Boxen: Ramona Kühne bei der Universum-Gala

Ein Leben gerettet, den Kampf verloren

Magdeburg. Als Ramona Kühne am Sonnabendmorgen mit ihrem Trainer und Lebensgefährten Stephan Böstfleisch durch die Magdeburger Innenstadt spazierte, um ein wenig Ablenkung vor ihrem Duell mit Ina Menzer zu finden, klappte mitten auf der Jakobstraße eine 76 Jahre alte Dame mit einem Kreislaufkollaps zusammen. Viele Passanten gingen achtlos vorbei. Kühne (29), ausgebildete Bademeisterin aus Berlin, schaltete schnell, als sie sah, dass die Lippen der Frau bereits blau angelaufen waren. Sie leitete Erste-Hilfe-Maßnahmen ein und rief einen Krankenwagen. Am Abend war die Patientin bereits wieder wohlauf.

In der Nacht zu Sonntag war es dann Kühne selbst, die ärztliche Hilfe benötigte. In einem actiongeladenen Frauenboxkampf auf hohem technischem Niveau hatte die Berlinerin vor 4000 Fans in der Bördelandhalle in der sechsten Runde nach einem Volltreffer der Dreifach-Weltmeisterin im Federgewicht aus Mönchengladbach einen vier Zentimeter langen und bis auf die Knochenhaut tiefen Cut über dem linken Auge erlitten. "Die Gefahr bestand, dass bei einem erneuten Treffer die gesamte Stirnpartie aufreißen würde", erläuterte der Hamburger Ringarzt Christoph Goetz, auf dessen Anraten hin Ringrichter Daniel van de Wiele (Belgien) den Kampf nach 57 Sekunden in Runde sechs abbrach. Die 29 Jahre alte Menzer aus dem Hamburger Universum-Stall verteidigte ihre Titel von WIBF, WBC und WBO mit dem 26. Sieg im 26. Kampf, während Kühne im 16. Kampf die erste Niederlage hinnehmen musste. "Ich wollte ihr das Leben schwer machen, und ich denke, das ist mir gelungen", sagte die Unterlegene unter Tränen.

"Für mich ist Ramona trotzdem die Gewinnerin des Abends", sagte Promoter Ulf Steinforth vom gastgebenden Magdeburger SES-Stall, "auch wenn ich mich bei ihr entschuldigen muss. Was ich von ihr verlangt habe, das war unmenschlich." Hintergrund dieser Aussage: Kühne hatte für die Chance auf einen Livekampf im ZDF, TV-Partner des Universum-Stalls, eine monatelange Tortur hinter sich bringen müssen, um das Kampfgewicht von 57,1 kg zu erreichen. Im Jahr 2004 hatte sie in Folge eines schweren Autounfalls und einer anschließenden Cortison-Behandlung noch 83 kg gewogen. Durch den professionellen Faustkampf, den sie 2006 begann, waren die Pfunde gepurzelt. Kühne war in drei verschiedenen Gewichtsklassen Weltmeisterin geworden, hatte es jedoch als erste Boxerin der Geschichte geschafft, dabei im Gewicht ab- statt aufzusteigen. Dass sie in der vierten Klasse scheiterte, muss sich die willensstarke Kämpferin zu Teilen selbst zuschreiben.

Sie hatte sich vertraglich zusichern lassen, die Handschuhe für den Kampf wählen zu dürfen, was gewöhnlich dem Champion obliegt. Die Wahl fiel auf Reyes-Fäustlinge aus Mexiko, die dank ihrer geringen Polsterung als die härtesten der Welt gelten. "Uns war klar, dass wir nach Punkten kaum eine Siegchance haben würden. Deshalb brauchten wir Werkzeug, um einen Knock-out zu schaffen", sagte Böstfleisch.

Die Spuren dieser Waffen waren auch in Menzers Gesicht zu besichtigen. Das linke Auge der Weltmeisterin war fast komplett zugeschwollen, als sie auf der Pressekonferenz sagte: "Diese Handschuhe waren eine große Umstellung für mich, ich habe mich über die Wahl sehr gewundert und bin froh, dass ich den Kampf gut überstanden habe." Trainer Michael Timm sagte: "Ich denke, dass solche Handschuhe im Frauenboxen nicht viel verloren haben."

Da sich alle Seiten von der Klasse des Duells angetan zeigten, ist ein Rematch bereits angedacht. Menzer hatte dafür den passenden Kommentar: "Dann boxen wir in Mönchengladbach und ohne Handschuhe!"

Jürgen Lutz, Vizepräsident des Weltverbands WIBF und intimster Kenner der deutschen Frauenboxszene, freute sich vor allem über die Werbewirkung, die das hochklassige Duell erzielen dürfte. "Solche Kämpfe sind es, die das Frauenboxen nach vorne bringen", sagt er. Für die Zukunft hat die WIBF große Pläne. Dank eines Sponsors aus der Computerbranche, der ausschließlich das Frauenboxen unterstützen will, sollen allein in Deutschland 2010 elf Titelkämpfe stattfinden. Zudem soll Exweltmeisterin Regina Halmich als Nachfolgerin von WIBF-Präsidentin Barbara Buttrick (82) installiert werden. "Wir greifen im Sommer richtig an", sagt Lutz. Dann wird auch Kühne neue Chancen bekommen. Sie hat sie verdient.