Zwölf Strafpunkte waren zu viel

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Michael Rossmann

Die deutschen Springreiter haben im Teamwettbewerb völlig überraschend das Finale der besten acht verpasst

London. Fassungslosigkeit und Entsetzen spiegelte sich nach dem völlig unerwarteten Ausscheiden im Teamwettbewerb in den Augen der deutschen Springreiter wider. "Das ist eine Riesen-Riesen-Enttäuschung", sagte Christian Ahlmann mit belegter Stimme. Der Marler war am Sonnabend in der ersten Runde des olympischen Einzelwettbewerbs mit indiskutablen 15 Fehlerpunkten ausgeschieden und hat nun auch mit der Mannschaft vorzeitig alle Chancen vergeben. "Es ist bitter, so fahre ich jetzt nach Hause", sagte Ahlmann. Ratlos standen derweil die Verantwortlichen am Rande des Abreiteplatzes und versuchten, die Reiter und sich selber ein wenig zu trösten.

Keiner der vier Reiter war im Teamwettbewerb ohne Fehler geblieben. Zwölf Strafpunkte waren zu viel für den Einzug in die zweite Runde heute (15 Uhr) mit den besten acht Equipen. "Das ist eine ganz neue Erfahrung für uns", kommentierte Verbandspräsident Breido Graf zu Rantzau. "Damit haben wir uns vorher nicht beschäftigt."

"Den Schreck muss ich erst mal verdauen", sagte der sichtlich mitgenommene Bundestrainer Otto Becker. "Das ist schon eine sehr große Enttäuschung. Da muss man gar nicht drum herumreden, aber ich kann der Truppe keinen Vorwurf machen. Sie hat alles gegeben. Wir hatten schon in der Vorbereitung viel Pech." Vier Reiter waren in den vergangenen Wochen ausgefallen, darunter mit Carsten-Otto Nagel (Wedel) der erfolgreichste Teamreiter der vergangenen drei Jahre. Das war offensichtlich nicht zu kompensieren.

Als Welt- und Europameister galt das deutsche Team trotzdem als einer der Favoriten. "Ein Ausscheiden kam in unseren Gedankenspielen nicht vor", kommentierte Sportchef Dennis Peiler das frühe Aus. Auch Goldfavorit Frankreich ist ausgeschieden, doch das war kein Trost. Hinter dem mit nur einem Zeitfehler völlig überraschend führenden Team aus Saudi-Arabien, das sich lediglich wegen Zeitüberschreitung einen Strafpunkt einhandelte, liegen nun vier Mannschaften mit vier Strafpunkten auf Rang zwei: Schweden, Schweiz, die Niederlande und Großbritannien.

Immerhin: Im Einzel haben Marcus Ehning (Borken), Meredith Michaels-Beerbaum (Thedinghausen) und die Hamburgerin Janne-Friederike Meyer noch Chancen. "Wir müssen uns jetzt auf das Einzel konzentrieren", sagte Sportchef Peiler. Im heutigen dritten Qualifikationsspringen dürfen die drei als Einzelstarter reiten. "Wir müssen das verarbeiten und weiterkämpfen", sagte der Bundestrainer. Nur die besten 35 stehen im Einzelfinale am Mittwoch. Dann starten alle wieder mit null Strafpunkten. Ahlmann erklärte sogar: "Ich traue allen drei eine Einzelmedaille zu - wenn sie sich qualifizieren."

Um Ahlmann hatte es am Sonnabend hitzige Diskussionen gegeben, nachdem er seine Peitsche eingesetzt hatte, als sein Pferd an einem Hindernis scheute. Bundestrainer Becker verteidigte seinen Reiter: "Es hat keine Beanstandung der Ground Jury gegeben", sagte er. Gegen Ahlmanns Nominierung hatte sich der Tierschutzbund gewehrt, nachdem bei den Sommerspielen 2008 in Hongkong bei dessen Pferd Cöster die verbotene schmerzlindernde Substanz Capsaicin gefunden worden war. Ahlmann war daraufhin für acht Monate gesperrt worden.

Stellvertretend für das deutsche Team war der Kommentar von Marcus Ehning. "Das war nicht mein bester Tag", sagte der Borkener, dessen Plot Blue an der Mauer einen Abwurf hatte. "Ich weiß nicht, ob er noch im Mittagsschlaf war. Es lief nicht rund." Wie Ehning kehrte auch Janne-Friederike Meyer mit einem Abwurf aus dem Stadion zurück. "Wenn man schon so früh einen Fehler macht und hat den ganzen schweren Parcours noch vor sich, dann muss man kämpfen", sagte die Reiterin aus Schenefeld zu ihrem Auftritt mit ihrem Holsteiner Wallach Cellagon Lambrasco. "Nach dem Fehler hat es ganz gut geklappt", sagte sie und schob einen Satz nach, der auch später Bestand hatte: "Die Enttäuschung bleibt."

Noch schlimmer erwischte es Meredith Michaels-Beerbaum. Acht Strafpunkte sammelte sie mit Bella Donna und lieferte damit das Streichergebnis. Sie selber habe vor dem ersten Abwurf einen Reitfehler begangen, "danach war die Konzentration ein bisschen weg". Ihre neunjährige Stute sei gut, "aber es fehlt einfach die Erfahrung".

Anschließend lagen die Hoffnungen auf Ahlmann, der als letzter Reiter fehlerfrei hätte bleiben müssen. Doch der Reiter aus Marl hatte ebenfalls einen Abwurf mit Codex One. Damit endete der Traum vom nächsten deutschen Edelmetall im Pferdesport nach den Goldmedaillen der Vielseitigkeitsreiter um Michael Jung (Horb).

Die internationalen Beobachter reagierten überrascht auf das Aus. Trotz der Absagen von vier Topreitern galt das Team, das 1988, 1996 und 2000 Gold und 2004 in Athen Bronze gewonnen hatte, als Medaillenkandidat. Eine Macht im Springsport scheint Deutschland nicht mehr zu sein.

( (dpa) )