.“

Erst im Januar zog Isabell nach vielen Jahren der Fernbeziehung mit Dominik in der Kieler Innenstadt zusammen. Vor ihrer Verletzung pendelte sie die 120 Kilometer zum Training nach Buxtehude. Irgendwann allerdings wollen die zwei Exil-Bayern zurück nach München. Isabell Klein: „Ich liebe die Berge noch mehr als das weite Meer.“ Nach der Karriere sieht sich die Diplombetriebswirtin in der Wirtschaft. Derzeit ist sie in ihrer Controlling-Tätigkeit bei der Buxtehuder Medizintechnikfirma Implantcast in Elternzeit.

Das Power-Paar Klein bekommt starke Unterstützung der Großeltern: Bernhard und Renate Nagel, Petra und Theo Klein. Wenn Isabells Vater zurückreist, trifft am Sonnabend Dominiks Mutter aus der Nähe von Aschaffenburg ein. Colin ist pflegeleicht, im Café schläft er die ganze Zeit. In Buxtehude lässt er sich ohne Fremdeln von früheren BSV-Spielerinnen babysitten. Isabell Klein sagt: „Colin hat schon mehr Handball-Arenen von innen gesehen als die meisten Deutschen.“ Natürlich trägt er ultimative Handball-Gene in sich: „Er hat die Tendenz, die Spielsachen mit der linken Hand zu werfen“, sagt die Linkshänderin Klein stolz.

„Wahrscheinlich kann Colin schon vor mir laufen.“ Ihr Ziel ist es, Mitte Februar wieder „auf der Platte“ zu stehen. Aktuell macht sie viermal pro Woche eine Vorbereitungs-Reha im Mare Klinikum, wo auch die THW-Profis ein und aus gehen. Als sie noch im Krankenhaus lag, sprach ihr Bundestrainer Heine Jensen auf die Mailbox: „Isi, du bist eine Kämpferin!“ Die Rückraumrechte und Stehauffrau hat sich zwei klare Ziele gesteckt: „Nächstes Jahr ist die WM in Dänemark und 2016 Olympia in Rio!“