„Ullrich hat eine Radsportgeneration betrogen“

Ein Hamburger gibt sich mit dem Dopinggeständnis seines Ex-Kollegen nicht zufrieden

Hamburg. Epo, Wachstumshormone, Testosteron, Synacthen, Kortison. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere, sagt David Kopp, habe er sich „wie ein Apotheker gefühlt“. Über Jahre hat der ehemalige Radprofi seiner Karriere mit verbotenen Mitteln nachgeholfen. Am Montag nun, als er vor dem Landgericht Stuttgart als Zeuge im Prozess gegen seinen früheren Teamkollegen Stefan Schumacher geladen war, sah er den Anlass gekommen, reinen Tisch zu machen. Kopp, 34, legte ein umfassendes Dopinggeständnis ab, er belastete dabei auch die drei einstigen Ärzte des Teams Gerolsteiner schwer. Und er unternahm erst gar nicht den Versuch, seine Vergehen zur rechtfertigen: „Es werden viele Menschen sehr enttäuscht sein. Da kann ich mich nur entschuldigen bei allen, die darauf vertraut haben, dass ich so was nicht gemacht habe.“

Es war natürlich Zufall, dass an ebendiesem Montag der neue „Focus“ erschien, in dem Jan Ullrich erstmals Eigenblutbehandlungen einräumte. Doch bei der Frage nach Epo-Konsum wollte sich der Tour-de-France-Sieger von 1997 plötzlich „nicht mehr mit der Vergangenheit beschäftigen“. Und von aufrichtiger Reue ließ sich selbst zwischen den Zeilen des Interviews nichts lesen. Stattdessen klammerte sich Ullrich wieder an sein altes Credo, „niemanden geschädigt oder betrogen“ zu haben. Entschuldigung? Wofür bitte?

Zum Beispiel bei denen, die den Anspruch hatten, auf ehrliche Weise im Radsport erfolgreich zu sein. Das findet zumindest Timon Seubert. „Jan Ullrichs Standpunkt, er habe nur für Chancengleichheit sorgen wollen, ist absurd“, sagt der Hamburger, der drei Jahre für das Profiteam NetApp fuhr und heute als Fitnesstrainer sowie für die Presseabteilung des Sportveranstalters Upsolut arbeitet. Seubert, 26, spricht von „Betrug an einer ganzen Radsportgeneration. Denn ohne Doping hatte zu dieser Zeit kaum ein Nachwuchsfahrer die Chance, es nach oben zu schaffen.“

Mit Ullrichs Siegen konnte sich Seubert nie messen. Er wollte es auch nicht: „Meine Motivation war nicht der Erfolg an sich, sondern durch den Sport zu mir selbst zu finden.“ Diese Einstellung habe ihn unempfänglich gemacht für die Versuchung, zu illegalen Mitteln zu greifen. Ein schwerer Sturz warf Seubert 2012 schließlich aus der Karrierespur. Trotzdem ist er „nicht traurig darum, einem System den Rücken gekehrt zu haben, das so lange von Leuten wie Armstrong oder Ullrich beeinflusst wurde“. Der Radsport werde es jetzt schwer haben, das olympische Prinzip – schneller, höher, stärker – durch neue Werte zu ersetzen, sagt Seubert.

Der frühere französische Zeitfahrweltmeister und zweimalige Tour-Bergkönig Laurent Jalabert soll bei der Tour de France 1998 mit Epo gedopt gewesen sein. Jetzt bekannt gewordene Nachtests aus dem Jahr 2004 belegten Spuren des Wirkstoffs in Jalaberts sechs Jahre zuvor entnommenen Proben.