"Wir wollen Olympia nach Deutschland holen"

DOSB-Generaldirektor Michael Vesper über Hamburgs Olympiachancen, mögliche Reformen der Sommerspiele und die Ohnmacht des Sports

Frankfurt am Main. Michael Vesper, 61, hetzt in diesen Tagen von Termin zu Termin. Die Winterspiele in Sotschi (7.–23. Februar) fordern den Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) an allen Fronten. Für das Gespräch mit dem Abendblatt über eine deutsche Olympiabewerbung, ob, wann, mit welcher Stadt, nahm er sich am DOSB-Sitz in Frankfurt am Main aber mehr als eine Stunde Zeit. "Wir werden uns wieder um Sommerspiele bewerben", sagt Vesper, "jedoch eher für 2028 als für 2024."

Hamburger Abendblatt:

Herr Dr. Vesper, die Deutschen wollen, dass Olympische Spiele nur noch von lupenreinen Demokratien ausgerichtet werden, haben aber Probleme damit, die Spiele in Deutschland stattfinden zu lassen. Sehen Sie eine Chance, die Deutschen wieder mit Olympia zu versöhnen?

Michael Vesper:

Einspruch! Alle Umfragen zeigen, dass es in Deutschland weiter eine Mehrheit gibt, die die Austragung Olympischer Spiele hierzulande begrüßen würde. Der Volksentscheid im vergangenen November gegen eine Bewerbung Münchens für die Winterspiele 2022 war eine Abstimmung in vier Kommunen. Die Niederlage war besonders schmerzhaft, weil wir nach den ökologischen und finanziellen Auswüchsen von Sotschi gezeigt hätten, dass man Winterspiele ohne Umweltzerstörung nachhaltig organisieren kann. Wir hätten gerade ein Prozent der benötigten Fläche neu versiegeln müssen. Ich glaube, das IOC hätte sich nach Sotschi und 2018 dem südkoreanischen Pyeongchang, wo ebenfalls neue Skigebiete erschlossen werden, danach gesehnt, die Spiele wieder an einen traditionellen Wintersportort zu vergeben.

Das Votum der Münchner hat beim DOSB-Präsidium aber offenbar auch nachhaltige Wirkung hinterlassen. Sie scheint der Mut verlassen zu haben, eine neue Olympiabewerbung zu starten.

Vesper:

Eine Kandidatur für Winterspiele ist jetzt auf absehbare Zeit wohl passé. Der DOSB hat als eine der größten Sportorganisationen der Welt aber weiter den Traum, Jahrzehnte nach den Sommerspielen 1972 in München Olympia wieder ins eigene Land zu holen. Es wird in den nächsten Jahren wieder eine Bewerbung für Olympische Spiele geben, da bin ich mir sicher. Wir müssen nur den optimalen Zeitpunkt finden, die internationalen Chancen analysieren und die richtigen Schlüsse aus dem Votum in München ziehen.

Die wären?

Vesper:

Wichtig bleibt eine durchdachte, langfristige Kommunikationsstrategie. Die fehlte vielleicht für München. Der nächste Schuss muss sitzen. Deshalb empfehle ich, nichts zu überstürzen. In München haben wir es nicht verhindern können, dass Fehlinformationen eine eigene Dynamik entwickelt haben. Es ist falsch, dass für die Organisation Olympischer Spiele Steuergelder verschwendet werden. Die Organisation trägt sich durch TV-Einnahmen, Merchandising, lokale Sponsoren und Eintrittsgelder. Die Olympiaausrichter der vergangenen Jahre haben fast immer eine schwarze Zahl geschrieben. Was kostet, das zeigt Sotschi mit Investitionen von rund 40 Milliarden Euro im Exzess, ist der Bau von Infrastruktur, die ja nicht nur für Olympia, sondern zur sinnvollen Nachnutzung für alle Bürger errichtet wird. Da sind wir in Deutschland in der glücklichen Lage, dass viele Sportstätten und andere Einrichtungen bereits stehen. Der Bau von Straßen, Brücken und Schienen wiederum kommt mittelfristig der Stadt und der Region zugute. München (1972) und Barcelona (1992) sind durch Olympia Weltstädte geworden. Die Bevölkerung und die Unternehmen profitieren also von der Ausrichtung der Spiele; ganz abgesehen von der Begeisterung im ganzen Land, die Olympia entfacht.

