"In unserem Sport gibt es keine Idole mehr"

Verlängerung - Das Sportgespräch: Heute mit Trabertrainer Henning Rathjen. Hamburgs Rekordchampion über alte, bessere Zeiten und über seine Pläne für die Zukunft.

ABENDBLATT: Herr Rathjen, drei Wochen hat es gedauert, ehe Sie die von Ihnen angestrebte Schnapszahl von 5555 Siegen erreichten. Woran hat das gelegen?

HENNING RATHJEN (56): Ein Trainingsunfall auf meinem Hof in Aukrug-Homfeld hat die Sache verzögert. Ich hatte am nächsten Tag Kopfschmerzen und habe auf Anraten meines Hausarztes eine längere Pause eingelegt.

ABENDBLATT: Auch vorher haben Sie mehrfach vergeblich versucht, den einen noch fehlenden Sieg zu erringen.

RATHJEN: Das nervt einen schon, aber das ist oft so. Das sind Jubiläumssiege, denen man oft hinterherfährt. Das ist wie bei einem Torjäger im Fußball, der das Tor nicht mehr trifft. Ich erinnere mich an mein Vorbild Johannes Frömming, der hat seinerzeit viele Wochen für seinen 5000. Sieg benötigt. Der Besitzer der von uns gezüchteten Stute Ennchen hat dann sein Pferd von Frömming fahren lassen. Dann hat es endlich geklappt. Irgendwie hat man eine Blockade im Kopf. Man fährt anders, sogar schlechter. Man macht im Rennen auch Fehler, die sonst nicht passieren.

ABENDBLATT: Die Schnapszahl kann nicht Ihr Lebensziel sein.

RATHJEN: Nein, zunächst will ich erst einmal 5592 Siege übertrumpfen. Das ist die Zahl, die Frömming schaffte. Er war der erfolgreichste Trabrennfahrer aller Zeiten, und er war mein Freund. Aber er hatte viel mehr Klasse als ich. Ich kann mich niemals an ihm messen. Dennoch ist es mir gelungen, so viele Rennen wie er zu gewinnen. Das macht mich stolz.

ABENDBLATT: Wie kam es zu dieser Freundschaft? Hans Frömming war doch viel älter als Sie.

RATHJEN: Er war mit dem berühmten amerikanischen Trabertrainer Delvin Miller befreundet. Eines Tages sagte "Hänschen" zu mir: "Geh weg, du musst in die Welt hinaus, hier versauerst du. Du hast viel Talent, das musst du nutzen." Anfang der 70er-Jahre wollte Frömming sogar mit mir für zwei, drei Jahre in die USA gehen, mich anschieben.

ABENDBLATT: Und warum ist daraus nichts geworden?

RATHJEN: Ich habe ihm geantwortet, dass ich in Schleswig-Holstein bodenständig sei, dass ich drüben nach vier Wochen wieder weglaufen würde. Wir haben aber danach jedes Jahr in Fort Lauderdale in Florida Urlaub gemacht. In seinen letzten Lebensjahren, als er nicht mehr so beweglich war, habe ich mich um Ingeborg und Hans Frömming gekümmert. Da hat sich unsere Freundschaft richtig entwickelt.

ABENDBLATT: Was haben Sie von Frömming gelernt?

RATHJEN: Das Training, den Umgang mit den Trabern, die Beziehung zum Pferd. Alles, was einen großen, fairen Sportsmann auszeichnet, hat er mir vermittelt.

ABENDBLATT: Das Handwerk von der Pike auf gelernt haben Sie aber woanders?

RATHJEN: Das war bei Bernie Burgheim und bei Kurt Hörmann. Das waren Könner. Hörmann kam damals mit Walter Heitmann gleich nach Frömming.

ABENDBLATT: Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Sieg?

RATHJEN: Als Lehrling habe ich mich sehr schwergetan. Die Profis sagten damals zu meinem Vater, ich solle mir mein Lehrgeld wiedergeben lassen, das würde nichts werden mit mir. Der erste Sieg war 1968 mit Kreste.

ABENDBLATT: Welches war Ihr bestes Pferd?

RATHJEN: Das waren Joker Mauritz und Pit Pan, der mich auch groß gemacht hat. Das war ein Pflegefall, den habe ich durch spezielles Kneippkur-Training, das ich bei Philipp Allaire in Frankreich gelernt habe, wieder fit gemacht. Allaire trainierte damals Traber für den Filmschauspieler Alain Delon. So habe ich auf meinem Bauernhof angefangen, lahme und rennbahnmüde Pferde mit Hilfe von Wasserkuren wieder fit zu bekommen. Mein damaliger Chef Peter Kwiet hat mir aus Berlin Pferde mit Beinproblemen wie Pit Pan, Worthy Norton oder Lamborghini ins Training geschickt.

ABENDBLATT: Haben Sie Nachahmer gehabt?

RATHJEN: Einige haben es versucht, etwa Georg Ahlmann, der Springreiter. Du musst aber reines, frisches Quellwasser haben, das kalt und sauerstoffhaltig ist. Das habe ich auf meinem Hof.

ABENDBLATT: Die Zeiten des Trabrennsports waren nicht immer schlecht.

