Zum Abheben

24 Jahre nach seinem Vater fährt der Bramfelder Daniel Schmidt zur Trampolin-WM

Hamburg. Als Olaf Schmidt zum letzten Mal an diesem Dienstagnachmittag sein schwarzes Notizbuch öffnet, sieht er zufrieden aus. Daniel Schmidt hat gerade wieder seine Kür auf dem Trampolin beendet, zehn Sprünge, unzählige Schrauben und Salti. Sein Vater und Trainer hat für den Fall des Fallens wie immer die Matte bereitgehalten und dann alles genau vermerkt. "Bei dieser Übung bekomme ich Gänsehaut", sagt Olaf Schmidt, "mehr geht nicht."

Für den Moment jedenfalls. Daniel Schmidt, 19, steht im Grunde ja erst am Anfang. Im April gewann der Einser-Abiturient vom Bramfelder SV bei den Europameisterschaften auf dem Doppelminitramp sensationell Gold im Einzel und in der Mannschaft. Morgen darf er in Metz (Frankreich) erstmals bei einer Weltmeisterschaft starten, und das gleich auf dem olympischen Königsgerät. "Als jüngster Teilnehmer", wie der Vater stolz anmerkt.

Als Olaf Schmidt 1986 bei seiner einzigen WM-Teilnahme mit der deutschen Mannschaft die Silbermedaille auf dem Doppelminitramp gewann, war er 24 Jahre alt. Natürlich hat er in diesen Tagen häufiger an damals gedacht. Er sagt: "Ich hatte schon ein gewisses Wettkampf-Feeling." Sportlich aber habe ihn der Sohn längst übersprungen. "Wenn man es hochrechnet, sind seine Übungen deutlich anspruchsvoller. Wir haben viele Sprünge nur gekloppt." Inzwischen sei die Technik so ausgereift und die Weltspitze so eng zusammengerückt, dass schon eine nicht vollständig durchgedrückte Fußspitze über Wohl und Wehe entscheide.

Daniel Schmidt hat sich keine Platzierung vorgenommen. Wenn ihm zwei Topübungen gelängen, sei er zufrieden. Er hat mit Mentaltraining geübt, sich vorzustellen, dass Wettkampf Training ist und umgekehrt. Er sagt: "Ich weiß, dass ich mit 19 noch nicht ganz vorn mithalten kann. Ich will es genießen, etwas lernen, vielleicht ein bisschen mitmischen." Die Kollegen im Nationalteam haben ihm vor allem Erfahrung voraus. Henrik Stehlik, der Olympiadritte von 2004, ist 29, Schmidts Synchronpartner Dennis Luxon 30, Martin Gromowski 27. Sie waren seine Vorbilder. Jetzt ist Daniel Schmidt einer von ihnen. Aber eigentlich bleibt er ein Exot. Denn in Hamburg ist das Trampolinturnen nicht zu Hause: Es gibt keine spezielle Halle, keine Geräte für Videoanalyse, kein Sportinternat. Es gibt nur Familie Schmidt.

Auch Olaf, 48, wurde von seinem Vater trainiert. Peter Schmidt, 73, war bis vor Kurzem noch selbst bei den "Flying Grandpas" aktiv, der Showgruppe der Hamburger Polizei. Heute begleitet er den Enkel zu Wettkämpfen. Daniel Schmidt hat nicht nur die sportliche Tradition fortgeschrieben. Wie Vater und Großvater hat er sich für eine Laufbahn bei der Polizei entschieden, am 1. Februar beginnt seine Ausbildung. Das Training wird er dann zum Großteil ins Wochenende verlagern müssen, was die Bedingungen weiter erschwert. Aber Daniel Schmidt hat sich gegen den Wechsel in ein Leistungszentrum entschieden: "Mein Vater kennt mich in- und auswendig, unser Verhältnis funktioniert auch außerhalb der Halle."

Olaf Schmidt gehört bei der WM zum Trainerstab, er hat dafür seinen Jahresurlaub genommen. Seinem Sohn traut er einen Platz "im vorderen Drittel" des 90er-Feldes zu. Im Synchronwettkampf sei die Konkurrenz vielleicht etwas geringer. Auf dem Doppelminitramp aber, in seiner Spezialdisziplin, wäre einiges drin gewesen. "Vielleicht sogar Metall", raunt Olaf Schmidt und presst die Lippen zusammen. Aber der Verband hatte seinen Nationalturnern einen Doppelstart untersagt. Dem Vater habe das Herz geblutet. Aber dann habe Daniel gesagt: "Ich trete als Doppeleuropameister ab und steige in die Königsklasse auf. Etwas Besseres kann mir doch gar nicht passieren, Papa." Das habe ihm imponiert.

Nächstes Jahr fließt die Sprungzeit mit in die Bewertung ein, für die bisher nur Haltung und Schwierigkeit maßgeblich waren. Für Schmidt ist das ein Nachteil, seine Flughöhe liegt bei etwa sieben Metern, ein bis zwei Meter unter dem Niveau der Weltspitze, die größtenteils aus China kommt. Und bei der WM 2011 ist nur ein einziger deutscher Startplatz für die Olympischen Spiele im Jahr darauf zu vergeben.

Sie dürften für Schmidt noch zu früh kommen. Aber das hatten er und sein Vater bis vor Kurzem auch von dieser WM geglaubt. Erst recht, nachdem Daniel infolge einer Sprunggelenksverletzung fast den ganzen Sommer über nicht aufs Gerät konnte. In der Zeit hat er sich noch mehr um den Nachwuchs des Bramfelder SV gekümmert.

Auch an diesem Dienstag steht er seinen Mitturnern in der Halle des Jo hannes-Brahms-Gymnasiums mit Tipps zur Seite. Jan Jacobsen, 9, hat es ihm besonders angetan. "Sein Sprunggefühl ist toll", sagt Daniel Schmidt. Die Nachfolge ist offenbar geregelt.

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