Fedcup

Andrea Petkovic: "Ich kann Tennis jetzt genießen"

Deutschlands Nummer eins Andrea Petkovic über kleine Provokationen, Existenzängste junger Menschen und ihren Weg an die Spitze.

Maribor/Hamburg. Die deutschen Tennisdamen kämpfen am Sonnabend und Sonntag im slowenischen Maribor auf Sand um die Rückkehr in die Weltgruppe I. Angeführt wird das Fedcup-Team von Andrea Petkovic (Darmstadt). Nach dem Viertelfinaleinzug bei den Australian Open in Melbourne, ihrem bisher größten Erfolg, hat sich die 23-Jährige auf Platz 24 der Weltrangliste verbessert. Zweite Einzelspielerin ist Julia Görges, 22, aus Bad Oldesloe, die Nummer 34 der Damenwelt. "Die Mannschaft ist gut in Form, der Zusammenhalt stimmt, die Nerven sind stabil, wir sollten gegen die Sloweninnen gewinnen", sagt Andrea Petkovic im Gespräch mit dem Abendblatt.

Abendblatt: Frau Petkovic, reden wir jetzt mit dem Menschen oder der Tennisspielerin Petkovic? In Ihren Blogs stand zu lesen, dass dies zwei unterschiedliche Persönlichkeiten sind.

Andrea Petkovic: Das kommt auf Ihre Fragen an. Aber im Moment bin ich ganz entspannt und sozial verträglich.

Sie haben vor Kurzem für Ihre Fans einen Gedichtwettbewerb ausgerufen und als Preise einen Tennisschläger und eine Packung bunter Schnürsenkel ausgelobt. Wer hat gewonnen?

Petkovic: Es gab zwei Sieger. Das eine Gedicht war kurz und witzig, das zweite zwei Seiten lang.

Wer erhielt die Schnürsenkel?

Petkovic: Der Witzige.

Was stand im zweiten?

Petkovic: Wie toll Tennis ist und wie toll es sei, dass es die Tennisspielerin Andrea Petkovic gibt.

Finden Sie das auch?

Petkovic: Im Moment, ja. Inzwischen haben sich die Mühen ausgezahlt, die harte Arbeit, die Knochentour durch die kleinen Turniere und meine Rückkehr nach dem Kreuzbandriss vor drei Jahren. Ich kann Tennis jetzt genießen.

Weil Ihre Träume mit den Erfolgen zu Zielen geworden sind?

Petkovic: Ich begreife langsam, dass das, wovon ich vor zwei Jahren noch geträumt habe, in greifbare Nähe rückt.

Ein Platz unter den Top Ten - Ziel oder Traum?

Petkovic: Ziel! Im Augenblick bin ich noch nicht so weit. Die Rangliste lügt nicht. Aber: Ich will dahin.

Der Gewinn eines Grand-Slam-Turniers?

Petkovic: Traum! Doch ich will nichts ausschließen, ich habe schließlich hohe Ansprüche an mich. Die Grenzen verschieben sich mit den Erfolgen. Ob Traum oder Ziel, ich muss weiter hart an meinem Tennis arbeiten.

Was auffällt, ist, dass Sie sehr schnell aus Ihren Fehlern lernen.

Petkovic: Das ist eine Stärke von mir, damit gleiche ich vielleicht mein noch nicht so optimal entwickeltes Ballgefühl aus. Fehler machen alle, aber bei mir wecken sie meinen Kampfgeist. In mir wächst dann dieser Hunger, es beim nächsten Mal besser zu machen.

Vor einem Jahr gaben Sie in Tschechien Ihr Fedcup-Debüt, und das gleich als Führungsspielerin. Mit dieser Rolle waren Sie damals offenbar überfordert. Nur zwei Monate später gewannen sie gegen Frankreich beide Einzel.

Petkovic: Ich hatte das selbst nicht so schnell erwartet. Das Problem in Tschechien war ja nicht, dass ich zweimal verloren habe, das passiert, sondern dass ich nervlich nicht in der Lage war, meine Leistung abzurufen. So hatte ich das Gefühl, das Team kann sich nicht auf mich verlassen. Und was will man mit einer, bei der keiner weiß, wie es heute um deren Nerven bestellt ist. Umso wichtiger war das Signal zwei Monate später: Hey Mädels, ihr könnt euch auf mich verlassen!

Wie war das möglich?

Petkovic: Ich habe analysiert, was schiefgelaufen ist. Das gelingt mir meistens ganz gut. Ich finde dann eine sachliche Position zu mir selbst, betrachte mich quasi von außen. Ich hatte zu viel Druck aufgebaut, ich wollte alles allein schaukeln. Ich habe mich nicht vom Team tragen lassen, ich war viel zu sehr mit meinen Versagensängsten beschäftigt und habe dabei nicht realisiert: Da stehen zehn Leute hinter dir, die alle wollen, dass du gewinnst. In Frankfurt war ich im April schließlich in der Lage, es zu genießen, als Nummer eins für Deutschland zu spielen, es nicht als Belastung zu empfinden, sondern als schönes Bonbon meiner Tenniskarriere.

