Augen zu und durch

Die Hamburger Deibler-Brüder gehen bei der Schwimm-EM von heute an auf Medaillenjagd

Budapest/Hamburg. Wenn Schwimm-Bundestrainer Dirk Lange den Hamburger Steffen Deibler, 23, beschreiben soll, fällt ihm sogleich folgende Episode ein: Bei den Weltmeisterschaften im vergangenen Sommer in Rom hatte sich Deibler im Vorlauf über 50 Meter Freistil beim Anschlag einen Finger angebrochen. Danach wollte die Mannschaftsleitung von ihm wissen, ob er sich einen Start in der Freistil-Staffel zutraue. Die Trainer hatten auf ein deutliches "Ja!" gehofft, Deibler aber verlor sich im Einerseits-andererseits, sprach davon, dass er trotz seiner Verletzung gern dabei sein würde, jedoch auch von seiner Verantwortung für die Mannschaft. Als Deibler den Raum verließ, so Lange, hätten sich alle erstaunt angeschaut. Die Entscheidung war schnell getroffen. Die Trainerrunde verzichtete auf den Staffel-Einsatz des schnellsten deutschen Schwimmers.

"Steffen Deibler ist sicherlich ein großes Talent, und wir erhoffen uns in der Zukunft einiges von ihm, allerdings fehlt ihm manchmal noch die nötige Aggressivität, dieses Augen-zu-und-durch. Er ist für einen, der ganz nach oben will, vielleicht einen Tick zu grüblerisch veranlagt", sagt Lange, 47.

Heute beginnen bei den Europameisterschaften in Budapest die Wettbewerbe im 50-Meter-Becken (Eurosport live ab 17 Uhr, ARD live ab 17.15 Uhr). Steffen Deibler hat sich gleich für vier Einzeldisziplinen und für zwei Staffeln qualifiziert, und zum ersten Mal auf der Langbahn will der Student der Umwelttechnik in einen Endlauf schwimmen. Das sollte zu schaffen sein. Über 50 Meter Schmetterling, seiner Weltrekordstrecke auf der Kurzbahn (25 Meter), ist Deibler Dritter der europäischen Jahresbestenliste, über die doppelte Distanz Vierter, über 50 und 100 Meter Freistil wird er auf den Positionen sechs und acht geführt. Im Vorbereitungscamp in Heidelberg überzeugte er in den vergangenen zehn Tagen seine Heimtrainerin Petra Wolfram, 42: "Steffen ist in guter Form. Er ist in der Lage, seine starken Zeiten von den deutschen Meisterschaften in Berlin zu verbessern." Und das könnte zu der einen oder anderen Medaille reichen. Die erste dürfte er schon heute holen - mit der 4x100-Meter-Freistil-Staffel. Diesmal ist Steffen Deibler dabei. Oben ohne, wie es die neuen Bekleidungsregeln vorschreiben. Die aber geben ihm noch einmal einen kräftigen (Vor-)Schub. Als technisch versierter Schwimmer mit stabiler Wasserlage hat er jetzt stilistische Vorteile gegenüber seinen kräftigeren Kollegen.

Markus Deibler, 20, profitiert ebenfalls von der textilen Abrüstung. Ihm wird noch größeres Talent nachgesagt als seinem älteren Bruder. Ob er seine Fähigkeiten bereits in Budapest zeigen kann, hängt von seiner Fitness ab. Eine Mandeloperation mit anschließenden Nachblutungen brachte ihn in diesem Frühjahr um ein kontinuierliches Aufbautraining. "Ich bin noch nicht wieder so belastbar, wie ich es mir gewünscht habe. Mache ich zu viel, drohe ich wieder krank zu werden", sagt Markus Deibler. Bei den deutschen Meisterschaften verbesserte er sich über 200 Meter Lagen dennoch um drei Sekunden auf Platz fünf in Europa. "Sein Potenzial ist bei Weitem nicht ausgeschöpft", sagt Trainerin Wolfram. Priorität hat für Markus Deibler zunächst die heutige Freistilstaffel. Im Vorlauf am Morgen muss er sich in das finale Quartett kraulen. Nur 100-Meter-Meister Paul Biedermann und Vizemeister Steffen Deibler sind für den Endlauf gesetzt. "Der doppelte Deutschland-Deibler - und dann aufs Podest. Das wäre doch was", sagt Markus Deibler.