"Wir müssen gar nichts lernen"

Selbstbewusst geht der neue Eishockey-Bundestrainer Jakob Koelliker heute in München in den Supercup

Hamburg. An diesem Wochenende beginnt für Jakob Koelliker ein neuer Lebensabschnitt. Beim Deutschland-Cup in München hat der 58 Jahre alte Schweizer mit der Partie gegen die Schweiz (heute, 20 Uhr) seinen ersten Auftritt als Eishockey-Bundestrainer.

Hamburger Abendblatt:

Herr Koelliker, haben Sie sich schon von dem Kulturschock erholt?

Jakob Koelliker:

Welchen Kulturschock meinen Sie?

Die Bedingungen im Schweizer Eishockey gelten als deutlich besser im Vergleich zu Deutschland.

Koelliker:

Ich bin sehr zufrieden mit den Strukturen, die ich beim DEB vorgefunden habe. Es gibt also keinen Grund, mich zu beschweren. So schlecht sind wir in Deutschland nicht aufgestellt.

Was kann das deutsche Eishockey von den Schweizern lernen?

Koelliker:

Ehrlich gesagt müssen wir gar nichts lernen. Ein Modell aus einem anderen Land kann man sowieso nicht eins zu eins übernehmen.

Aber in der Schweizer Nationalliga A sind nur vier Ausländer pro Team erlaubt. Wäre das auch ein Allheilmittel für Deutschland?

Koelliker:

Ich finde, es ist teilweise zu einfach für Schweizer, in die erste Mannschaft zu kommen. In Deutschland ist die Konkurrenz mit ausländischen Spielern größer. Wer sich hier durchsetzt, hat auch wirklich die Qualität, international zu bestehen.

Wie würden Sie Ihre Philosophie beschreiben?

Koelliker:

Meine Philosophie passt sich dem internationalen Eishockey an. Wir wollen defensiv stabil stehen und schnell in die Offensive umschalten. Ich bin ein Rollen-Fanatiker, der sich Spieler sucht, die für gewisse Rollen prädestiniert sind. Man braucht nicht 15 Knipser oder 15 Arbeiter im Sturm. Die Mischung muss stimmen.

In welcher Sprache halten Sie Ihre Ansprachen an das Team?

Koelliker:

Ich versuche, mich so gut es geht mit meinem Hochdeutsch durchzuschlagen. Mit Schwyzerdütsch hätten sicher einige meiner Jungs ein Problem.

Welche Schwächen haben Sie als Trainer der Schweiz bei den Deutschen gesehen?

Koelliker:

Das Tempo ist wichtig. Deutschland ist physisch sehr gut, hat sich in Sachen Toreschießen allerdings immer ein wenig schwergetan. Da werde ich sicher ansetzen.

Wie gefällt Ihnen die Philosophie der Hamburg Freezers, vermehrt auf Deutsche zu setzen?

Koelliker:

Sensationell. Man sieht, dass man auch mit jungen deutschen Spielern sehr viel Erfolg haben kann. Ich hoffe, dass andere Klubs sich die Freezers als Vorbild nehmen. Die Nationalmannschaft wird davon profitieren.

Bei Ihrem Vorgänger Uwe Krupp kam Freezers-Kapitän Christoph Schubert nicht mehr zum Einsatz.

Koelliker:

Über seine Qualitäten müssen wir nicht sprechen. Er hat seinen Weg in der NHL gemacht. Christoph ist von der Statur und vom Spielerischen her jemand, der auf internationalem Niveau eine gute Rolle spielen kann.

Welche Hamburger haben Sie noch auf dem Zettel?

Koelliker:

David Wolf haben wir auf unserem Radar. Er ist noch jung und muss seine Leistungen in der Liga bestätigen. Im Dezember werden wir mit dem "Top Team Sotschi" viele junge Spieler testen, da wird er dabei sein. Auch Garrett Festerling hat sich sehr gut entwickelt. Jerome Flaake werde ich mir beim Deutschland-Cup genau anschauen. Er hat viel Qualität.

Kann Deutschland zu einer Eishockey-Macht werden und mit Ländern wie Kanada oder Russland auf Augenhöhe kommen?

Koelliker:

Na ja, Deutschland hat zuletzt Russland bei der WM 2011 geschlagen. Das ist für mich Weltspitze. Wir sind in der Lage, jeden zu besiegen.

Das klingt wie eine Kampfansage an die großen Eishockey-Nationen.

Koelliker:

Wir wollen zunächst unseren Platz in der Weltrangliste verteidigen und dann nach und nach vorwärtskommen. Es ist aber immer schwerer, etwas zu bestätigen, als etwas zu erreichen.

Sieht das der Verband auch so? Man erwartet ja bei einem neuen Trainer immer Verbesserungen.

Koelliker:

Wir wollen in der Weltrangliste nach vorne kommen. Unser primäres Ziel ist aber die direkte Olympiaqualifikation für Sotschi 2014. Wir müssen uns dafür in den Top acht halten.

Sitzen Sie im Fall der Qualifikation bei Olympia noch auf der Bank? Sie haben ja nur einen Einjahresvertrag.

Koelliker:

Das ist zumindest mein Ziel. Ich wollte mich nicht langfristig binden. Erst einmal mussten sich der DEB und ich ja beschnuppern. Die Absicht von beiden Seiten ist aber ein längerfristiges Engagement.

Wie wird es für Sie sein, gegen die Schweiz zu spielen?

Koelliker:

Ich kenne die Spieler der Schweiz natürlich sehr gut. Vielleicht hilft uns das. Eines ist klar: Ich werde sicher nicht beide Hymnen singen. Die deutsche werde ich vor mich hinsummen, bei der der Schweiz bin ich still.