RATHJEN: Die guten Zeiten habe ich noch mitgemacht, das waren die 70er-, 80er-Jahre. Da haben die von mir trainierten Pferde jährlich mehr als eine Million Mark gewonnen. Heute ist es ein Viertel davon. Heute sind die Rennpreise eine Katastrophe. Trainer, Fahrer, Besitzer und Züchter haben darunter zu leiden. Die Misere ging vor etwa zehn Jahren los.

ABENDBLATT: Wie konnte es zu diesem Einbruch kommen?

RATHJEN: Alles, was man gegen die Natur macht, wird bestraft. In Deutschland hat man das falsche Rennsystem. Meine Philosophie, auch wenn man mich immer ausgelacht hat, ist die: In Deutschland sind viele junge Pferde verheizt worden. Das Derby für Dreijährige im August, zweimal laufen an einem Tag, macht kein gutes Pferdeland wie Frankreich oder Schweden. Dort laufen sie das Derby vierjährig, mit zwei Wochen Abstand zum nächsten Rennen, sie sind dann belastbarer. Alles begann mit dem Millionen-Rennen, dem Goldpokal für Zweijährige in Gelsenkirchen. Die erste Siegerin Ivona Girl erhielt 500 000 Mark und hat danach nie wieder ein Rennen gewonnen. Die Züchter in Deutschland haben eine ungeheure Macht, und sie wollten ein Rennsystem für frühreife Pferde, die auch frühzeitig in die Zucht gehen. Mir hat mal ein Züchter gesagt: Ihr Trainer könnt ruhig ein paar Pferde kaputtfahren, dann können wir neue verkaufen.

ABENDBLATT: Warum gibt es keine Stars im deutschen Rennsport?

RATHJEN: Wir haben keine Idole mehr. Norman Woolworth aus der amerikanischen Kaufhausfamilie, der Rennpferde in den USA und in Schweden hatte, hat mir das so erklärt: Ihr seid dumm, wenn ihr das amerikanische System kopiert, denn dieses Rennsystem ist schlecht. Junge Pferde werden verheizt, und deshalb war dieser Sport bei uns bis vor einigen Jahren am Boden. Ihr müsst euch merken: Jede Sportart wird durch Idole geprägt. Die müssen hochgehalten werden. Es nützt nichts, wenn sie nach einem Jahr wieder in der Versenkung verschwinden.

ABENDBLATT: Idole hat es in Deutschland ja gegeben.

RATHJEN: Henry Maske und Axel Schulz haben den Boxsport, der am Boden lag, verändert, Boris Becker und Steffi Graf das Tennis, Bernhard Langer den Golfsport. In Schweden, Frankreich und Italien boomt der Trabrennsport. Die Traber in Frankreich haben letztes Jahr eine Milliarde Euro an Steuern gezahlt. Ich war vor kurzem in Paris-Vincennes, da wurden an einem Tag 1,2 Millionen Euro an Rennpreisen ausgeschüttet. Und unser Weltrekordfahrer Heinz Wewering, der gerade seinen 16 000. Sieg errang, hat als 56-Jähriger Existenznöte und geht nach Italien.

ABENDBLATT: Haben Sie auch Existenznöte?

RATHJEN: Mir geht es noch recht gut. Meine Frau ist Zahnärztin, und ich habe zu ihr schon mal scherzhaft gesagt: Wenn es noch schlechter wird, muss sie eben ein paar Zähne mehr ziehen. Im Ernst: Ich habe mir schon ein zweites Standbein aufgebaut. Auf unserem Hof vermieten wir Ferienwohnungen.

ABENDBLATT: Ist der Rennsport hierzulande noch zu retten?

RATHJEN: Als Erstes muss das Rennsystem geändert werden. Und in Hamburg? Hier boomt vieles. Ob es der Hafen ist, die Wirtschaft, die Musicals, der HSV. Nur die Traber und Galopper hinken hinterher. Ich bin unlängst mit ein paar Leuten in der Trab-Arena gewesen, habe ihnen alles gezeigt. Da haben sie mich gefragt: Wohin willst du mit uns? Der Krieg ist doch lange vorbei. Es ist eine Katastrophe.

ABENDBLATT: Und wie soll die Wende kommen?

RATHJEN: In Deutschland hat man keine Fehler ausgelassen. Das Beispiel Wettvermittlung zeigt es. Es kann nicht angehen, dass die Buchmacher an den Rennvereinen vorbei an Buchmacher im Ausland vermitteln. Unser einziges Pfund, die Rechte an den Rennbildern, müssen wir als Druckmittel einsetzen.

ABENDBLATT: Was sagen Sie zu den Bemühungen, Traber und Galopper in Hamburg auf eine Rennbahn zu bringen?

RATHJEN: Das wäre eine gute Entscheidung, zum Beispiel in Horn. Das wollte ja vor zwanzig Jahren schon der damalige Bürgermeister Klaus von Dohnanyi. Eine Rennbahn auf der grünen Wiese, nicht zu weit vom Stadtkern entfernt, würde ich bevorzugen. In drei Jahren wäre die Doppelrennbahn zu realisieren. 30 bis 40 Millionen Euro - teurer wird das sicherlich nicht.

ABENDBLATT: Würden Sie Ihren dreijährigen Sohn Julius-Lennert ermuntern, eines Tages Trabertrainer zu werden?

RATHJEN: Wenn wir eine neue Bahn bekommen, ja. Denn so wie es jetzt ist, geht es nicht weiter. Ich habe schon manches Mal daran gedacht, mein Geld auf andere Art zu verdienen.

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