Eisschnelllauf

Anni Friesinger auf dem Abstellgleis

Richmond. "Nein, ich bin nicht frustriert!" Die deutsche Eisschnellläuferin Anni Friesinger-Postma hat das gesagt nach ihrem neunten Platz über 1500 Meter, und wer ihr bei diesen Worten in die Augen sah, glaubte ihr. Da funkelte und blitzte es, da huschte ein Strahlen über ihr Gesicht. Die zweimalige Olympiasiegerin schien trotz ihres bisher bescheidenen Abschneidens in Vancouver mit sich im Reinen. Da wusste die 33-Jährige allerdings nicht, welche Ränke gerade abseits des Eisovals geschmiedet werden. Doch dazu später.

Nach dem 14. Rang über 1000 Meter glitt Friesinger auch beim Olympiasieg der Niederländerin Ireen Wüst nicht in die Nähe der Medaillenränge - wie die übrigen drei deutschen Läuferinnen, die noch hinter ihr landeten. Die Hoffnung, dass sie ihre körperlichen Defizite mit der Erfahrung von zuvor drei Olympiateilnahmen und 16 Weltmeistertiteln hätte kompensieren können, erfüllte sich erneut nicht. Dennoch ist Friesinger ("Mein Knie hält, ich habe keine Beschwerden, es wird von Tag zu Tag besser") bereit und willens zu weiteren Taten, zum Einsatz in der Teamverfolgung. Die steht am Freitag (Viertelfinale) und Sonnabend (Halbfinale und Finale) an.

Die deutschen Frauen wollen ihren Olympiasieg von 2006 in Turin wiederholen. Damals lief Friesinger mit vorne weg. Jetzt soll sie sich hinten anstellen. Das will ausgerechnet Damen-Bundestrainer Markus Eicher (55), ihr Entdecker, Förderer und bis 2006 ihr Coach. Was Eicher heute darstellt, verdankt er vor allem Friesingers Erfolgen. Die Trennung wurde vor vier Jahren von gegenseitigen Vorwürfen begleitet.

Eicher argumentiert sportlich schlüssig, warum Friesinger nicht in seine Medaillenpläne passt. "Sie ist nicht in Topform. Ihr Einsatz wäre ein Risiko, ein Experiment", sagt er, "sie hat in dieser Saison nicht mit dem Team trainiert. Und ich bin nicht davon überzeugt, ob sie dieser Mannschaft taktisch helfen kann. Wenn das schief geht, fragen mich doch alle, bist du eigentlich bescheuert?"

Die Erfurterinnen Stephanie Beckert (21) und Daniela Anschütz-Thoms (35) sind bei Eicher gesetzt. Beide haben im Training und bei Wettkämpfen hervorragend mit der Berlinerin Katrin Mattscherodt (29) harmoniert. Die wäre die Dritte im Bunde. Vier Läuferinnen dürfen benannt werden. Als Alternative zu Friesinger sieht der Bundestrainer Nachwuchstalent Isabell Ost. Eine Nominierung der 21-Jährigen grenzte jedoch an eine Brüskierung. So weit wird Eicher heute vermutlich nicht gehen.

In der Teamverfolgung kommt es beim Laufen im Windschatten maßgeblich auf die Feinabstimmung an. Beckert, Anschütz-Thoms und Mattscherodt bevorzugen ein ähnlich gleichmäßiges Tempo. Alle drei sind über 3000 und 5000 Meter am erfolgreichsten. Friesinger, trotz Trainingsrückstandes auch in Vancouver schnellste Deutsche über 1000 und 1500 Meter, würde auf den Anfangsrunden einen schnelleren Takt vorgeben. "Was nützt der, wenn die beiden anderen ihr nicht folgen können und dann kein Windschatten entsteht?", fragt Eicher.

Friesinger war fest von ihrem Einsatz ausgegangen: "Ich dachte immer, gerade die Mischung aus Mittel- und Langstrecklerinnen macht's. Dass ich plötzlich nicht gut genug sein soll, überrascht mich schon." Als Eicher ihr in Anwesenheit ihres Trainers Gianni Romme seine Überlegungen kundtat, reagierte sie gefasst. "Bevor ich dazu etwas sage, muss ich erst einmal eine Nacht darüber schlafen", sagte sie. Ihre Stimme klang traurig, frustriert, das erste Mal in den Tagen von Vancouver. Nicht mehr gewollt zu werden, auf diese Erfahrung hätte sie auf den letzten Runden ihrer Karriere gern verzichtet.