"Das Team Telekom war wie ein bequemes Nest"

Umsteiger: Der ehemalige Radprofi Kai Hundertmarck über Lance Armstrong, Jan Ullrich und den Mythos Ironman Hawaii.

ABENDBLATT: Herr Hundertmarck, die 10. HEW-Cyclassics gehen am Sonntag ohne Sie über die Bühne. Kommt da etwas Wehmut auf?

KAI HUNDERTMARCK: Klar, denn das Rennen stand während meiner Rad-Karriere fest im Terminkalender. Bis 2002 bin ich es fünfmal gefahren und es war jedesmal ein einmaliges Erlebnis. Weil die Hamburger ein ebenso begeisterungsfähiges Publikum sind, wie die Hessen beim deutschen Klassiker "Rund um den Henninger Turm" in Frankfurt.

ABENDBLATT: Wäre Ihnen ein Sieg in Hamburg mehr wert gewesen, als der Triumph in Frankfurt am 1. Mai 2000?

HUNDERTMARCK: Ich bin Frankfurter durch und durch, deshalb war der Sieg am Henninger Turm schon etwas ganz Besonderes. Zumal ich der erste Lokalmatador überhaupt war, der dieses Rennen gewinnen konnte. Ich habe damals gesagt, dieser Erfolg zähle für mich mehr als bei einer Weltmeisterschaft. An diesem Tag ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen, es war der wichtigste Sieg als Radprofi.

ABENDBLATT: Der Traum von einem Tour-Start hat sich nur einmal, 1999, erfüllt. Empfinden Sie das als Manko?

HUNDERTMARCK: Die Konstellation beim Team Telekom war eben so: Ich bin als Helfer geholt worden und war in dieser Funktion vor allem Anfahrer für Sprinter Erik Zabel. Da aber das Tour-Team schon damals auf Jan Ullrich und das Gesamtklassement ausgerichtet war, mußten die Zabel-Helfer zumeist zu Hause bleiben. Erst als Ullrich 1999 verletzungsbedingt fehlte und Erik Kapitän war, kam ich zu meiner einzigen Tour-Teilnahme.

ABENDBLATT: Hatten Sie nie größere Ambitionen, als nur Wasserträger zu sein? Sie galten immerhin mal als eines der größten Radsporttalente Deutschlands. Sie hätten die "Zähigkeit eines Gregor Braun" und die "Eleganz eines Dietrich Thurau" hieß es.

HUNDERTMARCK: Zu Beginn meiner Profikarriere bin ich in ausländischen Teams gefahren, da bist du fast automatisch Helfer. Als solcher habe ich mich recht schnell bewährt. So konnte ich fast nie auf eigene Kappe fahren und bin bald in diese Rolle hineingewachsen. Ich konnte mein Potential nie richtig ausspielen. Darunter hat irgendwann auch das Selbstvertrauen gelitten. Hinzu kamen Verletzungen, die mich immer dann zurückgeworfen haben, wenn ich gerade auf dem Sprung war. Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich zu einem Leader gelangt hätte. Doch dafür bin ich immer in großen Teams gefahren, an der Seite von Topstars wie Lance Armstrong oder Jan Ullrich. Das kann auch nicht jeder von sich behaupten.

ABENDBLATT: Bei ihrem Tour-Start 1999 holte Lance Armstrong seinen ersten Gesamtsieg. War damals schon absehbar, daß er die Frankreich-Rundfahrt die nächsten Jahre so dominieren würde?

HUNDERTMARCK: Absolut nicht. Denn wenn ich mich recht entsinne, war die Tour 1999 relativ offen und sein Erfolg keineswegs so überlegen. Außerdem fehlte Jan Ullrich. Daß Lance aber ein Mann mit außergewöhnlichen Fähigkeiten ist, wußte ich schon viel früher.

ABENDBLATT: Sie sprechen von Ihrer Zeit als sein Teamkollege bei Motorola.

HUNDERTMARCK: Richtig. 1993/94 fuhr ich für die amerikanische Equipe. 1993 war Lance ja bereits Weltmeister geworden. Schon damals meldete er Führungsansprüche an, obwohl er da erst 22 war und es im Team noch andere Leader wie Andrew Hampsten und Phil Anderson gab. Er hatte vor seiner Krebserkrankung vielleicht noch nicht jenen Killerinstinkt wie in der Zeit danach. Er hat aber immer genau gewußt, was er will - und wie er ans Ziel kommt.

