Ein Ausflug in alte, schöne Tage

5000 Zuschauer kamen zum Großen Preis von Deutschland nach Bahrenfeld, aber der Sport kämpft ums Überleben

Hamburg. Es war wie in schöneren Zeiten: Die Stimme des Rennbahnsprechers überschlug sich, 5000 Zuschauer feuerten Pferde und Fahrer an. Im Höchsttempo preschten Europas beste vierjährige Traber auf der Rennbahn am Volkspark dem Ziel entgegen. Der „Große Preis von Deutschland“ endete mit einem Dreifach-Erfolg für in Schweden trainierte Pferde: Dreams Take Time (Johnny Takter) siegte nach 2720 Metern vor dem im Besitz des Münchners Harald Krogmann stehenden Indigious (Erik Adielsson) und Quid Pro Quo (Ake Svanstedt).

Endlich wieder großer Sport in Bahrenfeld, auch wenn die Siegprämie von 100.000 Euro ins Ausland ging. Es bleibt dabei: Noch nie hat ein in Deutschland gezogenes Pferd Hamburgs größtes Rennen des Jahres gewonnen. „Das war ein tolles Rennen mit 14 erstklassigen Pferden“, sagte Hans Ludolff Matthiessen,73. Der langjährige Rennbahn-Geschäftsführer fühlte sich an glanzvolle Zeiten erinnert. Vor allem an jenen Tag im Oktober 1988, als der Franzose Ourasi, weltbester Traber aller Zeiten und viermaliger Prix d'Amerique-Gewinner, vor 12.000 Besuchern bei Dauerregen auf matschigem Geläuf den „Großen Preis von Bild“ gewann.

In Hamburg brillierten Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre viele Cracks: Ourasi, Weltrekordler Mack Lobell, Reve d'Udon, Giant Force und natürlich Sea Cove, Hamburgs Prix d'Amerique-Sieger 1994 in Paris. Lokalmatador Henning Rathjen,64, mit 5660 Siegen in 21 000 Rennen Norddeutschlands siegreichster Trabrennfahrer, war Ourasi-Fan. Er erzählt: „Im November 1988, vier Wochen nach seinem Sieg in Hamburg, bin ich mit 50.000 Mark in der Tasche, darunter auch Geld von einem bekannten HSV-Fußballer, nach Philadelphia/USA geflogen. Dort lief Ourasi gegen Mack Lobell, Sugarcane Hannover und Neapolitano, die weltbesten Traber. Ich habe das ganze Geld auf Ourasi gesetzt und alles verloren. Auf der Ziellinie wurde er von Sugarcane Hanover abgefiedelt.“

Kaffeekaufmann Günter Herz, 73, Besitzer des Gestüts Lasbek, hat viele große Rennen in Bahrenfeld erlebt. Auch gestern stand er mit seinem Sohn Christian abseits vom Trubel an den Rails und beobachtete das Rennen durchs Fernglas. Seit einigen Jahren sorgt der ehemalige Tchibo-Vorstand mit millionenschweren Finanzspritzen dafür, dass die Traber in Hamburg vorerst weiterlaufen können. Aber wie lange? In einem Interview mit der FAS hat Günter Herz seine Sorgen geäußert. Er kritisierte die Politik, willentlich das Geschäft mit Pferdewetten ausländischen Anbietern zu überlassen. In der Folge stünden deutsche Trab- und Galopprennen wegen fehlender Wetteinnahmen vor dem Ruin: „Wenn sich der Pferdesport nicht grundsätzlich reformiert, dann steht er vor dem Aus.“

Prekär ist die Situation schon lange. Das schlechte Geschäft mit den Rennpferden wirkt sich auch auf die personelle Lage in der von Günter Herz und Sohn Christian geführten Zentrale der Win Race Pferderennen Vermarktungsgesellschaft am Rödingsmarkt in Hamburg aus. Mehrere Mitarbeiter sind entlassen worden. Günter Herz hat die Rennbahn in Bahrenfeld zur allseits anerkannten „schönsten und modernsten“ Rennbahn in Deutschland gestaltet. „Alles ist vom Feinsten“, sagen Trainer, Fahrer, Besitzer und Besucher. Johnny Takter, der Sieger vom Sonntag, nahm den Faden auf: „Hamburg kann stolz auf seine Trabrennbahn sein.“

Aber die Wetter bleiben aus. Markus Seidl, seit Anfang Juni Rennbahnmanager in Hamburg und Gelsenkirchen und von Herz bezahlt, möchte das ändern: „2014 planen wir 48 Renntage, mehr Events mit Prominenten, mehr Familientage, eine Traberschule für junge Leute. Die Menschen sollen sich bei uns wieder wohlfühlen.“

Hans-Eckart Jaeger war von 1972 bis 2007 beim Abendblatt, zuletzt als stellvertretender Sportchef