Viele Menschen scheinen das anders zu sehen, gerade nach den Erfahrungen mit anderen Großprojekten wie Stuttgart 21, dem Berliner Flughafen und der Hamburger Elbphilharmonie, bei denen die Kosten für den Steuerzahler explodierten. Und das Internationale Olympische Komitee (IOC) ist vielen ohnehin suspekt, die Entscheidungsprozesse dort sind ihnen nicht transparent genug, und Olympia ist ihnen einfach zu gigantisch.

Vesper:

Aus meiner politischen Arbeit weiß ich, dass es leichter ist, Menschen gegen etwas zu organisieren, als sie für etwas zu mobilisieren. Wir brauchen eine enge Einbindung der Bürger in eine Olympiabewerbung. Bei einem Volksentscheid über Olympia wäre es hilfreich, diesen mit Wahlen zusammenzulegen, damit die Beteiligung nicht unter 30, sondern bei mehr als 60 Prozent liegt und so ein zuverlässigeres Meinungsbild der Bevölkerung wiedergibt.

Hamburg und Berlin haben wiederholt ihre Bereitschaft bekundet, Olympia ausrichten zu wollen. Die Handelskammer Hamburg plädiert für eine Bewerbung schon für 2024. Der DOSB scheint diesen Vorstoß aussitzen zu wollen.

Vesper:

Das Präsidium des DOSB wird Anfang April darüber entscheiden, wie wir in der Frage einer neuen deutschen Olympiabewerbung weiter verfahren. Vorher werden wir in Sotschi viele Gespräche mit IOC-Mitgliedern führen.

Was spricht gegen 2024?

Vesper:

Das ist zu diskutieren. Ein konkretes Konzept für 2024 müsste bereits Anfang 2016 beim IOC vorliegen, da wird die Zeit doch verdammt knapp. Es gibt in Deutschland kein Großprojekt mehr, ohne dass sich dagegen starker Widerstand regt. Um die Menschen von Olympia zu überzeugen, brauchen wir Zeit. Die sollten wir uns nehmen. Und: Wenn sich für 2024 eine Stadt aus den USA bewirbt, und davon ist auszugehen, dann geht sie als Favorit ins Rennen. Das IOC erwirtschaftet in den USA einen Großteil seiner Milliarden-Einnahmen – die übrigens, auch dies wissen viele Menschen nicht, zu über 90 Prozent in den weltweiten Sport zurückfließen. Und Sommerspiele fanden in den USA zuletzt 1996 in Atlanta statt.

Würde eine Kampagne für 2024 nicht die Chancen erhöhen, vier Jahre später den Zuschlag des IOC zu erhalten, wenn Europa vermutlich wieder dran wäre?

Vesper:

Auch das wird zu prüfen sein. Was Sie nicht unterschätzen dürfen, sind die Kosten einer Kampagne. Die liegen bei Sommerspielen um die 60 Millionen Euro. Das ist sehr viel Geld. Und es gibt keine Erfolgsgarantie.

Sind Sie nicht vielmehr gegen eine Kandidatur für 2024, weil Berlin dann gegen Hamburg keine Chance hätte? Berlin hat noch kein Konzept, Hamburg müsste seines für die Spiele 2012 nur nachbessern.

