EM-Tour: Michael von Beust genießt in Kärnten seinen Ruhestand, hin und wieder schaut ein prominenter Verwandter vorbei

Zu Besuch beim Bruder des Hamburger Bürgermeisters

St. Veit an der Glan. Von den Ösis kannst 'ne Menge lernen. Vielleicht nicht filigranen Fußball oder Zubereitung kalorienarmer Kost, in jedem Fall jedoch großartige Gastfreundschaft und Charme auch im Kleinen. Küss die Hand - der Ton macht die Musik. Service wird großgeschrieben. Zum Beispiel in St. Veit an der Glan, einer Kleinstadt, die den Dienstmann hat.

In Person Herbert Sagers. Wer beim Einkauf Rat oder Hilfe braucht, ruft Herbert. Das kost' nix. Gratis sind vor allem Klatsch, Tratsch, aber auch handfeste Neuigkeiten aus der Kärntner Gemeinde mit schnuckeligem Hauptplatz, Altstadt und ansehnlichen Mauern. Sager, so heißt es, sei oft aktueller als die Zeitung.

Eines ist auch dem Dienstmann unbekannt: Außerhalb der Stadtmauern, auf dem Krainerberg, lebt der älteste Bruder des Hamburger Bürgermeisters. Michael Freiherr von Beust (66) genießt seinen Ruhestand in traumhafter Umgebung, einem liebevoll umgebauten Jagdhaus und bestem Blick aus 1050 Metern Höhe über die hügelige Seenlandschaft mit den Kuppen der Karawanken am diesigen Firmament. An der Seite seiner Ehefrau Silke, einer gebürtigen Klagenfurterin. Seit 37 Jahren sind sie verheiratet.

Es ist ein Tag wie aus dem Reiseführer. 28 Grad, Sonne pur. Es duftet "wie früher", nach Wiesenblumen, Heu und Kräutern. "Moin!" sagt er zur Begrüßung. "Grüß Gott!" ruft sie. Herzlich willkommen! Beider Frohsinn steckt an. In der Küche locken Nizza-Salat und Quellwasser von eigener Scholle, doch erstmal geht's zur Tour durchs Haus. Gediegenes Holz an Wänden und Decke, edles Mobiliar - und ein alter Hamburg-Stich neben dem anderen: Jungfernstieg, Domplatz, Binnenalster. Keine Frage, hier wohnt ein Wahl-Kärntner, der die Hansestadt unauslöschbar im Herzen hat.

"Stimmt!" sagt Michael von Beust. In Volksdorf aufgewachsen und an der Walddörfer Schule Abitur gemacht, zog es ihn anschließend zur Bundeswehr. Erst zu den Fallschirmjägern, später jeweils drei Jahre in Generalstabsverwendung nach Seoul, in die USA und nach Wien. Vom Posten als Verteidigungsattache an der Deutschen Botschaft in Österreich ging Oberst von Beust vor drei Jahren in Pension. Ab in die Idylle nach Kärnten. Die Töchter Johanna und Elisabeth wohnen in Düsseldorf und Berlin. Beide kommen oft und gerne.

Ebenso wie ihr Onkel Ole. Im vergangenen November genoss Hamburgs Bürgermeister drei Tage Ruhe und brüderliche Gastfreundschaft; im Herbst hat er sich wieder angesagt. Dass auch der ehemalige Finanzsenator Wolfgang Peiner sowie die neue Senatorin Herlinde Gundelach im 140 Einwohner umfassenden Ortsteil Stromberg auf dem Krainerberg bei den von Beusts logierten, basiert auf rein privaten Kontakten außerhalb der Politik.

Wer mag es hier nicht! In der Stube strahlen - besonders in den schneereichen Wintermonaten - Kachelofen, Sitzecke und Holzvitrine gediegene Gemütlichkeit aus. Ebenso wie der antike Sekretär nebenan. Ein Erbstück des verstorbenen Achim-Helge von Beust aus Hamburg. Das Sofa ist die "EM-Tribüne": Silke und Michael von Beust verfolgen praktisch jedes Spiel. Klar, dass sich beim Duell Österreich gegen Deutschland eine Gefühls-Melange ergab.

Via Satellit und NDR pflegt der Hausherr mit Interesse die Amtsgeschäfte des 15 Jahre jüngeren Bruders zu verfolgen. Drei bis viermal im Jahr trifft man sich in Hamburg. Oder auf Sylt. Oder beim mittleren Bruder Albrecht in Glückstadt. Die Familienbande seien intensiv.

"Hier lebt sich's herrlich", sagt Silke von Beust beim Spaziergang über das große Naturgrundstück. Neben dem Jagdhaus befindet sich ein Staderle, von den Einheimischen "Troadkasten" (Getreidekasten) genannt. Dort wird Holz gelagert - für den Ofen. Überall wachsen Blumen und Obstbäume. Von den Äpfeln bedienen sich im Herbst die Rehe; aus den zapfenähnlichen Tschertschen der Zirbe wird Schnaps gewonnen.

Dieser wird auch unten in der Buschenschänke und in der Gastwirtschaft Raunig genossen. Praktisch, wie die Kärtner sind, steht nebenan die (evangelische!) Kirche - die Gegenreformation endete im Tale.

Zurück ins Haus! Aber bitte mit Schuhen. Sonst schleicht ein Marder herein - weg sind sie. Beim Essen dreht sich's um Gott und die Welt, um Fußball, Hamburg, Lebensfreude in Kärnten. Und um die Sippe der von Beusts. Einer, Friedrich Ferdinand Freiherr von Beust, war von 1866 bis 1871 Reichskanzler und Außenminister in Wien. Ob's der Dienstmann weiß? Oder gar Hamburgs Erster Bürgermeister?

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