Über Kopf mit einer Hand

Für Fitness und Körpergefühl - Bouldern wird als Freizeitsport immer beliebter

Hamburg. Stefan Bühl hängt an der Kletterwand und weiß: Das ist sein letzter Versuch. Noch einmal geht er den nächsten Kletterschritt in Gedanken durch. Wenn jetzt sein Fuß von der winzigen Kante abrutscht, dann ist die Chance auf eine Finalteilnahme verspielt. Der lediglich faustgroße Vorsprung, auf dem sein gesamtes Körpergewicht lastet, ist für einen Kletterlaien nichts weiter als eine Unebenheit der Oberfläche. Für den Boulderer ist es ein sicherer Halt, um die nächste Herausforderung im vertikalen Hindernisparcours zu bewältigen.

80 Teilnehmer waren zu den Norddeutschen Bouldermeisterschaften in Wilhemsburg gereist. In der Nordwandhalle, die auf dem Gelände der "internationalen gartenschau hamburg" (igs) integriert ist, kämpften sie am Wochenende im Turniermodus um den Meistertitel. Bouldern (engl. boulder "Felsblock") ist das Klettern ohne Kletterseil und Sicherung, vornehmlich an künstlichen Kletterwänden in Absprunghöhe. Damit sich im Falle eines Sturzes die Boulderer nicht verletzen, sind unter den Wänden Weichböden installiert, die einen sanften Aufprall garantieren. "Diese Klettervariante erfreut sich in den vergangenen Jahren immer mehr Beliebtheit, weil Interessierte sofort an der Kletterwand loslegen können, ohne erst eine Kletterlizenz erwerben zu müssen", sagte Tina Mutard, Organisatorin des Events. Zudem sei diese Sportart ein wunderbarer Ersatz für das Fitnessstudio, denn das Bouldern beanspruche jegliche Muskelpartien des Körpers und sorge zudem für ein besonderes Körpergefühl.

In der durchgehend gut gefüllten Nordwandhalle kamen die Zuschauer in den Genuss teilweise spektakulärer Szenen. Zeitgleich kämpften Damen und Herren an den jeweiligen Routen um den Sieg in ihrer Klasse. Die Streckenbauer meinten es bei diesem Wettkampf besonders gut und bauten sogar Überkopfpassagen in die ohnehin schon sehr schwierig anmutenden Routen ein. Die Wettkämpfer hingen somit zeitweise völlig in der Luft, ihr Körpergewicht lediglich mit einer Hand haltend, und mussten sich dann zum nächsten Vorsprung emporziehen. Ein Kraftakt, der ohne vorhandene Fitness, viel Übung und vor allem Routine kaum zu bewältigen wäre.

Um eine Route erfolgreich abzuschließen, sind die Boulderer bei Wettkämpfen gefordert, das letzte Element der vorgegebenen Strecke mit beiden Händen zu berühren. Nach Ablauf des vorgegebenen Vier-Minuten-Zeitfensters müssen die Teilnehmer wieder in ihren Isolationsraum zurückkehren. Dieser wird aus Gründen der Wettkampffairness innerhalb des Austragungsortes eingerichtet. Die Konkurrenten sollen sich nicht gegenseitig beim Erklimmen der Wettkampfparcours beobachten können und sich somit einen Vorteil verschaffen. Nach den jeweiligen Etappen der Meisterschaft (Qualifikation, Halbfinale und Finale) werden die Strecken von zwei Routenbauern neu festgelegt. Durch einfache Schraubelemente können somit sehr zügig neue Strecken installiert werden.

Am Ende setzte sich im Finale der Herren Philip Ratajczak (Kassel), 28, durch. Die Hamburgerin Jana Müller, 24, konnte bei den Damen den Wettkampf für sich entscheiden. Auch die Jugendmeister wurden gekürt. Max Prinz, 14, und Charlotte Löffelholz, 13, gewannen in ihrer Klasse.