Vesper:

Unsinn, so denken wir nicht. Wir freuen uns, dass sich in beiden Städten deutliches Interesse an Olympia regt. Eine Bewerbung schüttelt man aber nicht so einfach aus dem Ärmel. Sie ist ein mühsamer, zeitintensiver Prozess, der einen substanziellen personellen wie finanziellen Aufwand erfordert. Man muss damit rechnen, beim ersten oder zweiten Mal zu scheitern. Es reicht nicht, als Erster Hurra zu schreien, und dann, wenn es in die Mühen der Ebenen geht, zu Boden zu sinken. Wir werden genau hinschauen müssen, ob hinter der anfänglichen Begeisterung ein nachhaltiges Engagement, die entsprechende Finanzkraft und eine Mehrheit der Bevölkerung stehen, um dieses komplexe Projekt auf den womöglich langen Weg zu bringen.

Würden Ihnen 59 Prozent Zustimmung reichen, die kürzlich in Hamburg ermittelt wurden?

Vesper:

Na klar, das ist eine deutliche Zustimmung. Auch das IOC weiß doch, mit welchen Mehrheiten in demokratischen Ländern zu rechnen ist.

Hat Hamburg gegen Berlin beim DOSB überhaupt eine Chance?

Vesper:

Selbstverständlich. Hamburg hat nach einigen schwer verständlichen Entscheidungen – wie 2008 der abrupten Absage der Universiade-Bewerbung für 2015 oder dem plötzlichen Desinteresse 2009 an der Ausrichtung der Schwimm-WM 2013 – in den vergangenen Jahren doch deutlich aufgeholt, was das Ansehen in der Welt des Sports betrifft. Wir diskutieren im Präsidium ergebnisoffen.

Das IOC bevorzugt Hauptstädte.

Vesper:

Weltstädte, ja. Hamburg wäre groß genug, um Olympia auszurichten. Leipzig war damals für 2012 zu klein. Und wie in London würde durch Olympia in Hamburg ein neuer Stadtteil entstehen. So etwas gefällt dem IOC.

Steigen Hamburgs Chancen, weil das IOC unter seinem neuen Präsidenten Thomas Bach neue Vergaberichtlinien für Sommerspiele erarbeitet und künftig alles eine Nummer kleiner haben will?

Vesper:

Thomas Bach hat einen ehrgeizigen Fahrplan aufgestellt. Nach einer fast einwöchigen Klausurtagung der IOC-Exekutive im Dezember wird es in der Vollversammlung in Sotschi eine erste Debatte über die Zukunft Olympias geben. Und für Ende des Jahres ist eine Sondersession des IOC angesetzt, auf der vielleicht erste Beschlüsse gefasst werden. Nur darf hier nicht der falsche Eindruck entstehen, dass Olympia fortan vom Groß- zum Kleinprojekt schrumpft. Es geht um eine stärkere Berücksichtigung regionaler Rahmenbedingungen der Bewerberstädte. Olympische Spiele bleiben für jede Stadt eine riesige Herausforderung und damit auch eine riesige Chance. 10.000 Athleten, 20.000 Betreuer, 20.000 Medienvertreter und Hunderttausende Besucher müssen untergebracht, verpflegt und organisiert werden. Das ist und bleibt ein logistisches und organisatorisches Meisterstück. Deshalb sind die positiven Nachwirkungen auch so enorm, siehe London 2012 und Vancouver 2010.

Hat das IOC erkannt, dass nur noch Diktaturen oder Scheichs Olympia ausrichten könnten, wenn die Anforderungen nicht verändert werden?

Vesper:

Die Akzente haben sich deutlich verschoben. Was nicht mehr in die Zeit passt, ist der Bau weißer Elefanten, die nur für die Spiele benötigt werden, danach nicht mehr. Das IOC ist tausendprozentig daran interessiert, dass der Neubau von Olympiaanlagen den jeweiligen Städten und Ländern langfristigen Nutzen bringt. Das ist nicht nur die Philosophie des IOC, diese Grundsätze werden weit stärker als bisher in die Entscheidungen einfließen. Ansonsten wäre die Ausrichtung Olympias nur noch wenigen Ländern vorbehalten.

