Die Beine sind wie Wackelpudding

Vor dem heutigen offiziellen Trainingsauftakt der Hamburg Freezers durfte das Abendblatt die Fitnesstests mitmachen

Hamburg. Wenn der neue Cheftrainer Stéphane Richer heute um 10 Uhr zum Auftakttraining der Saison 2010/11 bittet, endet für die Eishockeyprofis der Hamburg Freezers offiziell der längste Sommer der Vereinsgeschichte. In der vergangenen Spielzeit hatte der Klub als 13. erstmals die Play-offs der besten zehn Teams verpasst. In der neuen Saison soll alles besser werden. Die Basis dafür hat der 24 Mann starke Kader in den zurückliegenden Monaten zu legen versucht. Wie gewissenhaft die Profis ihre Trainingspläne umgesetzt haben, darüber geben umfangreiche Fitnesstests Aufschluss, die in der vergangenen Woche durchgeführt wurden. Das Abendblatt durfte an diesen Tests teilnehmen.

26. Juli, 9 Uhr, Olympiastützpunkt

Die Maschine, auf die Lutz Thieschäfer seine Probanden setzt, lässt vor dem inneren Auge Bilder von einem elektrischen Stuhl entstehen. Thieschäfer, 28, ist angehender Sportwissenschaftler, Praktikant am OSP und der Herr über "Isomed 2000". Auf diesem Gerät, Wert rund 130 000 Euro, wird in drei Stufen die Streckerkette, bestehend aus Rücken, Gesäß, Oberschenkel und Wade, getestet. Der Proband wird mit Schulterpresse und Beckengurt so fixiert, dass der Oberkörper unbeweglich und der Rücken gerade ist und nur die Beine arbeiten.

Zunächst geht es um Schnellkraft. In zwei Sätzen à drei Wiederholungen muss dabei mit den Füßen so schnell wie möglich ein mit 700 mm/sek laufender "Schlitten" fortgeschoben werden. Der Abendblatt-Reporter, 34 Jahre alt, 178 cm groß, 77 kg schwer und regelmäßiger Jogger, schafft 2525 Newton, der durchschnittliche Freezers-Profi bringt es auf 3000. Weiter geht es mit der Maximalkraft. Jetzt läuft der Schlitten nur noch mit 100 mm/sec, der Widerstand ist spürbar erhöht. In zwei Sätzen à drei Wiederholungen muss der Schlitten so kraftvoll wie möglich bewegt werden. Der Messwert berechnet sich aus der Maximalkraft geteilt durch das Körpergewicht. Ich liege bei 43 Newton pro Kilo, Freezers-Profis schaffen im Schnitt fast das Doppelte!

Der Höhepunkt der Folter ist die Kraftausdauer. In acht Sätzen à 15 Wiederholungen, mit denen der schnelle Antritt auf dem Eis simuliert wird, muss der 1200 mm/sec schnelle Schlitten bewegt werden. Nach vier Sätzen schmerzen vor allem die Gesäßmuskeln, der Puls rast, die Atmung geht ins Schnappen über. Das Erfolgserlebnis: Den Profis geht es genauso. Aus der erreichten Wattleistung geteilt durch das Körpergewicht errechnet sich ein Durchschnittswert. Ergebnis: Reporter 23,5, Freezer im Schnitt 28 bis 30.

Erholung ist aber noch nicht angesagt. Am "Pegasus 3 D Biofeedback" wartet Norbert Sibum, 34. Er ist Trainingswissenschaftler am OSP und misst an seinem Gerät, Wert rund 40 000 Euro, die Kraft der Rumpfmuskeln. Dazu wird der Proband wie in der Achterbahn mit Bügeln fixiert, da alle Bewegungen statisch ausgeführt werden. Das Herz-Kreislauf-System wird dementsprechend nicht belastet. Zunächst wird das Verhältnis Bauch- zu Rückenmuskeln bestimmt. Ich komme auf 159 zu 339 Newtonmeter, Freezers-Kapitän Alex Barta liegt bei 185/555. Im Vergleich zum Bauch ist der bürostuhl-geschädigte Rücken beim Reporter zu schwach.