ABENDBLATT: Unterscheidet ihn das vor allem von seinem Erzrivalen Jan Ullrich?

HUNDERTMARCK: Armstrong hat schon einen extrem starken Charakter. Er ist eben ein Mann, der 365 Tage im Jahr 100prozentig für dieses Ziel lebt und arbeitet. Jan bringt es im Winter und Frühjahr vielleicht nur auf 85 Prozent. Aber ich bin mir nicht sicher, ob er Lance irgendwann geschlagen hätte, selbst wenn auch er das ganze Jahr 100prozentig bei der Sache gewesen wäre. Was ihm vor allem fehlt, ist die eiskalte Herrschermentalität von Lance Armstrong.

ABENDBLATT: Wie meinen Sie das?

HUNDERTMARCK: Armstrong hat sich immer genau angeschaut, mit welchen Personen er sich umgibt. Als es zum Beispiel Probleme mit Kevin Livingstone und Bobby Julich gab, hat er beide recht schnell aussortiert. Bei der Tour läßt er nur die engsten Vertrauten in seine Nähe.

Jeder weiß, daß Jans wichtigste Bezugsperson Rudy Pevenage ist. Doch als Jan beim letzten Training vor dem ersten Zeitfahren durch die Heckscheibe des Teamwagens flog, saß nicht Pevenage am Steuer des Teamwagens, sondern der sportliche Leiter Mario Kummer. So etwas wäre Armstrong nie passiert. Mit Johan Bruyneel hatte er einen kongenialen Partner, ohne den Lance keinen Schritt gemacht hat.

ABENDBLATT: Hatte Ullrich also nie eine echte Chance gegen Lance Armstrong?

HUNDERTMARCK: Armstrong hatte bei seinen sieben Toursiegen nie einen schlechten Tag, er ist nie krank geworden, nie ernsthaft gestürzt, hat praktisch keine Fehler gemacht. Dieses Maß an Perfektion ist nicht von dieser Welt. Manchmal ist er mir geradezu roboterhaft vorgekommen.

ABENDBLATT: Dennoch hält sich eisern der Vorwurf, Jan Ullrich hätte aus seinen Möglichkeiten noch mehr machen können.

HUNDERTMARCK: Es ist doch so: Ohne Übermensch Armstrong hätte Jan nach seinem Sieg 1997 die Tour noch viermal gewonnen. Und dann hätte alle Welt gesagt, er habe alles richtig gemacht.

ABENDBLATT: Alexander Winokurows Weggang steht bereits fest, und auch andere Leistungsträger liebäugeln mit einem Wechsel. Muß man sich um das T-Mobile-Team 2006 Sorgen machen?

HUNDERTMARCK: Ein Mann wie Wino ist kaum zu ersetzen. Aber vielleicht sollte sich die Mannschaftsleitung wieder auf das besinnen, was das Team früher stark gemacht hat: Es gab viele deutsche Fahrer, die sich auch privat verstanden haben. Diesen harten Kern hat man aussortiert, er wurde nicht adäquat ersetzt. In den letzten Jahren wurden einige Ausländer verpflichtet, die in Magenta nicht wirklich schnell gefahren sind und schnell wieder gehen mußten. Ich glaube, diese schnellen Wechsel waren nicht gut, es mangelt an Kontinuität.

ABENDBLATT: Hinterließ Ihre eigene Ausbootung 2003 Bitterkeit?

HUNDERTMARCK: Das würde ich so nicht sagen. Anfangs war ich natürlich sehr enttäuscht, ich wäre schon noch gern ein, zwei Jahre gefahren. Doch bei Gerolsteiner war seinerzeit kein Platz mehr frei und einen Wechsel ins Ausland wollte ich meiner Familie nicht zumuten. Also hab ich mir gesagt: Probier' was Neues.

ABENDBLATT: Mußte dieses Neue aber ausgerechnet Triathlon sein, im Alter von 34 Jahren?

