Reiten: Spritzenaffäre belastet die EM

Doping-Krise im Reitsport eskaliert

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Verbandsfunktionär Peter Danckert glaubt an Vertuschungsversuche - Turnieren droht das TV-Aus.

Windsor. Die deutschen Reiter kämpfen im Garten der englischen Königin um Medaillen, während im Hintergrund ermittelt, gestritten und um die Macht in der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) gerungen wird. Wie ein dunkler Schatten liegt die ein Jahr zurückliegende "Spritzen-Affäre" über den Europameisterschaften in Windsor. Bei den Olympischen Spielen in Peking war Marco Kutschers Hengst Cornet Obolensky eine Spritze mit den in Deutschland nicht zugelassenen Substanzen Arnika und Lactanase verabreicht worden. Der Problemfall war zuvor lange verheimlicht und ein Verbandsverfahren trotz belastender Fakten in einer selbst in Auftrag gegebenen Untersuchung abgelehnt worden.

Nach den ersten Untersuchungen der Geschehnisse im olympischen Pferdestall von Hongkong prüfen derzeit gleich drei Organisationen, welche Konsequenzen es geben wird - das Internationale Olympischen Komitee (IOC), das Sportgericht des Weltverbandes FEI und die Steiner-Untersuchungskommission des DOSB. Abhängig davon ist auch der neue TV-Vertrag, der für den Reitsport existenziell ist.

"Wir warten auf Ergebnisse", sagte ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky, "wir werden entscheiden, wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen." Bis dahin werde mit der FN nicht verhandelt. Dass die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender mit der bisherigen Aufklärung mehr als unzufrieden sind, haben ARD und ZDF schon häufiger deutlich gemacht. Sie verlangen Glaubwürdigkeit im Anti-Doping-Kampf..

Für die großen Turniere wäre das TV-Aus und der folgende Verlust von Sponsoren lebensbedrohlich. Auch deshalb sagte Volker Wulff, einer der wichtigsten Turnierveranstalter: "Wir verlangen Aufklärung." Er arbeitet an einem Forderungskatalog, der bei einer Krisensitzung in der kommenden Woche der FN präsentiert wird. Weil das Thema drängt, hat FN-Sportchef Reinhardt Wendt auf die EM-Reise verzichtet. Angeblich soll Wendt - neben FN-Präsident Breido Graf zu Rantzau - einer der Top-Funktionäre sein, die die unangemeldete Behandlung des Hengstes gesehen haben.

Längst hat sich eine Opposition gebildet, angeführt von Peter Danckert, dem Präsidenten des Landesverbandes Pferdesport Berlin-Brandenburg. Der Top-Funktionär, zugleich Vorsitzender des Sportausschusses im Bundestag, wirft der FN Vertuschung vor. "Ich glaube, dass es Verabredungen gegeben hat, dass man den Fall nicht öffentlich macht", sagte Danckert am Dienstag. Der SPD-Politiker erklärte weiter:"Wir haben den Eindruck, wir sind unvollständig bis falsch informiert worden." Danckert forderte personelle und inhaltliche Änderungen. Verbands-Präsident Rantzau hat seinen Rücktritt allerdings bereits abgelehnt: "Ich lasse mich nicht aus dem Amt jagen." Danckert wird aber nach eigener Einschätzung von mindestens sechs Landesverbänden unterstützt, andere würden sich solidarisch zeigen: "Wir sind diejenigen, die die Basis stellen und die meisten Stimmen haben."

Derweil wird weiter ermittelt. Eine unabhängige Kommission wird nun für den DOSB unter dem Vorsitz des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Udo Steiner prüfen, ob der Fall neu aufgerollt wird. "Die sollen entscheiden, was damit getan werden soll", sagte DOSB-Generaldirektor Michael Vesper.

Gesichert ist derzeit nur, dass Kutschers Hengst Cornet Obolensky eine Spritze mit den verbotenen Substanzen erhalten hatte. Trotz eines Schwächeanfalls wurde es am Folgetag eingesetzt.

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