Wäre dann nicht sogar eine gemeinsame Bewerbung von Hamburg und Berlin zukunftsweisend? In beiden Städten wären alle benötigten Sportstätten vorhanden.

Vesper:

Eine interessante Idee. Aber ein solches Konzept hätte nach meiner Einschätzung in den nächsten Jahrzehnten beim IOC kaum eine Chance. Wir müssen sehen, dass ein wesentlicher Baustein der Sommerspiele das Zusammenleben der Sportler ist, von Athleten aus unterschiedlichsten Sportarten aus mehr als 200 Ländern in einem olympischen Dorf. Es ist das globale Dorf, gelebt von der Jugend der Welt. Das macht den Charme Olympias aus. Würde man Olympia darüber hinaus im ganzen Land verteilt ausrichten, ginge seine Besonderheit verloren.

Vor Sotschi weht Ihnen persönlich ein eisiger Wind ins Gesicht. Sie hätten als Gründungsmitglied der Grünen ihre politischen Ideale verraten, weil Sie als Generaldirektor des DOSB nicht lautstark auf die politischen Missstände in Russland aufmerksam machen.

Vesper:

Das ist Unsinn. Von Anfang an haben das DOSB-Präsidium und ich persönlich das Gesetz, das "homosexuelle Propaganda" untersagt, öffentlich kritisiert. Wir haben uns beim IOC dafür starkgemacht, dass es in Sotschi zu keinerlei Diskriminierungen aus welchem Anlass auch immer kommen darf.

Alles also nur ein Missverständnis?

Vesper:

Das Missverständnis besteht darin, dass viele die Möglichkeiten des Sports überschätzen. Das IOC ist keine supranationale Regierung, das die Politik in einem Land wie Russland ändern könnte. Das schafft nicht mal die Uno. In Russland finden reihenweise Gipfel statt, Regierungstreffen, G8, Wirtschafts-, Kulturgipfel. Nur wird die Frage der Menschenrechte auf diesen Treffen nicht annähernd so intensiv diskutiert wie im Umfeld der Sportereignisse.

Kommt dem Sport dadurch nicht auch größere Verantwortung zu?

Vesper:

Dem Sport ist es doch zu verdanken, dass wir während der Spiele 2008 in Peking flächendeckend über Tibet diskutiert haben – danach war wieder Sendepause. Würden die Spiele 2024 in den USA stattfinden, das Gefangenenlager in Guantánamo wäre ein zentrales Thema, vielleicht auch die Todesstrafe, die es dort noch gibt. Es gibt eben keine größeren, heller ausgeleuchteten Bühnen als sportliche Großereignisse. Ich würde mir nur wünschen, dass die Diskussionen, die dadurch angestoßen werden, von der Politik, Wirtschaft oder Kultur konsequenter aufgegriffen werden. Der Sport leistet, was er leisten kann, andere gesellschaftliche Bereiche dürfen sich dann nicht aus der Verantwortung stehlen.

Schon die Vergabe Olympischer Spiele ist ein Politikum. Es hätte Alternativen zu Winterspielen in Sotschi gegeben.

Vesper:

Ja, Salzburg zum Beispiel. Aber Sotschi hatte im IOC vor sieben Jahren die Mehrheit. Wir sehen das Ganze manchmal zu sehr durch eine mitteleuropäische Brille. Die olympische Bewegung ist, wie die Uno, global. Können wir unsere in vielen Jahrzehnten erkämpften gesellschaftlichen Errungenschaften einfach weltweit absolut setzen? Dann könnte Olympia wirklich nur noch in einer Handvoll von Ländern ausgetragen werden. Schimpfen Sie mich einen Realpolitiker, aber der Wandel durch Annäherung war in unserer jüngeren Geschichte nicht der schlechteste Weg. Und der Sport hat gezeigt, dass er Brücken bauen kann.

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