Der größte Moment seiner Karriere

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Michael Teuber gewinnt bei den Paralympics die Goldmedaille im Zeitfahren. HSV-Handbikerin Vieth holt Silber hinter der Magdeburgerin Eskau

London. Tobias Graf lag völlig erschöpft auf dem Asphalt und konnte es fast nicht glauben - Michael Teuber dagegen riss siegesgewiss schon vor der Ziellinie den rechten Arm in die Höhe. Auf dem legendären Formel-1-Grand-Prix-Kurs von Brands Hatch sind die beiden Radsportler zu paralympischem Doppel-Gold im Zeitfahren gerast und haben die deutsche Medaillenbilanz weiter aufpoliert. "Was für ein fantastisches Rennen", jubelte Teuber mit schwarz-rot-goldener Fahne auf den Schultern. Noch an der Strecke hatte er Frau und Tochter umarmt, Frust und Anspannung aus den Bahn-Rennen waren verflogen. "Das ist der größte Moment in meiner Karriere!"

Nach Athen 2004 und Peking 2008 gewann der extrovertierte Bayer seine dritte Goldmedaille in Serie. Davon ist Graf noch ein Stück entfernt; eher zögerlich nahm der Baden-Württemberger nach 16 Kilometern auf dem Rundkurs etwas außerhalb von London die Glückwünsche entgegen und fand nur schwer Worte für den wichtigsten Erfolg seiner Karriere. Auf Gold habe er "schon ein bisschen gehofft, aber nicht wirklich damit gerechnet".

Der sympathische Athlet mit dem markanten badischen Akzent, der sein linkes Bein bei einem Unfall auf dem elterlichen Bauernhof verloren hatte, gewann schon auf der Bahn zwei Medaillen. "Ich habe mich eigentlich ziemlich platt gefühlt, bin aber einfach zurzeit gut drauf." Jetzt geht er davon aus, "dass eine ordentliche Party steigt". Auf eine ausschweifende Feier mussten Graf und Teuber, die dem Deutschen Behindertensportverband die Goldmedaillen zehn und elf beschert hatten, aber verzichten. Heute steht für beide bereits das Straßenrennen auf dem Programm, wieder in Brands Hatch.

Chancen rechnet sich Teuber dabei nicht aus. Die Strecke, auf der früher Formel-1-Piloten jubelten, hat er aber bereits ins Herz geschlossen. "Das war das beste Rennen, das wir im Paracycling je hatten", fand der zum Teil gelähmte Bayer, der Gold schon vollmundig angekündigt hatte und im Wettkampf nicht enttäuschte. Selbst auf dem Siegerpodest konnte er seine Freude kaum zügeln, euphorisch verteilte er Kusshände ins Publikum und sang die deutsche Hymne lauthals mit.

Genugtuung verschaffte dem Routinier vor allem die Tatsache, Mark Colbourne aus Großbritannien und den Chinesen Li Zhang Yu auf die Plätze verwiesen zu haben. Beide hatten zuletzt Teubers Zeiten auf der Bahn pulverisiert, nachdem sie der Radsport-Weltverband UCI zum Ärger des Deutschen in dessen Behinderungsklasse gesteckt hatte. Teuber beendete daraufhin seine Karriere im Oval. "Diese muskelbepackten Kerle geschlagen zu haben, mit meinen Beinchen, mit meiner Ausdauer und mit meiner Kraft, das freut mich unheimlich", betonte Teuber. "Ich konnte meine 15 Jahre Erfahrung voll ausspielen. Ein Jahr spezielle Arbeit hat sich damit ausgezahlt."

Auch die deutschen Handbikerinnen hatten allen Grund zur Freude. Andrea Eskau aus Magdeburg siegte im Zeitfahren vor ihrer Hamburger Kollegin Dorothee Vieth vom HSV. Die 40 Jahre alte Eskau hatte 2008 in Peking bereits im Gold im Straßenrennen gewonnen, bei den Winterspielen in Vancouver 2010 holte die Diplom-Psychologin Silber im Langlauf und Bronze im Biathlon. Für Vieth war es das beste Ergebnis ihrer Karriere nach zweimal Bronze vor vier Jahren in China. "Als Andrea mich überholt hat, war mir klar, dass gegen sie nichts zu machen ist", sagte die 51-Jährige: "Aber ich bin mit Silber sehr, sehr glücklich."

Jubeln durften auch die Schwimmer: Kirsten Bruhn aus Neumünster gewann in ihrem letzten Rennen doch noch eine Goldmedaille. Die 42-Jährige, die seit einem Motorradunfall auf der griechischen Insel Kos inkomplett querschnittgelähmt ist, siegte mit rund drei Längen Vorsprung auf Song Ling Ling (China) überlegen über 100 Meter Brust. Bereits im Vorlauf war die Weltrekordlerin über diese Strecke paralympische Bestzeit geschwommen. Der querschnittgelähmte Niels Grunenberg hatte sich zuvor über dieselbe Strecke nur dem Südkoreaner Lee Woo-Geun geschlagen geben und holte die Silbermedaille. Nach seinem bisher erfolgreichsten Tag in London hat das deutsche Team bereits 13 Goldmedaillen auf dem Konto.

Die Sitzvolleyballer erreichten durch ein 3:2-Erfolg gegen China das Halbfinale. Die Basketball-Frauen mit Edina Müller und Maya Lindholm vom HSV treffen heute im Halbfinale auf die starken Niederländerinnen.

( (HA) )