"Den deutschen Schwimmern fehlte der Biss"

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Rainer Grünberg

Der ehemalige Bundestrainer Dirk Lange lobt die Hamburger Deibler-Brüder und kritisiert die Arbeit der Trainer wie die sportliche Führung des Schwimmverbandes

Hamburg. Auch die letzten Wettbewerbe im Aquatics Centre bestätigten die Erkenntnisse der Vortage. Die deutschen Schwimmer waren in London nicht medaillenreif. Sie stiegen mit dem schlechtesten Ergebnis seit 80 Jahren aus dem Wasser. Peking-Olympiasiegerin Britta Steffen, 28, verpasste als Vierte über 50 Meter Freistil am Schlusstag Bronze nur knapp und will jetzt im Urlaub mit ihrem Freund Paul Biedermann, 26, über ihr Karriereende nachdenken. Die 4x100-Meter-Lagenstaffel mit den Hamburger Deibler-Brüdern Steffen, 25, und Markus, 22, erfüllte mit einem couragierten Auftritt als Sechste immerhin die Erwartungen.

"Allein die beiden Deiblers waren beim Saisonhöhepunkt topfit. Das spricht für die gute Arbeit am Stützpunkt in Hamburg und ihre Trainerin Petra Wolfram", sagte Dirk Lange, 49, nach seiner Rückkehr aus London dem Abendblatt. Bis Dezember 2011 war der Hamburger Bundestrainer, dann trennte er sich im gegenseitigen Einvernehmen vom Verband. Lange: "Der überwiegende Rest der deutschen Trainer und die sportliche Leitung des Verbandes mit Sportdirektor Lutz Buschkow müssen sich dagegen infrage stellen." In London betreute Lange Cameron van der Burgh aus Südafrika, der die 100 Meter Brust in Weltrekordzeit gewann.

Hamburger Abendblatt:

Nach fünf Medaillen 2004 in Athen und zwei goldenen von Steffen 2008 in Peking blieben die deutschen Schwimmer in London erstmals seit 1932 ohne Plakette. Haben sie sich damit aus der Weltspitze verabschiedet?

Dirk Lange:

Die Schwimmer nicht, die sportliche Führung schon. Viele Trainer und Teile der Mannschaftsführung sind letztlich nicht olympiatauglich. Ich glaube weiter, dass wir erstklassige Schwimmer haben, die bei Olympia sehr wohl in der Lage sind, Medaillen zu holen. Nur wurden sie offenbar nicht in die körperliche Form und die mentale Verfassung gebracht, die bei Olympischen Spielen nun mal vonnöten sind. Ein Spitzensportler ist immer auch von der Leistung seines Coaches abhängig.

Auch Marco Koch, den Sie weiterhin trainieren, ist über 200 Meter Brust im Halbfinale ausgeschieden.

Lange:

Als ich Marco vor Olympia im deutschen Team mit den entsprechenden Trainingsplänen "abgab", war er Vierter der Weltjahresbestenliste. Als ich ihn drei Tage vor Olympia in London wiedertraf, stand ein anderer Mensch vor mir, mit einer anderen Körperhaltung und -sprache. Da war nicht mehr viel von dem Biss und dem Hunger zu erkennen, den ich von ihm kannte.

Das klingt fast so, als wären die deutschen Schwimmer in der Zwischenzeit einer "Gehirnwäsche" unterzogen worden?

Lange:

Ich kann nicht beurteilen, was in den Trainingslagern passiert ist. Die Auskunft war stets: Unsere Schwimmer sind in Topform. In London ist jedoch fast niemand eine neue persönliche Bestzeit geschwommen, und das auf dem Saisonhöhepunkt. Da kann etwas nicht stimmen. Mein Eindruck ist, dass sich im Team eine Art Selbstzufriedenheit entwickelt hat, die sich später als leistungshemmend erweisen sollte.

In der Tat gab es nach den Pleiten im Becken Kommentare wie von Britta Steffen, der Weltfrieden sei durch ihre Leistungen nicht gestört worden, oder Marco Koch sagte, es gebe weit Schlimmeres, als im Halbfinale auszuscheiden.

Lange:

Das ist doch der Punkt. Kein Amerikaner oder Südafrikaner würde solche Aussagen treffen. Zufriedenheit ist für die ein Fremdwort. Vor dem Finale über 200 Meter Schmetterling hat Chad le Clos zu mir gesagt: Wenn ich nach 160 Metern mit Michael Phelps gleichauf bin, mache ich ihn weg. Chad hatte zuvor nie gegen Phelps gewonnen, und es waren seine ersten Spiele. Doch er hatte diesen festen Vorsatz, Phelps zu schlagen. Und er hat es durch seinen phänomenalen Anschlag dann auch geschafft. Diese Einstellung kann man lernen. Warum den deutschen Schwimmern diese Mentalität, bis auf wenige Ausnahmen, fehlt, müssen sich ihre Trainer fragen lassen. Ein anderer Punkt ist für mich: Franzosen und Italiener sind mit weit kleineren Teams angetreten - und die Franzosen waren beispielsweise wesentlich erfolgreicher. Da herrschte ein ganz anderes Leistungsklima in diesen Mannschaften.

Welche Konsequenzen fordern Sie?

Lange:

Das Konzept des Deutschen Schwimmverbandes mit der fachlichen Einbindung der Landesverbände ist stimmig. Es wird aber offenbar nicht mit der nötigen Konsequenz umgesetzt. Ich fordere nicht, dass alle Köpfe rollen müssen. Der goldene Weg wäre, wenn die handelnden Personen zurücktreten würden - insbesondere die leitenden Trainer und die aus der Teamleitung. Ich jedenfalls würde in dieser Situation meinen Posten zur Verfügung stellen. Das ist allein schon eine Frage der Ehre und der Glaubwürdigkeit. Wir brauchen einen Neuanfang, und den kann es nur mit neuem Personal geben, etwa mit einem wie dem ehemaligen Weltmeister Mark Warnecke, der die Szene hervorragend kennt.

Was werfen Sie speziell Leistungssportdirektor Lutz Buschkow vor?

Lange:

Wir haben nicht nur Probleme im Beckenschwimmen, auch die Wasserspringer blieben bisher ohne Medaille, Wasserballer und Synchronschwimmer haben sich erst gar nicht qualifiziert. Es stimmt offensichtlich etwas Grundsätzliches nicht im DSV. Bei uns fehlt der Blick über den Tellerrand. Wir brauchen mehr Fachkompetenz. Warum wollen wir nicht von Australiern oder Amerikanern lernen? Ausgerechnet die Chinesen sind da viel weiter, viel offener. Die schicken ihre Besten monatelang nach Australien und holen sich australische Trainer ins Land. Warum machen wir das nicht?