Boxen

Wieder Weltmeisterin, aber nicht mehr die „Killer Queen“

Susi Kentikian gewann in Dortmund den Rückkampf gegen Carina Moreno und holte sich den WBA-WM-Gürtel im Fliegengewicht zurück. Die Aggressivität vergangener Tage hat die Hamburgerin allerdings verloren.

Dortmund. Der Kampf war gerade beendet, die Emotionen aus ihr herausgebrochen, da stand Susi Kentikian plötzlich vor einer schwierigen Entscheidung. Sollte sie ihrer Gegnerin die harte Wahrheit entgegenschleudern oder doch die höfliche Notlüge wählen? Carina Moreno war ihr im Ring entgegengekommen, die beiden Frauen, die sich zehn Runden lang ein temporeiches und actiongeladenes Boxduell auf Weltklasseniveau geliefert hatten, waren einander in die Arme gefallen, und dann hatte Moreno diese Frage gestellt: Ob sich Kentikian einen dritten Kampf vorstellen könnte, nachdem ja nun jede einmal gewonnen hatte?

„Ich habe dann gesagt, dass das natürlich möglich wäre“ begründete die 25 Jahre alte Hamburgerin ihre Entscheidung für die Notlüge, „aber ich glaube wirklich nicht, dass ich mir das noch einmal antun muss.“ Es wäre die klügere Entscheidung, es nicht zu tun, denn Moreno, diese zähe US-Amerikanerin, ist eine dieser Gegnerinnen, mit denen sich Kentikian immer schwer tun wird. Das erste Duell hatte die gebürtige Armenierin im Dezember 2012 umstritten durch 1:2-Punktentscheid verloren. Den Rückkampf, bei dem Morenos WBA-WM-Titel im Fliegengewicht auf dem Spiel stand, gewann sie in der Nacht zum Sonntag in der Dortmunder Westfalenhalle einstimmig (97:93, 97:93, 96:94) und vor allem deutlicher, als es das Kampfgeschehen ausgedrückt hatte.

Der zweite Kampf war enger und ausgeglichener als der erste, auch weil Kentikian es selten schaffte, klare Treffer ins Ziel zu bringen. Der Druck des Gewinnenmüssens, er war ihr nicht nur nach der Urteilsverkündung anzusehen, als sich die Anspannung in lauten Schreien entlud, sondern schon während des Kampfes. Als die Fliegengewichtlerin merkte, dass ihre Anfangstaktik, aus der Distanz mit vielen schnellen Händen zu punkten, nicht die gewünschte Wirkung zeigte, verlegte sie sich in der Kampfmitte auf harte Einzelschläge, um zum Kampfende hin wieder auf Dauerfeuer umzuschalten. „Ich musste mich irgendwie auf Moreno einstellen, sie hat dauerhaft Druck gemacht, das war nicht einfach für mich. Umso glücklicher bin ich, wieder Weltmeisterin zu sein“, sagte sie.

Erschwerend kam hinzu, dass sich in der neunten Runde durch unabsichtlichen Kopfstoß ein Cut unter Kentikians rechtem Auge öffnete, der später in einem Dortmunder Krankenhaus mit fünf Stichen genäht werden musste und der sie sogar davon abhielt, auf der offiziellen Pressekonferenz Rede und Antwort zu stehen. Wer weiß, wie sehr die 152 cm kleine Athletin diese blutenden Risswunden hasst, der konnte nachfühlen, wie schwer ihr der Endspurt in der Schlussrunde gefallen sein musste, als sie ohne Rücksicht auf Verluste noch einmal alles riskierte.

Kentikian ist nicht mehr so unbekümmert

Fakt ist, das wurde in Dortmund deutlich: Susi Kentikian hat die Unbekümmertheit und pure Aggression, die sie zu Beginn ihrer Profikarriere 2005 zur „Killer Queen“ gemacht hatte, endgültig eingebüßt. Sie ist eine Boxerin geworden, die im Ring bisweilen zu viel nachdenkt, die ihre Angriffe zwar immer noch schnell und druckvoll, aber doch mit mehr Bedacht ausführt. Das hat zu einem Verlust an spektakulären Momenten geführt, ist aber letztlich eine Weiterentwicklung, die der Klasse ihrer heutigen Gegnerinnen geschuldet ist. Ihr letzter von insgesamt 16 K.-o.-Siegen liegt mittlerweile zwölf Kämpfe und mehr als fünf Jahre zurück. Rivalinnen aus der erweiterten Weltspitze hat sie noch nie vorzeitig besiegen können.

Sie muss es auch nicht, wenn es ihr gelingt, den Kampf so überlegen zu führen, dass es für Punktsiege reicht. Promoter Felix Sturm sagte nach der erfolgreichen Revanche gegen Moreno: „Susi stand unter riesigem Druck. Ihre Niederlage hatte mir mehr weh getan als meine eigenen, weil sie so ungerecht war. Susi wollte damals mit dem Boxen aufhören. Deshalb bin ich froh, dass sie sich heute zurückgeholt hat, was ihr gehört.“ Wie es nun, nach einem angemessenen Sommerurlaub, weitergeht für Susi Kentikian, ist noch nicht klar. Sie ist, seit sie nicht mehr als Hauptkämpferin agiert und in ihrer Heimatstadt Hamburg nicht mehr so präsent ist wie früher, ein Stück weit in der Versenkung verschwunden und muss sich durch gute Leistungen wieder auf die große Bühne zurückkämpfen. Wie das gehen soll? „Warten wir es ab. Ich weiß nur, dass ich mich weiter verbessern muss. Ich habe noch viele Ziele, will Titel vereinigen und große Kämpfe machen“, sagte sie. Nur eins scheint klar: Gegen Moreno wird es keinen weiteren Kampf geben.