Ski alpin

Miller: Wie ein Surfer auf der perfekten Welle

Whistler. Kinder haben diesen Gesichtsausdruck einmal im Jahr, wenn Vati die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet hat. Vielleicht trifft "selig" diesen Gesichtsausdruck am besten. Genau so jedenfalls sah Bode Miller aus, als er auf der Medals Plaza in Whistler zum ersten Mal in seinem Leben nach einem Olympiarennen die oberste Stufe des Siegertreppchens betreten durfte.

Samuel Bode Miller (32) aus Easton in New Hampshire, einer der genialsten, extravagantesten Skirennläufer des letzten Jahrzehnts, hat endlich geschafft, was ihm immer verwehrt geblieben war: er ist Olympiasieger. Weltmeister war er schon viermal, Gesamtweltcupsieger zweimal, er gewann 32 Weltcuprennen, darunter so bedeutende wie Kitzbühel und Wengen, er ist ein Superstar der amerikanischen Sportszene. Doch nichts, wirklich gar nichts, verschaffte Miller derart viel Befriedigung wie jener Erfolg am Sonntag in der Super-Kombination. Vielleicht darf man sogar sagen, Miller findet jetzt endlich Frieden.

Vorigen Herbst noch ging der 32-Jährige mit dem Gedanken schwanger, seine unvollendete Karriere nach einem Sommer voll Faulheit vorzeitig zu beenden. Erst kurz vor Saisonbeginn begann Miller wieder ernsthaft zu trainieren. Es war die Aussicht auf diese Winterspiele gewesen, die ihn umstimmte. Nun hat Miller in Whistler Gold, Silber (Super-G) und Bronze (Abfahrt) gewonnen. Angesichts dieser Verkettung von Großtaten ist es kein Wunder, wenn so einer sentimental wird: "Nachdem ich schon einmal zurückgetreten war, kam ich aus einem bestimmten Grund zurück. Dies war der Grund. Es fühlt sich großartig an." Ob er weiterfahren wird, habe er noch nicht entschieden: "Ich fühle mich ziemlich alt. Ich weiß noch nicht, was mein Plan ist."

Es war wie mit einem Surfer, der sein Leben lang auf die perfekte Welle wartet - und sie dann endlich reiten kann. Diesen Moment erlebte Miller im Slalom, seiner einstigen Spezialdisziplin. Mit der siebtbesten Abfahrtszeit und der drittbesten Zeit im sehr anspruchsvoll gesteckten Stangenwald profitierte Miller allerdings vom Ausscheiden des bis dato Führenden Aksel Lund Svindal. Den Slalomkurs gesteckt hatte übrigens Millers Vater Woody. Er attestierte seinem Sohn später zufrieden: "Bode sieht glücklich aus, als wenn er mit sich im Reinen ist. Das sehe ich gern."

Die Spiele in Turin verbockte Miller als hoher Favorit infolge zu vieler Partys, bei der WM 2009 in Val d'Isère brachte er nicht einen einzigen Podestplatz zustande. Und jetzt hat er plötzlich mehr Olympiamedaillen (5) gewonnen als jeder andere US-Skirennläufer und als fünfter Alpiner überhaupt fünf Olympiaplaketten oder mehr. Jedoch war ihm eines vorgeblich noch wichtiger: "Die Art und Weise, wie ich Ski gefahren bin - darauf werde ich für den Rest meines Lebens stolz sein."