Im Reifenpoker verzockt

Vettel verliert als Vierter in Kanada weiter an Boden, Hamilton erobert durch den zweiten Sieg in Folge die WM-Führung

Montreal. Sebastian Vettel hat sich im Reifenpoker in Montreal verzockt und im Titelkampf weiter an Boden verloren. Beim zweiten Saisonsieg hintereinander des ehemaligen Formel-1-Weltmeisters Lewis Hamilton musste sich der Red-Bull-Pilot beim Großen Preis von Kanada mit Platz vier begnügen. "Wir haben am Anfang alles richtig gemacht und abgewartet. Das Feld hatte sich bereinigt und wir hatten freie Fahrt. Dann kamen wir als Erste rein und als Vierte wieder raus. Ab dem Zeitpunkt war das Rennen eigentlich gegessen", sagte ein sichtlich geknickter Vettel. Er habe dann versucht, seine Reifen zu schonen, um am Ende noch einmal anzugreifen, sagte der 22-Jährige. Doch daraus wurde nichts. Vettel: "Ich steckte ein, zwei Runden im Verkehr, wo ich auf einen Schlag sechs Sekunden verloren habe. Damit hatte sich dann das Thema erledigt, noch einmal um das Podest zu kämpfen."

Die McLaren feierten durch den zweiten Platz von Titelverteidiger Jenson Button wie schon in der Türkei einen Doppelerfolg. Dritter wurde der Spanier Fernando Alonso im Ferrari. Hamilton eroberte mit dem zweiten Sieg in Kanada auch die Führung in der WM-Wertung vom Australier Mark Webber, der im zweiten Red Bull nur Fünfter wurde. Vettel blieb Fünfter im Klassement.

Rekord-Sieger Schumacher kam in seinem Mercedes als Elfter nicht einmal in die Punkteränge. Der Rekord-Weltmeister verlor am Sonntag einmal mehr das Duell mit seinem Teamkollegen Nico Rosberg, der im zweiten Silberpfeil Sechster wurde. Der in Monaco lebende Weltmeister-Sohn war damit zweitbester der sechs deutschen Formel-1-Rennfahrer. Adrian Sutil im Force India und Nico Hülkenberg im Williams kamen auf die Ränge zehn und 13. Timo Glock im Virgin beendete das Rennen nicht.

"Das war ein unglaubliches Wochenende und ein fantastischer Sieg", sagte Hamilton. Es sei eines der härtesten Rennen seiner Karriere gewesen: "Auf diesen Erfolg bin ich besonders stolz." Teamkollege Button war trotz der internen Niederlage mit seinem zweiten Platz sehr zufrieden: "Das hat heute richtig Spaß gemacht. Man wusste wegen der Reifensituation nie, was passiert." Auch der zweimalige Weltmeister Alonso trauerte der vergebenen Siegchance nicht lange hinterher: "Ich hätte gewinnen können. Aber immerhin waren das wichtige Punkte für die WM. Das war ein Schritt in die richtige Richtung. Wir sind wieder da." Mit ihrem Doppelsieg überholten die Briten Hamilton (109 Punkte) und Button (106) in der Fahrerwertung Mark Webber im zweiten Red Bull (103). Vettel (90) blieb Fünfter hinter Alonso (94).

Nach einem Jahr Montreal-Pause war der PS-Zirkus wieder zurück auf dem Hochgeschwindigkeitskurs auf der Ile Notre Dame. Nach dem Zoff durch den Türkei-Crash zwischen Vettel und Webber hatte auch das achte der 19 Saison-Rennen für Red Bull mit Problemen begonnen. Weil am Auto von WM-Spitzenreiter Webber das Getriebe gewechselt werden musste, wurde der Australier in der Startaufstellung um fünf Plätze nach hinten versetzt.

Und so stand plötzlich Vettel neben Hamilton und nahm die 70 Runden aus der ersten Reihe in Angriff. Hamilton, der erstmals in dieser Saison von der Poleposition gestartet war, verteidigte seine Führung gegen den Deutschen. Hinten machte der von 13 gestartete Schumacher, der bereits siebenmal in Montreal gewonnen hatte, gleich fünf Plätze gut. Schumacher profitierte dabei auch von der Startkollision von Vitantonio Liuzzi im Force India mit Felipe Massa im Ferrari. Schumachers Teamkollege Rosberg wurde vom zehnten auf den 13. Rang zurückgeworfen.

Die folgenden 305,270 Rennkilometer, ungefähr die Autostrecke von Hamburg nach Berlin, waren turbulent. Viele Führungswechsel und Boxenstopps - die Strategen an den Kommandoständen waren gefragt. WM-Spitzenreiter Webber machte sich auf den ersten der 70 Runden auf die Aufholjagd, überholte Weltmeister Button im McLaren-Mercedes. Nur sechs Runden hielten die weichen Reifen von Hamilton und von Ferrari-Pilot Alonso. Vettel kam mit seinen härteren Pneus schon früh an der Spitze, Schumacher lag nach zehn Runden sogar auf Rang drei.

Der Rekordweltmeister und Robert Kubica, der 2007 einen schweren Unfall in Montreal nur leicht verletzt überstand, gerieten nach einem Stopp des Mercedes-Piloten bei der Boxenausfahrt aneinander. Schumacher musste über das Gras ausweichen und beschädigte seinen Wagen. Der Altmeister fuhr noch einmal in die Box. Von da an war das Rennen für den Formel-1-Rückkehrer gelaufen. In der 57. Runde wurde Schumacher sogar überrundet.

Vor dem Rennen war Vettel im Deutschland-Trikot mit dazu passender DFB-Teamjacke zur Rennstrecke gekommen, um der Löw-Truppe vor dem Auftaktspiel gegen Australien bei der Fußball-WM in Südafrika den Rücken zu stärken. Der Heppenheimer, mit harten Reifen gestartet, holte sich beim ersten Stopp weiche Pneus ab.

Webber wagte indes die Flucht nach vorn. In Runde 14 hatte sich der 33-Jährige erstmals neue Reifen geholt und blieb beim harten Typ. 15 Runden später fuhr er an die Spitze, als Alonso zum zweiten Mal an die Box kam. Auch die anderen Konkurrenten waren jeweils zum zweiten Mal bei ihren Teams zum Reifentausch gefahren. Webber hingegen blieb so lange draußen, wie er konnte, musste dann aber doch den Reifenproblemen Tribut zollen.

Auch Vettel hatte 25 Runden vor Schluss Sorgen. "Wie soll ich überholen?", fragte er über Funk. "Wir arbeiten an der Fehlerbehebung", kam es zurück. Vettel und Webber kämpften, doch mit dem Ausgang des Rennens hatten sie nichts mehr zu tun.