HUNDERTMARCK: Funsportarten haben mich schon immer gereizt, egal ob nun Snowboarden, Surfen oder Mountainbiken. Den Ironman auf Hawaii habe ich mehrfach im Fernsehen gesehen und war vom Mythos dieses Rennens sofort gefangen. Außerdem hatte ich schon lange zuvor Kontakt zu Lothar Leder, der ja aus meiner Gegend stammt. Zusammen haben wir oft 180 Kilometer auf dem Rad trainiert. Gestaunt habe ich damals nur, als er mir anschließend erklärte, er gönne sich dann mal eben noch zehn Kilometer zum Auslaufen.

ABENDBLATT: Hat Sie nicht gerade diese letzte Disziplin, der Marathonlauf, abgeschreckt? Es heißt doch immer, Rennfahrer würden am liebsten noch aufs Klo radeln.

HUNDERTMARCK: Klar stecken dir dann schon 3,8 km Schwimmen und 180 km auf dem Rad in den Knochen. Aber das Laufen hat viel mit Charakter zu tun. Am Schluß ist vor allem der Wille entscheidend. Doch als Radprofi habe ich gelernt, mich durchzubeißen. Allerdings mangelte es mir anfangs an der richtigen Technik. Der Hamburger Laufguru Matthias Marquardt hat sich bei meiner ersten professionellen Laufanalyse fast kaputtgelacht. Inzwischen sieht das aber schon sehr ordentlich aus.

ABENDBLATT: So ordentlich, daß sie bei ihrem ersten Ironman auf Hawaii 2004 gleich 15. wurden.

HUNDERTMARCK: Damit hätte ich vorher selbst kaum gerechnet. Zumal ich nicht im Profifeld gestartet bin und somit schon nach dem Schwimmen 25 Minuten Rückstand auf die Spitze hatte. Doch mit der zweitbesten Radzeit trotz extremen Winds habe ich das Feld praktisch von hinten aufgerollt. So gesehen war das Resultat geradezu sensationell.

ABENDBLATT: Haben Sie inzwischen auch das Schwimmen liebengelernt?

HUNDERTMARCK: Das wird mir in diesem Leben nicht mehr gelingen. Ich trainiere in Wiesbaden mit Zehn- bis Zwölfjährigen, die mir teilweise davonziehen. Dennoch habe ich mich in einem Jahr um fünf Minuten verbessert und bin jetzt von den Topleuten nur noch fünf Minuten entfernt.

ABENDBLATT: Ist Ihnen der Schritt vom Teamplayer zum Einzelkämpfer problemlos gelungen?

HUNDERTMARCK: Alles, was ich jetzt an Energie und Einsatz investiere, bekomme ich hundertprozentig zurück. Als Teamsportler ist das nicht immer so, weil du deine Kraft oft in den Dienst der Mannschaft stellen mußt. Die negative Seite ist sicher, daß man in allen anderen Dingen auch auf sich allein gestellt ist. Keiner bucht mehr Hotels für dich, kümmert sich um dein Material oder sorgt dafür, daß du deine Massagen bekommst. Da denke ich natürlich manchmal gern an Telekom zurück, wo man wie in ein bequemes Nest gebettet war.

ABENDBLATT: War der Wechsel ins Metier der Ausdauerdreikämpfer auch finanziell ein Sprung ins kalte Wasser?

HUNDERTMARCK: Ich habe erstaunlich schnell verläßliche Partner gefunden. Dazu gehört auch die Nahrungsmittel-Firma Kluth aus Henstedt-Ulzburg. Daß mich die Deutsche Bank unterstützt, war angesichts meines Namens Hundertmarck ja naheliegend. Nein, im Ernst: Dieser Name ist in Hessen fast schon so etwas wie ein Markenzeichen. Mein Großvater Hans war 1925 deutscher Straßenmeister und auch mein Vater Walter war 30 Jahre später Nationalfahrer.

ABENDBLATT: Bleibt es dabei, daß Sie beim Holsten City Man am 7. August in Hamburg Ihre Premiere auf der olympischen (Kurz-)Distanz feiern?

HUNDERTMARCK: Das klappt leider nicht. Ich mußte mich vor einer Woche einer Knie-Operation unterziehen und kann deshalb nicht starten. Ich freue mich aber trotzdem auf Hamburg, weil die Atmosphäre einfach unvergleichlich sein soll.

Interview: LUTZ WAGNER

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.