Als Nächstes misst Sibum das Verhältnis zwischen Links- und Rechtsneigungskraft. 147 zu 120 schaffe ich, 240 zu 200 Barta. Das Defizit in der Rechtsneigung müsste hart bearbeitet werden, würde ich Berufsathlet werden wollen. Zum Schluss wird die Rotationskraft gemessen, die der wichtigste Marker ist, da die Rotatoren die Wirbelsäule halten. Mit 108 zu 102 liege ich deutlich hinter Barta (170/150) - typische Werte für Büroarbeiter.

31. Juli, 9 Uhr, Volksbank-Arena

In vier Sechsergruppen müssen die Profis zum Athletiktest antreten. Neben Sibum und Thieschäfer sind auch Richer, sein Assistent Boris Rousson und Fitnesscoach Mathieu Gravel dabei. Im Kraftraum geht es zunächst ans Bankdrücken. Aus dem Liegen muss eine 75-Kilo-Hantel vor die Brust und von dort nach oben gestoßen werden, bis die Arme gestreckt sind. Nach zwei Stößen zittern mir die Arme, die stärksten Freezers schaffen mehr als 20 Wiederholungen. Weiter geht es mit Klimmzügen, bei denen der Proband im Kammgriff (Innenflächen zum Gesicht) freischwebend an ausgestreckten Armen hängt und sich hochziehen muss, bis das Kinn oberhalb der Stange ruht. Fünf Wiederholungen schafft der Schreiber, die stärksten Profis machen mehr als 20, der Schnitt liegt bei zehn. Beim Weitsprung aus dem Stand kommt Hoffnung auf. 2,17 Meter - die Profis springen im Schnitt 2,35.

Dann folgt in der Ballsporthalle der Volksbank-Arena das, wovor mich Spieler, Trainer und Betreuer gewarnt hatten: der dreistufige Ausdauertest. Der Start ist noch recht harmlos. In einem Parcours liegen vier Tennisbälle auf Hütchen, die mit der einen Hand eingesammelt und mit der anderen auf in ansteigender Entfernung aufgebaute Hütchen abgelegt werden müssen. Dieser Koordinationstest wird zweimal durchlaufen. Mit rund 14,8 Sekunden pro Lauf liege ich im Freezers-Schnitt.

Gemein wird es nach zehn Minuten Pause beim anschließenden Shuttle-Run. In sechs Wiederholungen muss eine Strecke von 30 Metern im Sprint hin- und zurückgelaufen werden. Gefordert ist die Maximalschnelligkeit, 30 Sekunden Zeit hat der Proband pro Hin- und Rückweg. Wer langsamer läuft, hat weniger Erholungsphase. Nach vier Wiederholungen brennt die Lunge, die Beine werden bleischwer. Alle 30 Meter wird die Zeit gemessen. Zwischen 4,42 und 5,46 Sekunden brauche ich - und liege damit erneut im Freezers-Schnitt. Die schnellsten Profis haben Zeiten im mittleren Drei-Sekunden-Bereich, mehr als sechs benötigt niemand.

Den Abschluss bildet der "Beep-Test" genannte Ausdauerlauf. In einer Endlosschleife laufen die Probanden 20-Meter-Abschnitte, in regelmäßigen Abständen ertönt ein Ton ("Beep"), der anzeigt, wann man die 20-Meter-Linie erreicht haben muss. Jede Minute werden die Abstände der Töne kürzer, das Tempo wird entsprechend kontinuierlich höher. Nach acht Minuten ist für mich Schluss, eine Minute später folgen vier Profis aus der Sechsergruppe, einer schafft es bis elf. Die Maximaldauer ist auf zwölf Minuten begrenzt. Puls und Atmung gehen am Anschlag, die Beine sind nach der Belastung vom Shuttle-Run jetzt wie Wackelpudding.

Den Leistungsdiagnostikern dienen alle gewonnenen Erkenntnisse dazu, den Profis individuelle Anleitung zu geben, um Defizite aufarbeiten zu können. In regelmäßigen Abständen werden die Tests wiederholt, um Vergleichswerte zu erhalten. Dem Reporter wird bescheinigt, bei der Ausdauer ordentlich mitgehalten zu haben. Die fehlende Kraft in Beinen und Oberkörper zerstört jedoch jegliche Ambition auf einen Platz im Freezers-Kader.

2. August, 10 Uhr, Volksbank-Arena

Mit Muskelkater in Hintern und Beinen werde ich den Profis beim ersten Eistraining zusehen, reicher um die Erkenntnis, dass hinter ihrem Beruf letztlich das steckt, was wir alle aus unseren Jobs kennen: harte Arbeit.