Stunde der Helfer

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Burkhard Nuppeney

Seit der Preis für eine Teamorder in der Formel 1 festgelegt wurde, drohen im Saisonfinale Hierarchiebefehle. Vettel lehnt allerdings jede Hilfestellung ab

São Paulo. Die Siegprämien in der Formel 1 sind geheim, mit den Bußgeldern geht der Automobilsport-Weltverband Fia transparenter um. 100 000 Dollar muss ein Rennstall in die Kasse der Föderation zahlen, wenn er am Sonntag beim Preis von Brasilien absichtlich die Reihenfolge seiner Piloten ändern sollte. So jedenfalls haben die Regelhüter entschieden, als Ferrari in Hockenheim Fernando Alonso am Teamkollegen Felipe Massa vorbeilotste. Indem das Gremium der Motorsportfunktionäre von Punktabzügen absah, habe es "einen gefährlichen Präzedenzfall" geschaffen, mahnte Christian Horner vom konkurrierenden Red-Bull-Rennstall.

Nun droht die umstrittene Regel im erbitterten Kampf um den WM-Titel weiter ad absurdum geführt zu werden, denn die Formel 1 biegt mit dem vorletzten Grand Prix am Wochenende in São Paulo auf die Zielgerade ein. In der heißen Phase potenziert sich das Risiko verbotener Hierarchiebefehle, weil klar ist, welche Piloten ihrem Rennstall noch den Titel verschaffen können und welche Kollegen nur noch zum Edelhelfer taugen. Und gegen eine Stallorder, das ließen Fia-Mitglieder bereits wissen, sei nichts zu machen, wird sie nicht allzu dilettantisch verschleiert.

Mittlerweile spricht jedes Team mehr oder minder offen über die Anweisungen aus dem Kommandostand. Felipe Massa, der Alonso in Hockenheim aus gekränkter Eitelkeit so demonstrativ passieren ließ, dass es jeder merken musste, sichert dem WM-Führenden mittlerweile unverhohlen alle Unterstützung zu. "Ich weiß, was ich zu tun habe", sagt der Brasilianer.

Martin Whitmarsh, Teamchef des WM-Dritten Lewis Hamilton und des aussichtslos fünftplatzierten Titelverteidigers Jenson Button bei McLaren, erklärt vielsagend, er sei "sicher, dass unsere Fahrer zusammenarbeiten werden". Und selbst Horner versichert inzwischen, es gebe einen Punkt, "an dem die Mathematik diktiert".

Doch ausgerechnet den Bullen fällt die Rollenverteilung nicht so einfach. Ob sie mit "Jung-Siegfried" Sebastian Vettel oder "Winnetou" Mark Webber in den Krieg ziehen, wie Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz es bei "Spiegel Online" formulierte, sei angeblich noch nicht endgültig entschieden.

Nicht gerade förderlich für teaminterne Absprachen ist das Selbstverständnis, das beide Fahrer besitzen. Vettel rechnet sich auch noch mit 25 Punkten Rückstand auf Alonso nahezu so gute Titelchancen aus wie Webber, der nur elf Zähler hinter dem Spanier zurückliegt. "Vettel ist jung, das ist der einzige Unterschied. Ich erkenne nicht, dass er in irgendeiner Art anders arbeitet als sagen wir mal Heikki Kovalainen bei Lotus", stichelte der Australier, der mehrmals auf eine Sonderbehandlung des blonden Stall-Siegfrieds angespielt hatte: "Wäre ich zehn Jahre jünger und hätte die gleichen Resultate, dann würdet ihr doch alle glauben, ich wäre der nächste Superstar."

Doch Webber gibt sich mit seiner Ausgangsposition gelassen: "Ich habe in dieser Saison mehr erreicht, als ich erwarten durfte. Mein Soll ist schon erfüllt." Der Australier hatte seine WM-Führung durch den Ausfall in Südkorea verspielt. Nun ist er der Jäger.

Niki Lauda zwar dreimaliger Weltmeister im Ferrari, aber von der Nationalität als Österreicher eher Red Bull zugeneigt, fordert den Rennstall seines Landsmannes Mateschitz daher unmissverständlich auf, sich schon vor dem Rennstart festzulegen. "Vettel kannst du abschreiben", sagte der Österreicher: "Er hat keine Chance mehr. Red Bull muss alles auf die Karte Webber setzen."

Auch die Teamchefs sticheln munter mit. Red-Bull-Boss Horner schwadronierte, dass es für Alonso "frustrierend" sei, wenn er seinen dritten Titel nach 2005 und 2006 aufgrund der Stallorder in Hockenheim gewänne. Ferrari-Kontrahent Stefano Domenicali konterte: "Es ist ein Wunder, dass Red Bull den Titel mit einem solch überlegenen Auto nicht lange in der Tasche hat." Heißsporn Alonso sekundierte: "Es gibt eben Teams, die wollen von eigenen Problemen ablenken."

Sein erneuter Titelgewinn jedoch hinterließe auch bei Formel-1-Experten einen faden Beigeschmack nach dem Hockenheim-Auftritt. "Ich fand, dass Alonso wenigstens die durch die Teamorder an Massa ergatterten Zusatzpunkte hätten abgezogen werden müssen", sagt Max Mosley, der frühere Chef der Fia: "Sollte Alonso Weltmeister mit einem Vorsprung von weniger als jenen sieben Punkten werden, die er illegitim in Hockenheim gesammelt hat, würde das die Meisterschaft entwerten."