"An 100 Meter in 9,5 Sekunden glaube ich nicht"

Weitsprung-Europameister Christian Reif über seinen Goldsprung von Barcelona und Doping in der Leichtathletik

Hamburg. Das Angebot, Hamburger zu werden, schlug Christian Reif, 25, einst aus - es fehlte an einem geeigneten Studienplatz. Mindestens einmal im Jahr zieht es den Weitsprung-Europameister trotzdem in die Hansestadt: "Sie ist immer eine Reise wert."

Abendblatt:

Herr Reif, wie bekannt sind Sie in Hamburg seit Ihrem 8,47-Meter-Goldsprung von Barcelona?

Christian Reif:

Auf der Straße werde ich hier nicht erkannt. Aber das ist in Saarbrücken, wo ich lebe, nicht anders. Nur am Flughafen bin ich direkt nach der EM mal angesprochen worden. Bei Ariane Friedrich ist das vielleicht etwas anderes, sie ist das Gesicht der deutschen Leichtathletik.

Dabei sind Sie gerade zu Deutschlands Sportler des Monats gewählt worden.

Reif:

Das ist etwas Besonderes, zumal die Wahl von Kollegen durchgeführt wird, die auch von der Sporthilfe gefördert werden. Was mich gewundert hat: dass Martin Kaymer trotz seines Major-Siegs hinter mir gelandet ist.

Vielleicht weil Golfer nicht so auf die Sporthilfe angewiesen sind.

Reif:

Meine wichtigste Stütze, auch wenn mein Ausrüster mittlerweile mehr bezahlt, ist der Verein. Er hat mich auch 2003 und 2005 gefördert, als ich verletzt war und nicht springen konnte. Hinzu kommen Start- und Preisgelder. In Wustermark-Elstal gab es neulich 3000 Euro dafür, dass ich dreimal gesprungen bin - das war mir fast peinlich. Dafür müssen andere einen Monat arbeiten.

Ihnen wird ein gespanntes Verhältnis zu Halleneuropameister Sebastian Bayer vom HSV nachgesagt. Zu Recht?

Reif:

Wir sind keine Freunde, aber das müssen wir auch gar nicht sein, solange wir uns fair verhalten. Es schadet sicher nicht, einen so starken Konkurrenten im eigenen Land zu haben. Vom Talent her wurden wir beide reich beschenkt. Aber ich brauche ihn nicht, um weit zu springen, wie man in Barcelona gesehen hat.

Sie hatten sich gegen seine EM-Nominierung ausgesprochen.

Reif:

Weil sie vielen die Motivation genommen hätte. Man hätte dann auch sechs andere mitnehmen müssen, die auch nicht die Norm erfüllt hatten.

In Barcelona standen Sie in der Qualifikation und im Finale vor dem Aus. Woher kommt Ihre Nervenstärke?

Reif:

Ein Sportpsychologe hatte mir vermittelt, negative Gedanken auszublenden und an die guten Momente zu denken. Vor dem Siegessprung sagte ich mir: Du willst heute die Nationalhymne hören. Als es nach dem Sprung totenstill war, dachte ich zuerst, ich hätte übergetreten. Aber die Zuschauer waren offenbar nur geschockt.

Woher kommt Ihr Leistungssprung?

Reif:

Ich bin das ganze Jahr verletzungsfrei geblieben. Dass ich einen neuen Trainer habe, mag auch eine Rolle spielen. Aber ich kann die Leute verstehen, die sagen: 8,47 Meter gehen nicht auf legalem Wege.

Was entgegnen Sie ihnen?

Reif:

Als Weltjahresbester gerät man schnell in die Defensive. Ich weiß, dass man sauber so weit springen kann. Und ich habe Doping nicht nötig. Mir tun die leid, die sich vom Sport abhängig machen. Ich will mich später an schöne Erfolge erinnern und nicht an einen Kampf ums Überleben. Aber ich bin nicht naiv. An 100 Meter in 9,5 Sekunden glaube ich nicht.