Magnus Carlsen setzt seine Gegner mit seiner Kondition matt

London. Magnus Carlsen war wieder einmal der Erste. Nach 31 Zügen nahm der 22 Jahre alte Norweger, der die schwarzen Steine führte, das Remisangebot des Armeniers Lewon Aronjan, 30, an. Zwei der Favoriten waren damit friedlich in das Kandidatenturnier der acht weltbesten Schachspieler gestartet, in dem bis zum 1. April in London der Herausforderer von Weltmeister Viswanathan Anand, 43, gesucht wird. Der Inder muss im Herbst seinen Titel gegen den Turniersieger verteidigen.

Dass der Carlsen heißen wird, daran zweifelten zuletzt einige Experten. Dabei führt dieser die Weltrangliste mit großem Vorsprung an - vor dem russischen Ex-Weltmeister Wladimir Kramnik, 37, und Aronjan - und gewann kürzlich in London und danach im niederländischen Wijk aan Zee zwei Weltklasseturniere in beeindruckender Manier. Den Hohepriestern des Schachs reicht das offenbar nicht. Sie fremdeln mit Carlsens eher unspektakulärem Spielstil, dem der wissenschaftliche Anspruch der lange dominierenden russischen Schachschule zu fehlen scheint. Im Gegensatz zu den meisten seiner Großmeisterkollegen legt der Norweger wenig Wert darauf, mit den Eröffnungszügen das Geschehen auf den 64 Feldern bestimmen zu wollen. Carlsen vertraut mehr seinem ausgeprägten Gefühl für das harmonische Zusammenwirken von Figuren und Bauernstrukturen, das in seinen Partien oft erst im Endspiel siegreich zur Geltung kommt.

Für Fußballfan Carlsen bleibt Schach zudem ein Wettkampf, in dem eben auch Faktoren wie Geduld und Ausdauer entscheidend sein können. Bei einem kräftezehrenden Turnier wie in London ist am Ende neben dem gesunden Geist der gesunde Körper gefragt. Carlsen, der jüngste Teilnehmer, hat ihn und pflegt ihn. Wie er sich während einer Veranstaltung auf die Gegner vorbereite, wurde er einmal gefragt. "Mit Schlafen", antwortete Carlsen.

Natürlich studiert auch er mit seinen Helfern des nachts Varianten, analysiert seine Partien und die seiner Kontrahenten, nicht aber bis zur Klärung der letzten Feinheiten und damit bis zur Erschöpfung. "Meine Energie brauche ich im Turniersaal, nicht auf dem Hotelzimmer", sagt Carlsen. Eine Schachpartie auf höchstem Niveau ist schließlich für Körper und Geist anstrengend wie ein Formel-1-Rennen, haben Untersuchungen des Münchner Großmeisters und Mediziners Helmut Pfleger belegt. Carlsen scheint dafür der Beweis. Mit seiner guten Kondition hat er bislang jeden mattgesetzt.

Ergebnisse der 1. Runde: Aronjan (Armenien) - Carlsen (Norwegen) remis, Gelfand (Israel) - Radbajow (Aserbaidschan) remis, Iwantschuk (Ukraine) - Grischtschuk (Russland) remis, Swidler - Kramnik (beide Russland) remis.