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Weitsprungeuropameister Sebastian Bayer vom Hamburger SV sucht nach den zwei Zentimetern, die ihm zur Bronzemedaille fehlten

London. Ohropax! Stimmt, daran hätte Sebastian Bayer vielleicht noch denken müssen, als er seine Tasche für das Weitsprungfinale gepackt hatte. Es war ja zu erwarten, dass es am Sonnabend laut werden würde im Stadion, sollte Siebenkämpferin Jessica Ennis tatsächlich zum Olympiasieg laufen. "Der Lärm war extrem, phänomenal", erzählte Bayer. Aber war da sonst noch etwas, was er vergessen hatte? Was er bei der Vorbereitung nicht einkalkuliert hatte? Woran er nicht gedacht hatte? Der Europameister vom HSV zuckte mit den Schultern: "Ich fühle mich körperlich doch supergut."

Wie er sich seelisch fühlen sollte, das hatte Bayer eine halbe Stunde nach seinem Wettkampf noch nicht entschieden. Mit 8,10 Meter war er auf dem fünften Platz gelandet, so weit vorn wie zuletzt der Berliner Kofi Amoah Prah 2000 in Sydney. "Vor zwei Jahren hätte ich über das Ergebnis noch einen Luftsprung gemacht." Und noch am Freitag war er schon froh gewesen, es mit 7,92 Metern überhaupt ins Finale geschafft zu haben, während der Ludwigshafener Christian Reif trotz gleicher Weite als 13. zuschauen musste.

Jetzt aber müsse er sich schon ein bisschen ärgern darüber, die Bronzemedaille um zwei Zentimeter verpasst zu haben. Zwei Zentimeter, was sei das schon? Nichts. Trotzdem sei er mit sich "eigentlich gar nicht so unzufrieden: Ich habe versucht, das Optimum herauszuholen."

Ob es Bayer, 26, gelungen ist, werden die Analysen zeigen. Sein Hamburger Trainer Uwe Florczak hatte mit bloßem Auge eine Abweichung von etwa drei Prozent vom perfekten Sprung ausgemacht: eine leichte Trägheit in der Hüfte. Trotzdem könne er stolz sein auf seinen Schützling: "Sebastian hat einen tollen Wettkampf gemacht."

Florczak erinnerte daran, wie Bayer nach einem 7,87-Meter-Sprung im ersten Versuch und einem ungültigen zweiten sich mit 7,96 Meter noch in den Endkampf der besten acht Springer gerettet habe. Als dann nach dem vierten Versuch 8,10 Meter und Platz zwei aufleuchteten, "da haben wir schon mit einer Medaille geliebäugelt". Sie verpasst zu haben, ändere nichts an der Saisonbilanz: "2012 war ein Riesenjahr für Sebastian."

Als Höhepunkt wird der EM-Sieg vor fünf Wochen in Helsinki in Erinnerung bleiben. Damals kam Bayer auf 8,34 Meter. Am Sonnabend reichte keiner an diese Weite heran, auch nicht der Brite Greg Rutherford, der mit 8,31 den Titel gewann. Allerdings hatten die Veranstalter die Weitspringer gegen den Wind anlaufen lassen und dadurch das Leistungsniveau um etwa 20 Zentimeter reduziert. Trotzdem konnte Bayer bei gleicher Schrittzahl einen längeren Anlauf nehmen als in Helsinki. Das spricht dafür, dass die Trainingsmessungen nicht getrogen haben, die ihm eine höhere Anlaufgeschwindigkeit bescheinigten.

Bayer konnte den Überschuss nur nicht in Länge umsetzen, obwohl er in den beiden letzten Versuchen alles riskiert habe: "Greg zu schlagen, dazu wäre ich heute nicht in der Lage gewesen." Rutherford hatte die EM auf Anraten des britischen Verbands ausgelassen und seine Vorbereitung ganz auf die Heimspiele ausgerichtet. Bayer hingegen hatte nach Helsinki seine Form durch verstärktes Training heruntergeregelt, um sie dann wieder für London aufzubauen.

Der Gedanke liegt nahe, dass der Halleneuroparekordler bei Olympia den Preis für seinen EM-Sieg zahlen musste. Auch Florczak räumte einen vorübergehenden Substanzverlust ein: "Der Wettkampf in Helsinki war schon sehr hart." Bayer glaubt aber, dass ihm der erste große Freilufttitel in vielerlei Hinsicht gutgetan habe. Ein Monat sei allemal genug Zeit, die Kraftreserven wieder aufzufüllen.

In London wird Sebastian Bayer in den nächsten Tagen noch gebraucht. Für seine Freundin, die aus Hamburg stammende Carolin Nytra, beginnt heute mit den Vorläufen der Wettkampf über 100 Meter Hürden (11.05 Uhr). "Ich will sie durch ihren Wettbewerb begleiten", sagte Bayer. Sein nächster Einsatz ist für den 19. August bei Berlin fliegt vorgesehen, einem Vierländerkampf am Brandenburger Tor.

Eine Chance wie am Sonnabend aber wird für Bayer vielleicht nie wiederkommen.

( (leo) )