Fesselnde Stunden bei Rahimis Lesung in Hahnöfersand

Der afghanische Boxprofi, einst selbst kriminell, stellt 25 Gefangenen seine Biografie vor

Hamburg. „Und wie geht es jetzt weiter?“, fragt Erhard Benischek, als die letzte Frage beantwortet und der Applaus verklungen ist, doch Hamid Rahimi kennt die Antwort. Er saß ja selbst lange genug auf der anderen Seite, fast neun Monate, er weiß, dass die Jungs, die ihm gerade noch an den Lippen hingen, jetzt in ihre Zellen zurückmüssen. Die Türen werden geschlossen, sie werden wieder mit sich allein sein, während er durch die warme Frühlingssonne in die Freiheit zurückfährt. Und er weiß auch, dass er noch immer in einer Zelle sitzen oder sogar tot sein würde, hätte er vor zwölf Jahren, als er als Insasse in der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand saß und nicht als Gast, nicht sein Leben von Grund auf geändert.

Um davon zu erzählen, ist der Mittelgewichts-Boxprofi erstmals auf die Halbinsel in Hamburgs Süden zurückgekehrt. Benischek, in Hahnöfersand Lehrer für Sprache und Kommunikation, liest aus Rahimis im September 2013 erschienener Biografie „Die Geschichte eines Kämpfers“, anschließend ergänzt der Afghane mit leiser, aber eindringlicher Stimme, was ihm wichtig erscheint. Über seine Geschichte hat das Abendblatt mehrfach berichtet, für die 25 Zuhörer, die sich für die Lesung bewerben mussten, ist sein Weg vom traumatisierten Flüchtlingskind zum drogen- und gewaltsüchtigen Geldeintreiber, als der er nach Hahnöfersand kam, bis zum Friedenskämpfer für sein Heimatland, der er heute ist, völlig neu.

Anfangs wird noch an den falschen Stellen geklatscht, in denen Gewalttaten im Fokus stehen, doch irgendwann merken die Jugendlichen, größtenteils Migranten wie Rahimi, dass da einer vor ihnen steht, der einen Weg aus der Kriminalität gefunden hat, weil er durch den Sport, mit dem er in Hahnöfersand begann, seine Gewalt zu kanalisieren gelernt hat. „Hamid war sehr auffällig, als er zu uns kam. Umso schöner ist es, ihn jetzt zu sehen. Er ist das beste Vorbild, das es für unsere Jugendlichen geben kann“, sagt Karen Rudolph, die zu Rahimis Gefängniszeit die Abteilung Untersuchungshaft leitete und am Freitag im Publikum sitzt.

Die wichtigste Botschaft, die der 30-Jährige nach eineinhalb fesselnden Stunden für die Jugendlichen hat, ist die, die ihm selbst so oft half, wenn er in der Haft der Verzweiflung nah war. „Schließt Frieden mit euch selbst und lasst euch nie eure Hoffnungen und Träume wegnehmen, dann könnt ihr alles schaffen!“ Am Ende fragt einer: „Wo kann ich dein Buch kaufen?“ Hamid Rahimi lächelt und weiß: Auch diesen Kampf hat er gewonnen.