Rendezvous mit einem Wimbledonsieger

Mit der Aktion „Tennis for free“ kämpft Michael Stich um Nachwuchs für Hamburger Vereine. Die Talente Jana und Rosanna Wellm durften ihn treffen

Hamburg. Wer Michael Stich ist, das haben sie nicht gewusst, als ihre Mama ihnen von dem geplanten Termin erzählte. Sie haben den Namen, wie man das heute halt so macht, einmal kurz gegoogelt, aber nun sitzt er vor ihnen im Clubhaus des THC Horn Hamm, der Wimbledonsieger von 1991, und da darf man schon mal ein bisschen schüchtern sein. Ein Gespräch mit einem Tennisstar, den die vielen älteren Menschen, die an den anderen Tischen sitzen, alle zu kennen scheinen, und dann auch noch für die Zeitung, so richtig mit professionellen Fotos und einem echten Interview? Schon aufregend!

Doch sehr schnell merken die zwölf Jahre alte Jana Wellm und ihre drei Jahre jüngere Schwester Rosanna, dass „der Michael“, als der er sich vorgestellt hat, ein netter Typ ist und nur ein bisschen mit ihnen schnacken will. Denn dafür ist der 45-Jährige auf die schmucke Anlage im Stadtpark gekommen an diesem Mittwochnachmittag: um zu erfahren, was das für Mädels sind, die so beispielhaft stehen für das, was er mit seiner Initiative „Tennis for free“ bewirken will. Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 16 Jahren mit seinem Sport in Kontakt zu bringen, das ist das Ziel, das Michael Stich gemeinsam mit der Alexander-Otto-Sportstiftung verfolgt (siehe Infokasten). Und wenn nach dem einjährigen Schnuppertraining dann die Lust so richtig geweckt ist und die Talente an Ball und Schläger bleiben, dann haben alle gewonnen, die Macher, die Kinder und die Vereine.

Jana und Rosanna haben genau diesen Weg beschritten. Im vergangenen Jahr nahmen die Schwestern gemeinsam am Schnuppertennis-Event teil. An ihrem früheren Wohnort Rellingen (Kreis Pinneberg) hatten sie erste Erfahrungen mit dem gelben Filzball gesammelt; um in einen Verein einzutreten, dafür hatte es nicht gereicht. Aber weil Mama Karin so gern Tennis spielt und hoffte, irgendwann mal gegen ihre Töchter antreten zu können, meldeten sie sich bei „Tennis for free“ an.

Es war der Beginn einer Leidenschaft, die nach einem Jahr mit wöchentlich einer Trainingseinheit dazu führte, dass sich die beiden Eppendorferinnen vor einigen Wochen fest beim THC Horn Hamm einschrieben. „Das ist ein toller Erfolg für die Aktion und für unseren Verein“, sagt THC-Cheftrainer Thomas Andersen, 48.

Der Hauptgrund dafür heißt Norbert. Norbert, mit Nachnamen Walter, ist Jugendtrainer beim THC, sein weinrotes Shirt weist ihn als Roger-Federer-Fan aus, und weil er so gut erklären kann, wie das geht mit Vorhand und Rückhand, haben die beiden Schwestern so viel Spaß am Tennis gefunden. „Wir haben im vergangenen Jahr so viel gelernt, weil Norbert uns die Technik beigebracht hat. Er erklärt, wie man laufen und den Schläger halten muss, und dann geht es ganz einfach“, sagt Jana. Norbert sagt, er benutze simple Vergleiche wie Gasgeben beim Motorradfahren oder Scheibenwischen, um die Schlägerhaltung oder Schlagtechniken zu erläutern. „Als Jana und Rosanna herkamen, konnten sie nichts. Heute spielen sie sich die Bälle 60, 70-mal zu, ohne Fehler zu machen“, sagt er.

Michael Stich nickt, als er das hört. „Das Wichtigste für jeden Anfänger ist, dass er einen guten Trainer hat. Wenn das so ist, dann lernt man schnell und macht viele Fortschritte. Nur dann macht Tennis richtig Spaß, und darauf kommt es an“, sagt er. So war es auch bei ihm damals, als er als Sechsjähriger von seinen Eltern zum LTC Elmshorn mitgenommen wurde. „Ich erinnere mich leider nicht mehr an den Namen meines ersten Trainers, aber ich hatte immer gute Trainer. Sonst wäre ich vielleicht nicht dabei geblieben.“

Ob sie langfristig beim Tennis bleiben werden, darüber haben sich Jana und Rosanna noch keine Gedanken gemacht. Vorbilder haben sie nicht, auch fällt ihnen auf die Frage nach bekannten aktuellen Tennisspielerinnen kein einziger Name ein. „Woher soll das auch kommen?“, fragt Stich, „es gibt ja kaum Tennis im Fernsehen.“ Umso wichtiger sei es, dass in den Vereinen die Nachwuchsarbeit vorangetrieben wird.

Den Schwestern, die mittlerweile aufgetaut sind und sich angeregt mit ihm unterhalten, rät er noch, sich nicht zu früh unter Erfolgsdruck zu setzen. „Ihr werdet schon merken, wann ihr anfangt, den Ehrgeiz zu entwickeln, um Wettkämpfe bestreiten und besser als die anderen sein zu wollen“, sagt er. Die Frage, wer von den beiden schlechter verlieren könne, beantwortet die Ältere mit einem vielsagenden Seitenblick auf die Kleinere. „Wenn Jana den Ball nicht richtig übers Netz spielt, meckere ich sie schon manchmal an“, gibt Rosanna zu. Michael Stich lacht. Er weiß, dass so Karrieren beginnen können.

Zum Abschied winken die beiden noch einmal kurz, dann geht es raus auf den Trainingsplatz, wie jeden Mittwoch um 18 Uhr. Norbert wartet schon, und dafür lassen Jana und Rosanna Wellm sogar einen Wimbledonsieger sitzen. Aber immerhin wissen sie jetzt, wer er ist, dieser Michael Stich.