Hamburger Boxer musste seinen Beruf aufgeben

Lukas Wilaschek - Der schwere Weg in ein neues Leben

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Björn Jensen

Foto: WITTERS / WITTERS/Witters

Es war ein Freitag im April vergangenen Jahres, als Lukas Wilaschek nach einer Trainingseinheit starke Nackenschmerzen verspürte...

Hamburg. Der Supermittelgewichts-Boxprofi aus dem Hamburger Spotlight-Team fuhr ins Krankenhaus, wo der Nacken geröntgt wurde - ohne Befund. Die Schmerzen jedoch blieben, sie zogen vom Kopf bis in den Rücken und wurden so heftig, dass der 28-Jährige wenig später erneut einen Arzt aufsuchte. Der ordnete eine Kernspintomographie an. Der Befund war härter als ein K.-o.-Schlag: Eine Blutung im Gehirn, die über die Wirbelsäule bereits in den Lendenwirbel-Bereich gewandert war.

Neun Monate später sitzt Wilaschek in seiner neuen Wohnung in Rösrath nahe Köln und blickt mit neu gewonnener Gelassenheit auf die schwerste Phase seines Lebens zurück. "Natürlich war die Diagnose ein Schock", sagt er. Das Profiboxen hat er nach Monaten zwischen Hoffen und Bangen aufgegeben, nachdem ihm alle konsultierten Mediziner abgeraten hatten, jemals wieder in den Ring zu steigen. Seit April 2009 ist er krankgeschrieben, sein Einkommen bezieht er aus Krankengeld. Noch immer hat er regelmäßig Kopfschmerzen oder Schwindelgefühle, aber immerhin darf er in diesen Tagen wieder beginnen, Sport zu treiben. Eine im Dezember durchgeführte Untersuchung ergab, dass die Blutung im Gehirn und im Rücken verschwunden ist. Die Symptome können allerdings noch Jahre anhalten.

Der gebürtige Pole hat, so sagt er, mittlerweile abgeschlossen mit seinem alten Leben. Er war immer einer, der nur das Positive sehen wollte, galt unter den Kollegen wegen seiner fröhlichen Art als sehr beliebt. "Meine Einstellung ist: Wenn sich eine Tür schließt, öffnen sich tausend neue. Es gab immer ein Leben neben dem Boxen, deshalb hat mich das Aus auch nicht aus der Bahn geworfen", sagt er. Seine Frau Isabella und seine Mutter seien glücklich, dass er mit dem Boxen aufgehört hat. "Sie fanden das schon immer zu gefährlich."

Kraft für den Alltag ohne Arbeit gab ihm auch die Geburt seines ersten Kindes. Um Sohn Julian, geboren am 11. Oktober, gab es auch gesundheitliche Bedenken, da der Kleine mit einer Gaumen-Lippen-Spalte zur Welt kam. "Aber mittlerweile ist alles in Ordnung, er ist ein normales Baby, und es ist schön, dass ich so viel Zeit mit ihm verbringen kann", sagt Wilaschek.

Manchmal, wenn er im Fernsehen Kämpfe sieht oder im Internet die Neuigkeiten aus der Boxszene verfolgt, kommt doch Wehmut auf. Wilaschek war 2004 nach der Olympiateilnahme zu den Profis gewechselt und galt als deutsche Hoffnung. Am 9. Dezember 2008 erlitt er in seinem 23. und letzten Profikampf die erste Niederlage, knapp nach Punkten gegen den Magdeburger Robert Stieglitz. Der ist heute WBO-Weltmeister. "Da denke ich schon manchmal, dass auch ich da hätte stehen können, denn die Niederlage war allein meine Schuld", sagt er. Im Mai 2009 war die Revanche geplant, doch dazu kam es nicht mehr.

Wilaschek trauert dem verpassten Traum vom WM-Titel jedoch nicht nach. Mit seinem früheren Trainer Michael Timm und ein paar Kollegen telefoniert er regelmäßig. Dass die Promoter Klaus-Peter Kohl und Dietmar Poszwa sich seit dem Unfall im April nicht gemeldet haben, und dass sein Stall ihm keinerlei Unterstützung zukommen lässt, hat ihn schon gewundert, aber er hat es abgehakt.

Lukas Wilaschek ist keiner, der den Blick zurück schätzt. Er denkt lieber an das Leben nach der Krankschreibung, das bald beginnen soll. Boxtrainer möchte er werden, aber nicht für Profis, sondern am liebsten für Kinder und Jugendliche. "Ich habe doch so viel erreicht. Davon möchte ich nun etwas weitergeben", sagt er. "Ich habe viel Glück gehabt und bin froh, dass ich kein Pflegefall geworden bin." So kann man es auch sehen.