"Frauen denken mehr nach"

Verlängerung: Sportgespräch mit den Hamburger Olympiateilnehmerinnen Denise Soesilo und Nina Ritter

ABENDBLATT: Frau Ritter, Frau Soesilo, Sie treten bei den Olympischen Spielen in Turin mit der Frauennationalmannschaft im Eishockey an. Fühlen Sie sich als Exotinnen?

DENISE SOESILO: Eigentlich nicht. Ich habe schon das Gefühl, Teil des Ganzen zu sein. Bei Olympia wird, hoffe ich, jeder Sportler gleich behandelt, egal ob man nun Uschi Disl heißt oder Frauen-Eishockey spielt.

ABENDBLATT: Ihr Sport ist allerdings nur alle vier Jahre ein Thema, vergleichbar mit Curling oder Ski-Freestyle.

SOESILO: Ich gebe ja zu: Von den beiden Sportarten bekomme ich auch nicht viel mit. Aber Männer-Eishockey ist schon eine populäre Sportart.

ABENDBLATT: Warum ist es Frauen-Eishockey nicht?

NINA RITTER: Die Leistungsdichte ist nicht so hoch, daß es in den unteren Ligen gut anzuschauen ist. In der Bundesliga ist das Niveau schon gut, trotzdem zieht es nicht so viele Zuschauer an . . .

SOESILO: Vielleicht weil wir Frauen sind. Ich glaube, unsere Leistung wird generell unterschätzt. Es ist eben nicht so, daß die Leute gezielt zu unseren Spielen gehen. Meist sind es Verwandte, Freunde oder Arbeitskollegen, die einen Bezug zum Eishockey haben. Aber die einmal da waren, finden es dann ganz toll.

ABENDBLATT: Daß es auch anders geht, haben Sie, Frau Ritter, vor vier Jahren in Salt Lake City erlebt, als Sie vor 9000 Zuschauern gegen die USA spielten. Was waren die stärksten Eindrücke Ihrer ersten Olympischen Spiele?

RITTER: Eindeutig die Eröffnungsfeier. Dieses Gefühl, Teil des Ganzen zu sein, war einmalig. Da gab es nicht die Skirennläufer oder die Eishockeyspieler - wir waren eine Mannschaft. Die Euphorie im Stadion war toll. Diese große Aufmerksamkeit der Medien, aber auch von Bekannten und Freunden kennen wir sonst nicht, das muß man erlebt haben.

ABENDBLATT: Sie hatten sich damals einen Schub fürs Frauen-Eishockey versprochen. Wie sieht es vier Jahre später aus?

RITTER: Ich glaube schon, daß inzwischen ein paar mehr Menschen in Deutschland wissen, daß es Frauen-Eishockey gibt und daß es olympisch ist. Auch die Förderung ist besser geworden, viele von uns werden durch die Bundeswehr unterstützt, wir haben sehr viel Hilfe durch den Olympiastützpunkt und die Deutsche Sporthilfe bekommen. Leider hat sich meine Hoffnung nicht erfüllt, daß mehr Mädchen Eishockey spielen. Das Problem ist, daß man früh mit dem Sport anfangen muß. Mit 16 oder 17 Jahren, wenn viele Mädchen zu uns kommen, ist man eigentlich schon zu alt, um die Grundfertigkeiten im Schlittschuhlaufen und Schießen zu lernen. Daß der Sport in Hamburg im Aufwind ist, hängt wohl eher mit den Freezers zusammen.

ABENDBLATT: Welche Eigenschaften sollten die Mädchen haben?

SOESILO: Den Idealtyp gibt es nicht. Einige von uns kann man sich gut in Barcelona am Strand vorstellen, andere könnten auch Gewichtheberinnen sein. Als junges Mädchen fängt man ja bei den Jungs an. Ein gewisses Durchsetzungsvermögen sollte da auf jeden Fall vorhanden sein. Und man darf natürlich nicht zimperlich sein und jammern, wenn man mal gecheckt wird oder einen Puck abkriegt.

ABENDBLATT: Das Nationalteam ist mit einem Durchschnittsalter von knapp über 21 Jahren äußerst jung. Wo sind die erfahrenen Spielerinnen geblieben?

RITTER: Ich denke, wir sind eine sehr erfahrene Mannschaft. Viele waren, so wie ich, schon vor sechs, sieben Jahren dabei. Im Grunde hat es mit dieser Generation in Deutschland erst angefangen, weil wir die ersten waren, die wirklich gefördert wurden.

ABENDBLATT: Würde eine Medaille bei Olympia einen Schub bewirken, ähnlich wie bei den Fußballerinnen nach dem WM-Sieg?

SOESILO: Ich denke schon. In der Weltrangliste stehen wir ja sogar vor den Männern. An einen regelrechten Boom glaube ich aber nicht. Wenn, dann wird es sich langsam entwickeln.

