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Triumphmarsch durch sein Berlin: André Höhne Fünfter - das geht doch

50 Kilometer lagen hinter André Höhne, es hätte kein Meter mehr sein dürfen. Kaum dass der Berliner den Zielstrich überschritten hatte, sackte er den bereitstehenden Helfern in die Arme.

Berlin. Die letzten zwei, drei Kilometer war er gegangen wie in Trance. "Ich hatte gar keine Chance einzubrechen, so sehr hat mich das Publikum nach vorn gepeitscht", erzählte er später, als er wieder auf eigenen Beinen stehen und den Applaus von 55 000 Zuschauern genießen konnte. Höhne war nicht nur nicht eingebrochen. Er hatte, nachdem er zur Halbzeit des Rennens noch auf Platz 15 gelegen hatte, einen Konkurrenten nach dem anderen einkassiert.

Am Ende des Triumphmarschs durch seine Heimatstadt wandelte er als Fünfter durch das Brandenburger Tor. In 3:43:19 Stunden hatte er seine alte Bestzeit um fast sechs Minuten gesteigert und "eine neue Lieblingsstrecke" gefunden. Er hatte lange mit sich gerungen, ob er sich die Schinderei überhaupt antun wollte. "Aber der 14. Platz über 20 Kilometer lag mir doch etwas auf der Seele", sagte Höhne. "Heute habe ich gezeigt, dass ich Berliner bin." Es wird wohl als der kraftraubendste Herkunftsnachweis in die Sportgeschichte eingehen.

Der Sieg ging auch bei der dritten und letzten Geherentscheidung in Berlin nach Russland, genauer: an die Trainingsgruppe von Wiktor Tschegin in der Teilrepublik Mordwinien. Schon bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 hatten Tschegins Geher zwei Gold- und eine Bronzemedaille abgeräumt. "Er fördert Kinder und junge Talente", schwärmte der neue 50-Kilometer-Weltmeister Sergej Kirdjapkin (3:38:35). Ihn selbst habe Tschegin vom erfolglosen Mittelstreckenläufer zum erfolgreichen Geher umgeschult. Was Kirdjapkin nicht erwähnte: Kurz vor den Spielen in Peking waren drei Athleten der Trainingsgruppe wegen Epo-Dopings aufgeflogen. Kirdjapkin selbst hatte seinen Start kurzfristig zurückgezogen.