Die Fehler zu rationalisieren ist das eine, emotional die Erkenntnisse umzusetzen der weit schwierigere Teil.

Petkovic: Ich war auch überrascht, wie gut das funktioniert hat. Im Tennis ist heute alles dermaßen schnelllebig, dass du manchmal auf die Vorspultaste drücken musst, um den Anschluss nicht zu verlieren. Jetzt sitze ich zum Beispiel hier in Maribor, soll am Wochenende Deutschland repräsentieren, und ich habe die Ereignisse der Australian Open vor einer Woche längst nicht verarbeitet. Damit kann ich mich aber nicht beschäftigen, es geht weiter und weiter.

Blicken wir dennoch zurück. Im Viertelfinale der Australian Open in Melbourne sind Sie gegen die Chinesin Li Na ausgeschieden, weil Sie vor dem Match, das auf morgens um zehn Uhr angesetzt war, keinen Schlaf fanden.

Petkovic: Dass man nicht schlafen kann, kommt vor. Aber ich habe mich derart unter Druck gesetzt - du musst schlafen, morgen ist Viertelfinale bei den Australian Open -, dass ich keine Ruhe fand und mich nur noch mit meiner Schlaflosigkeit beschäftigt habe. Nächstes Mal bin ich sicherlich entspannter.

Empfanden Sie es als ungehörig, dass man Sie nach drei Abendspielen in Folge zehn Stunden früher angesetzt hat?

Petkovic: Nach Abendspielen kannst du nicht sofort abschalten, ich bin nie vor drei Uhr nachts eingeschlafen. Wenn du dann auf einmal um sieben Uhr aufstehen musst, kommt der Biorhythmus ganz schön durcheinander. Ich bin jedoch nicht in der Position einer Kim Clijsters, die vielleicht ihre Wünsche zum Spielplan äußern darf. Solch eine Stellung muss ich mir erst verdienen.

Dabei hatten die Australier Sie in ihr Herz geschlossen.

Petkovic: Überall wurde ich angehalten, musste Autogramme geben oder Fotos mit mir machen lassen. Ich kam mir vor wie ein Popstar. In Restaurants wurde ich zum Essen und Trinken eingeladen, das war schon krass. In Deutschland würde mir das nicht passieren.

Dafür müssten Sie in Australien nicht Tennis spielen, sondern ins Dschungelcamp gehen.

Petkovic: Bewahre! Da möchte ich auf keinen Fall landen.

Sie wollen ja Kanzlerin werden.

Petkovic: Das habe ich eher als Provokation gemeint. Ich wollte die Leute reizen, sagen, hier gibt es eine Tennisspielerin, die über den Tellerrand hinwegblickt. Heute kannst du die Leute meist nur noch erreichen, wenn du sie provozierst. Ich studiere zwar Politikwissenschaften und will das auch abschließen, doch ich sitze nicht zu Hause und bereite meine Politkarriere vor.

Für welche Partei würden Sie denn antreten wollen?

Petkovic: Für meine eigene. Ich fühle mich zu keiner hingezogen, und ich habe auch das Gefühl, meine Altersgruppe wird von keiner Partei repräsentiert.

Was fordern Sie?

Petkovic: Für die Belange junger Menschen interessiert sich so recht niemand. Ich bekomme das in meinem Freundeskreis ja immer wieder mit. Meine Freude kriegen keinen festen Arbeitsplatz, immer nur Zeitverträge, dadurch fehlt ihnen die Sicherheit, sie haben Existenzängste, sie trauen sich nicht, eine Familie zu gründen oder ein Haus zu bauen. Das könnte dramatische Konsequenzen haben, zum Beispiel weniger Kinder, keine neue Bildungselite.

Wie halten Sie's mit der Frauenquote?

Petkovic: Ich bin klar dafür. Sie hat sich in Norwegen und Schweden bewährt, auch Deutschland würde sie guttun. Das weit verbreitete Macho-Gehabe unserer Gesellschaft könnte endlich aufgebrochen werden.

Bringen Sie uns den Tennisboom zurück?

Petkovic: Steffi Graf, Boris Becker und Michael Stich waren Ausnahmeerscheinungen. Nach ihnen gab es eine längere Flaute. Ich habe den Eindruck, es tut sich wieder was, zumindest im Damentennis. Da haben wir mit Julia Görges, Sabine Lisicki, Anna-Lena Groenefeld und mir Spielerinnen, die noch einiges vorhaben. Ich habe ein gutes Gefühl. Da entsteht was.