Boxen

Jürgen Brähmer kämpft wieder – aber nur vor Gericht

Foto: WITTERS

Mittwoch wird der Prozess gegen Halbschwergewichts-Weltmeister vom Universum-Stall neu aufgerollt. 32-Jährige hofft auf Freispruch.

Hamburg. Er hatte sich darauf eingestellt, im März an zwei Fronten kämpfen zu müssen. Die Vorbereitung auf die Pflichtverteidigung seines WBO-WM-Titels im Halbschwergewicht, die am 2.April in der Londoner Wembley-Arena gegen den Waliser Nathan Cleverly geplant war, hatte bereits begonnen. Doch weil fernsehtechnische Gründe in England eine Verschiebung des Duells auf den 21.Mai nötig machten, hat Jürgen Brähmer nun Zeit, sich auf einen Kampf zu konzentrieren, in dem seine Fäuste nur eine Nebenrolle spielen sollen. Der 32 Jahre alte Boxprofi aus dem Hamburger Universum-Stall versucht von Mittwoch an, vor der Kleinen Strafkammer des Landgerichts in seiner Heimat Schwerin seine Unschuld feststellen zu lassen.

Brähmer, der wegen verschiedener Delikte Anfang des Jahrtausends rund fünf Jahre in Haft verbrachte, war vom Amtsgericht Schwerin am 12.Januar 2010 wegen Körperverletzung in zwei Fällen und Beleidigung zu einer Haftstrafe von 16 Monaten verurteilt worden. Gegen dieses Urteil hat sein Rechtsanwalt Johannes Eisenberg Revision eingelegt. „Für mich ist das ein klarer Fall von Rechtsbeugung gewesen“, sagt Brähmer, der insbesondere der Frau, die er im September 2008 geschlagen haben soll, vorwirft, eine Betrügerin zu sein. „Wir haben im vergangenen Jahr privat ermitteln lassen und eine Menge Dinge zu Tage gebracht“, sagt Brähmer, der nicht nur einen Freispruch erreichen, sondern auch die Personen zur Rechenschaft gezogen sehen will, die ihm geschadet hätten.

Gerüchte, der Kampf am 2.April sei auch deshalb verschoben worden, weil die letzte Verhandlung vorm Landgericht für den 30.März terminiert ist, wies der Rechtsausleger, der zuletzt im April 2010 in Hamburg seinen Titel verteidigt hatte, zurück. „Für mich wäre das kein Problem gewesen. Ich hätte mich am 30.März abends ins Flugzeug gesetzt und hätte drei Tage später geboxt“, sagt er. Dennoch sehe eine optimale Vorbereitung auf eine Pflichtverteidigung natürlich anders aus. „Ich lasse mich von dem Prozess nicht beeinflussen, weil ich weiß, dass ich mir nichts vorzuwerfen habe“, sagt Brähmer, „trotzdem darf man so etwas nicht auf die leichte Schulter nehmen.“

Zumal eine Niederlage gegen den schlaggewaltigen Cleverly ernste Konsequenzen für die Karriere des einstigen „Jahrhunderttalents“ haben könnte. Da Universum nach dem Auslaufen des TV-Vertrags mit dem ZDF Ende Juli 2010 noch immer keinen neuen deutschen Partner präsentiert hat, wird es eigene Veranstaltungen in Deutschland auf Sicht nicht geben. Und aus dem Ausland sind nur lukrative Angebote zu erwarten, solange die Sportler Titel zu bieten haben. Dass der Druck, im Wohnzimmer des Herausforderers unbedingt siegen zu müssen, zu hoch sein könnte, weist Brähmer zurück. „Ich habe als Amateur in aller Welt geboxt und kann das auch als Profi. Niemand wird gezwungen, einen Vertrag zu unterschreiben. Ich will nach England und Cleverly dort besiegen“, sagt er.

Brähmer hat einen „lebenslänglichen“ Vertrag und zu Universum-Chef Klaus-Peter Kohl einen so guten Draht, dass er in alle Planungen einbezogen wird. „Verträge unterschreiben wir nicht mehr, wir einigen uns mündlich. Bislang ist immer alles gehalten worden“, sagt Brähmer, dessen Glaube an eine positive Zukunft mit Universum deshalb auch logisch ist. Ein Wechsel zu einem anderen deutschen Promoter komme für ihn nicht infrage, wohl aber ins Ausland, sollte Kohl nur noch als sein Manager auftreten, aber nicht mehr selbst veranstalten wollen.

„Die Angebote, die von dort kommen, sind sehr interessant. Dort wird noch gewürdigt, dass wir Weltklasse-Sport anbieten“, sagt er. Die Situation auf dem deutschen TV-Markt sei auch deshalb so schwierig für Universum, weil Kohl nicht bereit sei, sich unter Wert zu verkaufen. „Er hätte doch längst etwas Neues haben können. Aber da ist er ein Sturkopf, genau wie ich. Wenn mir etwas persönlich nicht passt, dann nehme ich lieber gar nichts“, sagt er. Es könne nicht angehen, dass man auf Weltklasseniveau trainiere, aber bezahlt werde wie Dritte Liga.Wenn nicht angemessen gezahlt würde, müsse man ja nicht annehmen. „Ich kann Kaviar essen, komme aber auch gut mit Schwarzbrot aus“, sagt Brähmer.

Im Falle einer endgültigen Verurteilung dürfte die Karriere von Jürgen Brähmer beendet sein. Der gelernte Schweißer will an derlei Dinge jedoch keinen Gedanken verschwenden. „Ich habe noch immer großen Spaß an dem Sport, und so lange das so ist, werde ich weitermachen.“ Er akzeptiere, dass Universum derzeit auf Sparflamme fährt, wirtschaftlich sei das nur vernünftig. „Aber es ist wie immer im Sport: Mal ist man oben, mal unten, und auch wir werden irgendwann wieder oben sein.“