Die Last mit der Kugelhantel

Johann Martin macht die neue Gewichtheber-Sportart Kettlebell in Deutschland populär

Hamburg. An seine erste Begegnung mit Jan-Niklas Wahrenburg kann sich Johann Martin noch gut erinnern. Vor ihm stand ein schmächtiger Junge von gerade mal 39 Kilogramm, der sich in den Kopf gesetzt hatte, Gewichtheber zu werden. Als ihm Martin eine Acht-Kilogramm-Kugelhantel in die Hand drückte, die leichteste, die er in seinem Sortiment hat, war es schon zu viel. "Und springen konnte er auch nicht richtig", erzählt Martin, 63.

Eineinhalb Jahre später ist aus Jan-Niklas "eine kleine Maschine von 54 Kilogramm" geworden, wie sein Trainer voller Anerkennung sagt. Bei den offenen deutschen Kettlebell-Meisterschaften gewann Wahrenburg im März den Titel in der Klasse bis 58 Kilogramm. 110-mal stieß er eine 16-Kilogramm-Kugel in die Höhe. Ende Juli tritt der 14-Jährige mit einem weiteren Jugendlichen des Athletenclubs Hamburg bei der Europameisterschaft in der lettischen Hauptstadt Riga an.

Dort hat wie in vielen osteuropäischen Ländern das Kugelhanteltraining besonders als Armeesport eine lange Tradition. Es verbindet das Kraftelement des Gewichthebens mit Ausdauer und Koordination. Allein in Russland gebe es 700 hauptamtliche Trainer, sagt Martin, der aus Kasachstan stammt. Anfang der 90er-Jahre ist er nach Hamburg gekommen, jetzt ist er Coach beim Bramfelder Kraftsportverein.

Trotzdem fühlt er sich von der Stadt konsequent ignoriert. Finanzielle Förderung habe er nie bekommen. Die Halle an der Osterbekstraße im Hinterhaus des Landesarbeitsgerichts ist ein Sanierungsfall. "Das reine Gewichtheben hat in Hamburg keine Zukunft", sagt Martin. Deshalb hat er sich darauf verlegt, sein Know-how anderen Sportarten zur Verfügung zu stellen. Die Footballer der Blue Devils sind seit Jahren bei ihm zu Gast, neuerdings auch die Rugbyspieler des FC St. Pauli. Sogar Eishockeyprofis der Freezers schwören auf sein Kraft- und Akrobatiktraining. "Ohne die Unterstützung der Bürgerstiftung wäre das alles nicht möglich", sagt Martin. Er glaubt, dass es ein ganzheitliches Angebot wie seines in Europa kein zweites Mal gibt. Aber er will nicht glauben, dass es dafür in Hamburg keinen geeigneten Standort geben soll.

Jetzt will der kleine Mann mit der großen Brille auch noch einen deutschen Verband für Kugelhanteltraining gründen, "weil es keinen gibt, der die Regeln überwacht". In den Internetdienst YouTube stellt er regelmäßig Lehrfilme mit Trainingstipps ein. Sein erstes Video ist ein Renner: Martin jongliert mit bis zu 32 Kilogramm schweren Kugelhanteln, als seien es Schaumgummibälle. Vor 20 Jahren sei ihm ein 24-Kilogramm-Gewicht auf den Fuß gefallen. "Mein kleiner Zeh erinnert mich bis heute daran."