Curling

Hamburger John Jahr: Mit 48 Jahren zu Olympia

John Jahr und sein Team vom Curling Club Hamburg spielen von diesem Dienstag an um Tickets für die Winterspiele in Sotschi im Februar 2014.

Hamburg. Es gibt ein paar Dinge, die würde John Jahr nicht aufgeben, nicht einmal für Olympia. Ab und an eine Zigarette zum Beispiel. Ein bisschen Spaß muss schließlich sein, das Leben ist derzeit ansonsten entbehrungsreich genug. Noch nie, sagt Jahr, habe er so intensiv und umfangreich trainiert wie im vergangenen Vierteljahr: sechs Tage pro Woche, oft mehrmals am Tag. „Und ich bin wirklich schon lange im Curling dabei.“ An diesem Sonnabend jährt sich der Tag zum 28. Mal, an dem er 1985 Europameister wurde.

Aber Jahr musste schon 48 werden, um seine Karriere krönen zu können. Von diesem Dienstag an kämpft der Geschäftsmann und Verlegerspross in Füssen mit seinem Team vom Curling-Club Hamburg um die Teilnahme an den Olympischen Winterspielen im Februar in Sotschi. Er wäre wohl der Älteste im deutschen Olympia-Aufgebot. Sieben Gegner, von den USA bis Korea, wollen ihm das Ticket streitig machen. Zunächst spielt jeder gegen jeden, die besten drei machen dann in einer Endrunde die beiden Startplätze unter sich aus.

„Der Wunsch, es nach Sotschi zu schaffen, ist schon groß“, sagt Jahr. Aber Druck? Nein, den verspüre er nicht. In der vorvergangenen Woche war das etwas anderes: Jahr, der Skip, und seine Mitspieler Felix Schulze, Christopher Bartsch, Sven Goldemann und Peter Rickmers kämpften bei der Europameisterschaft in Stavanger (Norwegen) um den Wiederaufstieg der deutschen Herren in die A-Gruppe. Das war der Auftrag, den ihnen der Deutsche Curling-Verband anvertraut hatte. Und er wurde voll erfüllt: Die Hamburger gewannen sämtliche Spiele und sicherten als Dreingabe noch einen deutschen Startplatz für die Weltmeisterschaft 2014 in Japan. Ob sie es dann sein werden, die ihn bekommen, liegt nicht allein in ihrer Hand.

In Füssen aber spielen Jahr und sein Team nur für sich, für ihren ganz persönlichen Lebenstraum. Das macht es leichter und schwerer zugleich. „Bei der EM war die Erwartungshaltung Aufstieg ganz klar“, sagt Goldemann, „dieser Job ist erledigt. Jetzt geht es an die Kür.“

In Wirklichkeit steht mehr auf dem Spiel als fünf sportliche Einzelschicksale. Denn verpassen die Hamburger Curler Olympia, fällt der Sport in Deutschland nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung, sondern auch in der Förderung weit zurück.

Turnierteilnahmen, Trainingslager, Ausrüstung, all die Maßnahmen, die der Verband dem deutschen Meisterteam vom Curling Club Hamburg im vergangenen Jahr finanziert hat, stünden plötzlich infrage. Und das in einem Sport, den zu betreiben ohnehin ein gewisses Maß an Opferbereitschaft erfordert. Spitzencurler sind in Deutschland zumeist berufstätige Feierabendsportler. Bartsch und Goldemann gehören dank ihrer Bundeswehrzugehörigkeit zu den wenigen, die sich zumindest zeitweise ihrem Hobby voll hingeben können. „Familie, Job, Curling – das ist eine Riesenherausforderung, die die weltbesten Teams gar nicht haben“, sagt Bartsch.

Die Kanadier zum Beispiel. Sie spielten in der vergangenen Woche in Winnipeg vor einer Riesenkulisse ihre Olympiateams aus, und ein ganzes Land fieberte mit. „Die Curler sind dort echte Heroes“, sagt Jahr. „Wir müssen hier immer noch erklären, was wir eigentlich machen.“ Ein wenig Publikumsunterstützung erhoffen sich die Hamburger in Füssen trotzdem, auch wenn es die Heimat des Teams Allgäu ist, das sich mit den Norddeutschen seit Jahren um die Vorherrschaft in Deutschland streitet. Mehr an Heimvorteil wird es allerdings nicht geben. Die Eisbahnen werden von Spezialisten nach einem weltweit einheitlichen Standard so hergerichtet, dass ihnen die Wärme einer Großarena nichts anhaben kann, die Steine so geschliffen, dass sie auch kleinste Impulse aufnehmen. Kurzum: Die Bedingungen in Füssen haben wenig gemeinsam mit denen in der engen, kühlen Halle des Hamburger Curling Clubs an der Hagenbeckstraße und ihrem eher unebenen Eis.

Dass sich Hamburg nicht selbst um die Ausrichtung bemüht hat, ist John Jahr ganz recht: „Hier wären wir nur abgelenkt. Und mehr als einen Trainingstag auf dem Wettkampfeis bekommt ohnehin kein Team zugestanden.“ Da hilft es den Koreanern auch nichts, dass sie bereits in der vorvergangenen Woche angereist sind. Felix Schulze sieht sich und sein Team trotzdem bestmöglich vorbereitet: „Wir hatten in Stavanger über eine ganze Turnierwoche hinweg konstant gute Bedingungen. So erwarten wir es auch in Füssen.“ Nur die Gegner werden von einem anderen Schlag sein. Wo das Niveau in der B-Gruppe der EM aufhört, fängt es bei den Olympiabewerbern erst an. Einen Favoriten kann Christopher Bartsch unter den Mitbewerbern nicht erkennen: „Alle sind auf Augenhöhe, jeder kann jeden schlagen.“

Am Ende werden die Ends auch im Kopf entschieden, gerade in einem Strategiespiel wie dem Curling. Die Hamburger lassen sich deshalb seit dieser Saison von Thorsten Weidig coachen. In Einzel- und Gruppengesprächen lotet der Sportpsychologie-Professor die Befindlichkeiten aus und unterstützt das Team als Moderator bei Turnieren vor Ort. Vom Olympiastützpunkt wird das Wisch-Quintett mit Athletikprogrammen und Ernährungsplänen versorgt. „Wir haben vieles professionalisiert“, sagt John Jahr. Er selbst hat sich jeden Morgen eine Schwimmeinheit verordnet.

Nur vom Glimmstängel mag er nicht lassen. Aber daran wird Olympia kaum scheitern.

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