RITTER: Sportlich haben wir sicher eine gute Chance in Turin. Im Januar haben wir immerhin gegen Olympiasieger Kanada gewonnen, auch wenn die mit einer U-22-Auswahl angetreten sind. Wenn wir einen guten Tag erwischen, können wir unser Auftaktspiel gegen Finnland gewinnen.

ABENDBLATT: Sie treffen gleich im zweiten Spiel am Sonntag auf die USA. Vor vier Jahren gab es ein 0:10. Werden Sie sich diesmal auf Schadensbegrenzung verlegen?

RITTER: In so ein Spiel geht man nicht unbedingt mit dem Vorsatz zu gewinnen. Ein 0:10 wird uns aber nicht noch einmal passieren. Damals haben wir einen ganz schlechten Tag erwischt und drei Tore innerhalb einer Minute kassiert. Ein 0:5 oder 0:3 würde es sicher auch tun.

ABENDBLATT: Was machen Kanada oder die USA im Eishockey so viel besser?

SOESILO: Die Spielerinnen sind es aus ihren Vereinen gewohnt, auf höchstem Niveau zu spielen. Das Training ist viel intensiver. Es gibt viel mehr Spielerinnen. Talente werden systematisch gesucht und gefördert. Bei uns ist es eher Glückssache, ob die Guten weiterkommen.

ABENDBLATT: Sie trainieren häufig zusammen mit den Männern. Gehen die denn zuvorkommend mit Ihnen um?

RITTER: Es gibt schon die Gentlemen, die einem den Schläger bringen. Die meisten verhalten sich aber ganz normal. Bei einigen weiß ich genau: Da gehe ich nicht voll in den Zweikampf, sonst haut er mich in die Bande. Wir sind körperlich nun einmal unterlegen.

ABENDBLATT: Gibt es auch Unterschiede in der Spielkultur?

SOESILO: Männer gehen nach dem Motto vor: reinschießen und Schluß! Sie spielen viel grober, direkter. Frauen denken mehr nach. Deshalb ist das Spiel wirklich anders.

ABENDBLATT: Attraktiver?

SOESILO: Ich finde schon.

RITTER: Ich glaube auch, daß Frauenspiele ihre eigene Attraktivität besitzen. Sie sind vielleicht nicht so schnell, dafür bauen sie stärker auf Taktik und Spielzügen auf, es gibt mehr Freiraum für kleine Einfälle einzelner Spielerinnen.

ABENDBLATT: Was schauen Sie sich lieber an?

SOESILO: Ganz ehrlich: weder - noch. Im Fernsehen sieht man es kaum, und die Freezers sind ein bißchen teuer. Abgesehen davon komme ich nur selten dazu, Sport zu gucken.

ABENDBLATT: Sie erhalten oft nur spätabends Trainingszeit in den Hallen. Fühlen Sie sich im HSV als Bundesligamannschaft ausreichend ernst genommen?

RITTER: Es ist auf alle Fälle besser geworden, seit wir in der Bundesliga sind. Allerdings nur, weil sich in der Damenabteilung einige dafür massiv eingesetzt haben. Von Gleichberechtigung kann aber noch keine Rede sein. Wir haben jetzt ein, zwei Eiszeiten pro Woche. Alle Nachwuchs-Bundesligateams des HSV haben drei.

ABENDBLATT: Und finanziell?

RITTER: Im Moment betreiben wir unseren Sport amateurhaft und sind sehr vom Engagement einzelner abhängig. Sponsoren zu finden ist schwierig, weil es in der Bundesliga nicht nur um 100 Euro geht. Wir brauchen Busse, haben weite Auswärtsfahrten, brauchen Übernachtungen, müssen unsere Ausrüstung finanzieren. Sogar Mitgliedsbeiträge müssen wir entrichten.

ABENDBLATT: Frau Ritter, Sie haben bis vor kurzem mit Ihrer Mutter Kornelia in einer Mannschaft gespielt. Wie ist das?

SOESILO: Ja, das frage ich mich auch . . .

RITTER: Wenn ich länger darüber nachdenke, finde ich es auch komisch. Aber ich kenne es gar nicht anders, und auf dem Eis ist es mir eigentlich nie aufgefallen. Wir hatten nie Probleme.

ABENDBLATT: Im Frauen-Eishockey sind Bodychecks nicht erlaubt. Hätten Sie gern mehr Körperkontakt?

SOESILO: Mir ist es egal. Ich bin kein Typ, der allzusehr seinen Körper einsetzt.

RITTER: Ich vermisse die Bodychecks auch nicht. Ich kann mich anders durchsetzen. Was stört, ist, daß einige Frauen trotzdem voll auf den Körper gehen und die Schiedsrichter es nicht ahnden. Vielleicht schauen diese Spielerinnen zuviel Männer-Eishockey.

ABENDBLATT: Was ist mit zünftigen Schlägereien?

RITTER: Sie meinen, wenn die ganze Mannschaft aufs Eis rennt? Das haben wir noch nicht erlebt. Es kommt schon mal vor, daß man jemanden wegschubst oder vor dem eigenen Tor die Faust ausfährt. Ansonsten werden Konflikte eher diplomatisch gelöst.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.